KRITIKEN 2009/2010



Gelsenkirchen

DIE KINDER DER NACHT „SPIELEN DAS SPIEL“

Cocteau, Glass, Schindowski im Musiktheater im Revier


  • Priscilla Fiuza, Ensemble, Thomas Weber-Schallauer. Foto © Pedro Malinowski
  • Alina Köppen, Evgeny Gorbachev, Min-Hung Hsieh. Foto © Pedro Malinowski

In einer eindrucksvollen, spartenübergreifenden Produktion des Musiktheaters im Revier in Gelsenkirchen inszeniert und choreografiert Bernd Schindowski Philip Glass‘ Tanzoper „Les enfants terribles“ nach Jean Cocteaus gleichnamiger Erzählung. Die pochenden, hämmernden, drängenden Akkorde und Läufe der minimalistischen Partitur für drei Keyboards fangen das nervöse Flair der Episoden zwischen Realität und Fantasie aus dem Leben des inzestuösen Geschwisterpaares Elisabeth und Paul minutiös ein. Die Dialoge der vier Teenager – neben den Geschwistern die Freunde Gérard und Agathe – werden von vier Gesangssolisten gesungen und gleichzeitig von vier Tänzern getanzt. Ein Erzähler rezitiert verbindende Ausschnitte aus Cocteaus Originaltext.

Glänzend gelingt Schindowki die Verteilung der unterschiedlichen beteiligten Künstler im Theaterraum: die Keyboarder (Annette Reifig, Askan Geisler und Desar Sulejmani) sitzen, samt Dirigent Bernhard Stengel, direkt vor den Zuschauern im Parkett. Das Gesangsquartett mit Diana Petrova, Denitsa Pophristova, Michael Dahmen und E. Mark Murphy singt von der ersten Rangloge. Den Erzähler, Schauspieler Thomas Weber-Schallauer, lässt Schindowski auf der zweigeteilten Bühne mitten unter den Tänzern wandern und wandeln, ohne dass die Jugendlichen ihn je bemerken - ein schlüssiges Signal, um die völlige Abgeschiedenheit von der Realität zu zeigen, wenn Elisabeth und Paul „das Spiel spielen“.

In eine Fantasiewelt tauchen sie dann ein, lassen dabei auch ihrer erotischen Liebe für einander freien Lauf. Wie sehr die 19-jährige Elisabeth dem 17-jährigen Bruder ihre Überlegenheit zeigt, wo immer sie kann, ihn tyrannisiert und schikaniert – vor allem mit der Androhung, ihn zu verlassen, so sehr setzt sie in panischer Angst alles daran, seine aufkeimende Liebe zu Agathe zu zerstören, indem sie Agathe mit Gérard verkuppelt. Dieses Leben ist eine Sackgasse: die Tragödie endet mit dem Selbstmord der Geschwister.

Die Bühne hat Johannes Leiacker in zwei Ebenen geteilt, in draußen und drinnen - Realität und Fantasie: vorn das spartanisch möblierte Zimmer der Geschwister, hinten Träume, Erinnerungen, Fantasien. Beide Ebenen verschieben sich immer wieder, werden hochgefahren oder abgesenkt – dezente Signale wie auch die Kostüme von Andreas Meyer, der vor allem die schillernde Vielgestaltigkeit von Elisabeth meisterlich charakterisiert. Die sehr junge, gazellen-zarte, langbeinige Alina Köppen wächst in der Rolle der Elisabeth über sich hinaus. Schindowski hat ihr die Rolle virtuos auf den Leib choreografiert, sodass ihre Gliedmaßen aus der Bewegung heraus ihre Gedanken und Gefühle aussprechen. Evgeny Gorbachev ist der zwar sehr maskuline, aber deutlich von seinem fast tödlichen Unfall gezeichnete und auch mental leidende Paul. Min-Hung Hsiehs Gérard bleibt leider durch die ständig wiederholten, wenig aussagekräftigen neo-klassischen Posen und Sprünge farblos. Priscilla Fiuza – die einzig „Normale“ des Quartetts - tanzt die lebensfrohe Agathe frisch.

Mit dem wunderschönen Bild einer harmlos erscheinenden Schneeballschlacht, bei der Paul allerdings von einer Eiskugel getroffen und schwer verletzt wird, beginnt die Tanzoper. Wie kalt die Welt ist, zeigt ein stetig wachsender Eiszapfen. In der letzten „Draußen“-Szene, als drinnen die Geschwister tot liegen, reicht er bis zum Boden. Ein eindrucksvoller Schluss dieser hochkarätigen Inszenierung eines zeitgenössischen Repertoire-Stücks.

www.musiktheater-im-revier.de www.philipglass.com

Veröffentlicht am 22.03.2010, von Marieluise Jeitschko in Kritiken 2009/2010

Dieser Artikel wurde 2804 mal angesehen.



Kommentare zu "Die Kinder der Nacht „spielen das Spiel“"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


REGENSBURG STEHT KOPF

Klang und Bewegung im Austausch: "Drum Dancing" am Theater Regensburg
Veröffentlicht am 17.02.2020, von Michael Scheiner


TANZ ALS WIDERSTAND

Samuel Mathieu bringt mit dem Ballett Chemnitz ein Frauenstück auf die Bühne
Veröffentlicht am 17.02.2020, von Gastbeitrag


DAS ROYAL BALLET MIT „SCHWANENSEE“

Mit einem Klassiker des Ballettrepertoires ist das Royal Ballet am 1. April 2020 live im Kino zu erleben.
Veröffentlicht am 17.02.2020, von Anzeige



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



EIN MITTSOMMERNACHTSTRAUM

Deutsche Erstaufführung von Alexander Ekmans Ballett im Dortmunder Opernhaus

Die Produktion des Ballett Dortmund ist erst die dritte Aufführungsserie von Ekmans Choreographie nach Stockholm und Chicago. Die Dortmunder Philharmoniker spielen die Musik von Mikael Karlsson.

Veröffentlicht am 04.02.2020, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


VORZEITIGES ENDE AM STAATSBALLETT BERLIN

Johannes Öhman und Sasha Waltz beenden ihre Intendanz zum Ende des Jahres
Veröffentlicht am 22.01.2020, von Pressetext


TROTZ RENTENKRISE IN HOCHFORM

Das Ballett der Pariser Oper tanzt "Giselle" im Palais Garnier
Veröffentlicht am 06.02.2020, von Julia Bührle

MEISTGELESEN (30 TAGE)


VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin

Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


VORZEITIGES ENDE AM STAATSBALLETT BERLIN

Johannes Öhman und Sasha Waltz beenden ihre Intendanz zum Ende des Jahres

Veröffentlicht am 22.01.2020, von Pressetext


HIN UND HER

Will Sasha Waltz jetzt doch beim Staatsballett bleiben?

Veröffentlicht am 28.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


BINDERS KÜNDIGUNG BLEIBT UNWIRKSAM

Die Beschwerde der Stadt Wuppertal wurde verworfen

Veröffentlicht am 22.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


BETTINA MASUCH BLEIBT AM TANZHAUS NRW

Der Vertrag von Bettina Masuch wird um 18 Monate verlängert. Sie bleibt somit bis Ende der Spielzeit 2021/22 Intendantin des Tanzhaus NRW in Düsseldorf.

Veröffentlicht am 06.02.2020, von tanznetz.de Redaktion



BEI UNS IM SHOP