KRITIKEN 2009/2010



Paris

ERLEUCHTUNG IN DER MONDFÄHRE

Angelin Preljocaj choreografiert ”Siddharta” an der Pariser Opéra


  • "Siddharta". Clairemarie Osta - Jérémie Bélingard Foto © Anne Deniau/Opéra national de Paris

Nicht die Masse macht’s. ”Siddharta”, so heißt es in einer Kritik, ist ein Stück für fünfzig Tänzer, ”das imposanteste Ensemble, an das er sich je wagte”. Seine eigene Kompanie, das Ballet Preljocaj in Aix-en-Provence, ist nur halb so groß – und das ist Angelin Preljocajs vierter Kreation für die Pariser Opéra durchweg anzumerken. Alles erscheint wie aufgeblasen, den gigantischen Bühnenverhältnissen der Bastille so angepasst, dass die Details, die seine Choreografien sonst so ausgezeichnet haben, darüber völlig verloren gehen.

All das bei einem Stoff, der nach Überwindung verlangt, nach Vergeistigung und einer Kunst, die auf Konzentration setzt statt auf Show, die das eigentliche Ereignis ohnehin nur relativiert: die ”Erweckung” eben jenes Siddharta Gautama nämlich, der als der Buddha in die Menschheitsgeschichte eingegangen ist. Zumindest dem Namen nach steht er im Mittelpunkt eines anderthalbstündigen Balletts, das seine Beweggründe beleuchtet und in 16 Bildern ein Leben zeigt, das den Luxus eines fürstlichen Elternhauses hinter sich lässt und in der Überwindung aller Leiden seine Erfüllung findet.

Zunächst wähnt man sich eher in einem anderen Stück. Wie ein Pendel schwingt ein ausgeglühter Meteorit hin und her, während sich auf der dunklen Bühne à la Béjart zehn Schwarzhemden zu einer Todesschwadron formieren, deren Sinn sich nur schwer erschließt. Auch die Erscheinung Siddhartas schafft nicht unbedingt Klarheit. Lange Zeit sieht das Ballett vielmehr danach aus, als wollte Angelin Preljocaj mit seiner Kreation insgeheim Petipas ”La Bayadère” Konkurrenz machen. Dazu passend: die ”Boten” im fünften Bild, die barfüßig, dafür jedoch in weiße Tüll-Négligés gehüllt, dem Königreich der Schatten zu entstammen scheinen. Allein, ihr Auftritt erfolgt wohl sukzessive, nicht aber serpentinenhaft. Weniger kunstvoll vereint sie Preljocaj am Ende symbolkräftig im Kreis – selbst der wird in Paris von manchen Beobachtern noch als choreografische Errungenschaft gefeiert.

Schon bei seinem ”Schneewittchen” für das Staatsballett Berlin hat Preljocaj zuletzt eher mit Effekten beeindruckt als mit seinen Schritten. Nicht anders bei ”Siddharta”. Auch hier entflieht die ”Erleuchtung” allen Nachstellungen am Seil, und für Tableau Nr. 12 holt Claude Lévêque, ein überaus prominenter ”Artiste plasticien” aus Nevers, sogar eine gigantische Mondfähre aus seinem Hangar. Auf der geht’s dann allerdings recht handgreiflich zu: ein letztes Mal erliegen Siddharta und sein Cousin Ananda, wie es so schön auf dem Programmzettel heißt, der ”Versuchung körperlicher Lust”. Vollkommen befriedigt, folgt seine Erleuchtung auf dem Fuß: ein erhabener, in jeder Hinsicht berührender Augenblick, in dem sich die Körper Siddhartas und der ”Erweckung” genannten Figur verschmelzen. Ein Augenblick auch, der einen das einstige Genie Angelin Preljocajs noch einmal ahnen lässt – und der Jérémie Bélingard wie Clairemarie Osta so inspiriert und feinfühlig zeigt, wie man sich das von einem Tänzer nur wünschen kann.

Komponiert hat ”Siddharta” übrigens Bruno Montovani, und auch er schöpft aus dem Vollen, ohne die Bastille-Oper wirklich zu füllen. Doch Susanna Mälkki, Directrice musicale des Ensemble intercontemporain, hat sein Ballett verinnerlicht, und ohne Stab dirigiert sie das riesige Orchester so bewegt, dass man versucht ist, ihr mehr auf die Finger zu schauen als auf die Füße durchweg begeisternder Tänzer. Und das will was heißen bei einer Musik, die nicht zu überhören ist!

[vgwort]9d44b970931ad120462ad0b87195e1[/vgwort] www.operadeparis.fr

Veröffentlicht am 24.03.2010, von Hartmut Regitz in Kritiken 2009/2010

Dieser Artikel wurde 2918 mal angesehen.



Kommentare zu "Erleuchtung in der Mondfähre"



    • Kommentar am 24.03.2010 16:30 von Angela Reinhardt
      Dorion Weickmann in der Süddeutschen Zeitung: "Bis dahin aber hat sich der Zuschauer durch allerlei Sottisen gekämpft, einen Reigen von behelmten Darth-Vader-Bösewichten überstanden, eine auf Goldbarren thronende Aristokratie besichtigt, einen melodramatischen Abschied zwischen Siddharta und Yasodhara begutachtet und Bruno Mantovanis existentialistischem Jimi-Hendrix-Furor gelauscht. Auch die anschließende Pilgerreise gerät in heftige Turbulenzen, insofern der heilsuchende Prinz und sein Cousin Ananda ausgerechnet auf dem Chassis eines Lasters herum turnen und zwei Schönen erliegen, die sich wie Gogo-Girls gebärden. Très chic ist das alles, gewiss, aber es bleibt eben jenseits jeder tieferen Irritation." Dieser Artikel ist online nur gegen Gebühr erhältlich: www.sueddeutsche.de

Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

AKTUELLE KRITIKEN


LUSTVOLLES FLIEGEN

Die Choreografin Elizabeth Streb mit ihren "Action Heroes" beim Internationalen Sommerfestival in der Hamburger Kampnagelfabrik
Veröffentlicht am 16.08.2018, von Annette Bopp


KLASSIKADAPTIONEN, ZUKUNFTSVISIONEN UND EINE PRISE HUMOR

Erste Gastspiele beim 30. Festival Tanz im August
Veröffentlicht am 16.08.2018, von Volkmar Draeger


ZWISCHEN POP- UND SUBKULTUR

ImPulsTanz – Young Choreographers' Award
Veröffentlicht am 16.08.2018, von Christian Keller



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



IMPULSTANZ NAHT SICH DEM FULMINANTEN ENDE

Noch bis 12. August tanzen beim ImPulsTanz Festival Stars und Newcomer_innen der internationalen und österreichischen Tanzszene sowohl auf den Bühnen Wiens als auch im mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien.

Unter ihnen finden sich bekannte Namen wie Meg Stuart oder Louise Lecavalier, aber auch spannende Jungchoreograf_innen wie Jamila-Johnson Small oder Silke Huysmans & Hannes Dereere.

Veröffentlicht am 06.08.2018, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

„Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


LETZTER WALZER IN STUTTGART

Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


MOSAIK DER BEWEGUNG

Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer

MEISTGELESEN (30 TAGE)


RAUM, KLANG, TANZ

Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


GROßE GALA

Viel Dank für Reid Anderson in Stuttgart

Veröffentlicht am 26.07.2018, von Boris Michael Gruhl


HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


ESKALATION AM TANZTHEATER WUPPERTAL

Intendantin Adolphe Binder entlassen, Geschäftsführer Dirk Hesse hört zum Jahresende ebenfalls auf

Veröffentlicht am 13.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


DER KLASSIZIST UNTER DEN TANZFOTOGRAFEN

Gert Weigelt wird 75

Veröffentlicht am 25.07.2018, von tanznetz.de Redaktion



BEI UNS IM SHOP