KRITIKEN 2009/2010



Dresden

TANZ FÜR DIE VERLETZTEN SEELEN

„Eingebrannt“ von Golde Grunske als bewegende Reaktion auf staatlich verordneten Missbrauch an Jugendlichen in der DDR


  • Foto © Lutz Lippmann; [URL]www.lichtbildwerker.com[/URL]
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Krach, Tür zu, Geräusche foltern das Ohr. Metall wird aufeinander geschlagen. Vor uns stehen fünf Tänzerinnen. Hände an den Hosennähten. In ihren Blicken ist Angst. Allein ihre Augen bewegen sich. Die Körper in schmerzhafter Anspannung sind in verordnete Bewegungslosigkeit gepresst. Selbstdisziplin im Kampf mit den nicht verlöschenden Funken der Selbstachtung. Die Klänge des Atems, die Herzschläge meint man zu hören, das Würgen im Hals scheint man zu spüren, die stummen Schreie derer, denen diese Arbeit gewidmet ist, bewegen die Körper der Tänzerinnen. So formen sich Bilder aus Bewegungen, die den Ausnahmesituationen geschuldet sind, fremdbestimmt dem Gleichmaß zu folgen und jeden Spalt, jede Lücke zu nutzen, für Sekunden dem allen zu entkommen im minimalen Genuss kurzer Eigenständigkeit.

Wir sehen die Bilder von Nähe und Distanz, von Vereinzelung und krampfhaft erkämpfter Nähe, minimalste Zuwendung, in der Gleichheit unter Ungleichen. Wir sehen den Kampf, der sich gegen andere, gegen sich selbst und die eigene Haut richtet, gegen Wände und Mauern, die zu Klagemauern werden, an denen Körper zuckend herabgleiten oder in versiegender Kraft verharren. Dabei verfallen die Tänzerinnen niemals in ein einfaches Abbildschema. Immer sind sie in dem, was sie antreibt oder verharren lässt, was sie aufrichtet oder stürzen lässt, regelrecht verstrickt in einem inneren Dialog mit erinnernden Wahrnehmungen denen sich Worte verweigern. Die stumm gewordenen Körper aber sprechen ihre eigene Sprache, und das macht diesen Tanz so bewegend und beunruhigend, authentisch vor allem in der unsentimentalen, maßvollen Art von Juliane Bauer, Anne Brinkmann, Anna Fingerhuth, Doreen Heidrich und Bettina Paletta.

Die Choreografin Golde Grunske nennt den ersten Teil ihres Abends „Schocktherapie“. Sie hat sich intensiv mit der Geschichte des ehemaligen Geschlossenen Jugendwerkhofes in Torgau beschäftigt, in dem Jugendlichen ohne Verurteilung unter wesentlich härteren Bedingungen als in Vollzugseinrichtungen der DDR in brutalen Umerziehungsmaßnahmen der Wille gebrochen werden sollte. Dazu, so rühmte sich der Direktor der Einrichtung, brauche man in der Regel drei Tage, und seine Methoden nannte er „Schocktherapie“. Der Torgauer Jugendwerkhof mit Mauern, Gittern und Wachtürmen funktionierte von 1964 bis 1989. Über 4.000 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren sollten hier umerzogen werden, sich sozialistischen Lebensnormen unterordnen, die Mittel waren Kontrollsysteme, körperliche Erschöpfung, Einzel- und Dunkelarrest, psychischer Druck auf Pubertierende, Heranwachsende.

Ihrer Arbeit „Schocktherapie“ von 2008 hat die Choreografin inzwischen eine weitere hinzugefügt, und beide unter dem Titel „Eingebrannt“ jetzt im Dresdner Theaterhaus Rudi als Gesamtkonzept vorgestellt. Teil zwei mit dem Titel „danach“ geht auf die Beschäftigung mit den Biografien vier ehemaliger Häftlinge vor und nach ihren Entlassungen zurück. Wieder gelingt es in einem hohen Maß an emotionaler Abstraktion beredte Bilder in der Bewegung, im Tanz zu entwickeln, die völlig frei sind von jeder möglichen Art der Bloßstellung oder gar unzulässiger Identifikationsversuche.

Es beginnt im Freien. In der „Freiheit“. Vier Tänzerinnen, vier Feuer, vier Versuche zu verbrennen, was eingebrannt ist, was unter die Haut gegangen ist. Die Fortsetzung im Theater ist der Tanz der vier Frauen in den Situationen der Unentrinnbarkeit vor dem, was Menschen in Torgau wiederfuhr, in aller Bürokratie dokumentiert wurde und als Beispiel in der Kopie einer Maßnahme auf jedem Sitz des Theaters ausliegt. Die Skala der Versuche des Entrinnens reicht von Apathie bis Aktionismus, von Vereinzelung bis zum erneuten, krampfhaften Kampf um Nähe. Die Fluchtversuche, wie im beeindruckenden Solo von Juliane Bauer, richten sich nicht mehr gegen Wände oder Mauern, sondern gegen die eigene Haut, den eigenen Körper, das eigene Gedächtnis. Zu den Tänzerinnen (Bettina Paletta, Anne Brinkmann und Doreen Heidrich) kommt Nicolle Dürschmid mit ihrer Musik. Sie spielt Violine, fahle Tonfolgen, aufregende, drängende Pizzicato-Folgen, aber auch vage Hoffnungsklänge melodischer Bögen.

www.golde-grunske.de www.rudi-dresden.de http://circulerparler.net

Veröffentlicht am 03.04.2010, von Boris Michael Gruhl in Kritiken 2009/2010

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