KRITIKEN 2009/2010



Bremen

AM ANFANG WAR DAS RENNEN

Solo für Günther Grollitsch


  • Günther Grollitsch in "readme" Foto © Esther Engelke
  • Günther Grollitsch in "readme". Foto © Esther Engelke

Am Anfang war das Rennen. Und dann gibt es einen Unfall. So ganz genau weiß man es nicht, denn das Tanzsolo von Günther Grollitsch, das vom steptext dance project in der Schwankhalle präsentiert wird, lässt viele Interpretationen zu. Einerseits ist es ein futuristisches Bildertheater, das Assoziationen zu einer verunglückten Weltraureise hervorruft. Vielleicht stellt der Abend aber auch eine virtuelle Schöpfungsgeschichte dar, die von einer wortlosen Welt erzählt, in der die Sprache erst angeeignet werden muss. Der Titel fordert zur Deutung auf: „read me“ – Lesen und Interpretieren ist gefordert.

Grandios der Beginn: Da baumelt ein Mann mit Sturzhelm von der Decke herab. Ist dies ein Rennfahrer – oder ein Astronaut? Vielleicht ist er ein sprachloser Fremdling, der sich im Sturzflug zur Menschwerdung befindet. Wie eine Marionette überwindet diese Kreatur langsam ihren Schwebezustand und bekommt festen Grund unter die Füße. Komponierte Lichtreflexe begleiten diese Art Niederkunft.

Besonders raffiniert ist der Raum vom Videokünstler Sönke Busch gestaltet. Die Zuschauer sitzen auf zwei Etagen verteilt und blicken von allen Seiten hinab auf eine Art Arena. Nur durch fensterartige Luken können sie, ähnlich wie bei einer Peep-Show, hinab in eine himmlisch weiße Welt sehen, wo alle vier Wände als Projektionsflächen genutzt und mit bewegten Videobildern bemalt werden. Hier flirren digitale Variationen des Naturschönen: Bäume, Vogelschwärme, Strukturen. Mit solch ausgefeilter Raumästhetik entwickelt Grollitsch eine Choreografie, die erst gegen Ende größere tänzerische Bewegungskompositionen anbietet und die dann auch ein Spiel mit Maskierungen wie Perücken aufnimmt.

Zuvor gibt es langsam zuckende Ertastungen des Raumes. Der entmenschlichte Helmträger ist gesichtslos, ohne Identität. Zurück geworfen auf das Kreatürliche, wie ein Insekt liegt er da auf dem Rücken. Seine Bewegungen sind geschrieben in einer Sprache in unbekannter Grammatik. Mit einem schleichenden Lichtpunkt, der sich ihm glühend nähert, bewegt er sich am Ende in einem innigen körperlichen Zwiegespräch. Dass der Abend seine Inspiration aus den fragwürdigen Identitäten der Online-Kommunikation bezogen hat, ist dann nur noch ein Nebenaspekt. Eine sehenswerte Angelegenheit in jedem Fall.

Autor: Sven Garbade Mit freundlicher Genehmigung von Sven Garbade und dem Weser-Kurier

Veröffentlicht am 09.03.2010, von Gastbeitrag in Kritiken 2009/2010

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Kommentare zu "Am Anfang war das Rennen"



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