KRITIKEN 2009/2010



Essen

„HEILIGE GEORGETTE“ IST DIE GRANDE DAME DER CHOREOLOGIE

Deutscher Tanzpreis 2010 für Georgette Tsinguirides in Essen


  • Ulrich Roehm und Georgette Tsinguirides Foto © Ursula Kaufmann
  • Iana Salenko erhält von Ulrich Roehm den Tanzpreis Zukunft Foto © Ursula Kaufmann
  • Iana Salenko mit Marijn Rademaker Foto © Ursula Kaufmann
  • vlnr: Egon Madsen, Eric Gauthier, Georgette Tsinguirides, Su Jin Kang, Marijn Rademaker Foto © Ursula Kaufmann

Sie strafen die Behauptung Lügen, Tanz sei die flüchtigste aller Künste. Denn Choreologen und Choreologinnen verfolgen an der Seite des Choreografen die Entstehung neuer Ballette und notieren Schritt für Schritt und Pose um Pose, damit Meisterwerke etwa von John Cranko, Maurice Béjart, John Neumeier oder Kurt Jooss der Nachwelt authentischer überliefert werden als mühselige Rekonstruktionen nach ungenauen Augenzeugenberichten es ermöglichen.

Die 27. Verleihung des Deutschen Tanzpreises durch den Verein zur Förderung der Tanzkunst in Deutschland in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Berufsverband für Tanzpädagogik (Essen) stand ganz im Zeichen der Choreologie und bot gleichzeitig ein Fest hochkarätigen Balletts. Stars aus Stuttgart, Hamburg, Berlin und Essen überboten sich an Eleganz, Virtuosität und Charme bei der über vierstündigen Gala im Aalto-Theater.

Vor allem aber war es die Stunde der wichtigsten Choreologinnen Deutschlands. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Tanzpreis 2010 wurde die Deutsch-Griechin Georgette Tsinguirides, die dem Stuttgarter Ballett als Tänzerin und Choreologin seit 65 Jahren verbunden ist und an diesem Tag ihren 82. Geburtstag beging. Spontan feierte das Publikum sie mit einem Ständchen und stehenden Ovationen. Marcia Haydée nannte die noch immer aktive, vor Vitalität sprühende, einstige „rechte Hand“ John Crankos in ihrer launigen Laudatio die „Heilige Georgette“ - von Tänzern in aller Welt für ihren Humor und ihre Kompetenz bei der Einstudierung von Balletten geliebt und ob ihrer Strenge gefürchtet. Sie sei „immer da, bleibt immer hilfsbereit. Mach' weiter!“ rief sie ihr zu.

Die Anerkennungsurkunde für ihr Lebenswerk überreichte Ulrich Roehm, Vorsitzender des Berufsverbandes, an Christine Eckerle, die scheidende Dozentin für Kinetographie Laban an der Folkwang-Universität Essen, und an Susanne Menck, die langjährige Choreologin John Neumeiers beim Hamburg-Ballett. Den Deutschen Tanzpreis „Zukunft“ 2010 erhielt die zierliche, überaus grazile Erste Solistin des Staatsballetts Berlin, Iana Salenko, „für eine überzeugende Traum-Karriere“ dank ihrer brillanten Technik und ihres außergewöhnlichen Charmes. In seiner Laudatio lobte Alt-Kritiker Klaus Geitel Salenkos soubrettenhafte Jugendfrische und Spitzzüngigkeit, die sie in dem Tschaikowsky-Pas de deux von George Balanchine mit dem brillanten Essener Ballerino Breno Bittencourt und in dem romantischen Liebesduett Olga/Lenski aus John Crankos „Onegin“ mit dem Stuttgarter Star Marijn Rademaker hinreißend unter Beweis stellte.

Projektionen einzelner Seiten der choreologischen Partitur von Susanne Menck setzten einen sinnvollen, aparten Akzent zu Szenen aus zwei Balletten von John Neumeier, dem Solo des Petrus aus der „Matthäus-Passion“, sehr jugendlich frisch präsentiert von Peter Dingle, und dem Goldenen Sklaven aus „Nijinsky“, mit großer Aura und ausladenden Legato-Armschwüngen von Otto Bubeniček auf die Bühne gehaucht.

Die internationale Ausstrahlung John Crankos, maßgeblich gefördert durch Tsinguirides' Einstudierungen seiner Ballette weltweit, zeigten stellvertretend für Unzählige Zhang Jian und Hao Bin vom National Ballet of China Beijing. Sie bezauberten mit dem Liebes-Pas-de-deux aus „Romeo und Julia“. Ein abstrakter Pas de deux ging mit „Legende“ voran. Die akrobatisch waghalsig hohen Hebungen zu Beginn und am Ende boten Sue Jin Kang und Jason Reilly mit stupender Eleganz. Entertainment pur war (nicht nur) zu Tsinguirides' Entzücken mit ihrer liebsten Cranko-Choreografie angesagt: Egon Madsen als etwas fülliger, weißhaariger Clown und Eric Gauthier als sein quirliger, rothaariger Junior-Partner begeisterten als „The Lady and the Fool“.

Der vornehm geschmeidige Filip Barankiewicz und Alicia Amatriain (eingesprungen für die verletzte Isabelle Ciaravola) boten das leidenschaftliche Wiedersehen von Tatjana und Onegin aus dem 3. Akt von „Onegin“ vor dem absoluten Höhepunkt des Programms, „Poème de l'extase“ in Jürgen Roses berückend Klimt'schen Jugendstil-Ambiente auf Alexander Skrjabins gleichnamige sinfonische Dichtung von einer alternden Diva (Kang), in die sich ein Jüngling (Rademaker) verliebt. Sie aber schwelgt in Erinnerungen an frühere Liebschaften und weist ihn ab. Was für ein Höhepunkt dieses Gala-Abends, an dem ein vom Ballettpublikum kaum je wahrgenommener Mosaikstein des Tanzes – die Tanznotation - dankenswerter Weise effektvoll ins Rampenlicht geholt wurde.

Veröffentlicht am 28.02.2010, von Marieluise Jeitschko in Kritiken 2009/2010

Dieser Artikel wurde 3395 mal angesehen.



Kommentare zu "„Heilige Georgette“ ist die Grande Dame der ..."



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LEUTE AKTUELL


KINSUN CHAN WIRD TANZCHEF IN ST. GALLEN

Der Schweiz-Kanadier übernimmt auf die Spielzeit 2019/2020 die Nachfolge von Beate Vollack
Veröffentlicht am 24.05.2018, von Pressetext


SPRECHENDE SCHULTERN, SCHREIENDE ELLBOGEN UND FLÜSTERNDE KNIE

Interview mit Wayne McGregor: Neuer Ballettabend am Bayerischen Staatsballett
Veröffentlicht am 15.04.2018, von Vesna Mlakar


STAKEHOLDER IN STRUMPFHOSE ODER BETRIEBSJUBILÄUM AUF DER BÜHNE

Jason Reilly – ein Interviewportrait von Alexandra Karabelas
Veröffentlicht am 13.03.2018, von Alexandra Karabelas



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



CREATING DANCE IN ART AND EDUCATION

Tanzpädagogik/ Choreografie Berufsbegleitende Weiterbildung am UdK Berlin Career College ab Oktober 2018

Im Oktober 2018 beginnt die nächste Ausgabe der Weiterbildung Creating Dance in Art and Education – Tanzpädagogik/ Choreografie am Berlin Career College der Universität der Künste Berlin mit einem neuen Format.

Veröffentlicht am 20.04.2018, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

„Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


MOSAIK DER BEWEGUNG

Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

MEISTGELESEN (7 TAGE)


DAS LEBEN ALS DAUERLAUF

Die Tanzkompanie des Staatstheaters Braunschweig zeigt Guilherme Botelhos atemberaubendes Tanzstück „Sideways Rain“

Veröffentlicht am 10.05.2018, von Andreas Berger


SEHNSUCHTSVOLLER HERZSCHMERZ

"True Romance" von Hans Henning Paar und Daniel Soulié am Theater Münster

Veröffentlicht am 19.05.2018, von Marieluise Jeitschko


WUNDERVOLLES JETZT

"After Trio A" von Andrea Božić und “The Dry Piece” von Keren Levi

Veröffentlicht am 17.05.2018, von Natalie Broschat


ÄSTHETISCHE WELLEN

Der Tanzabend "Waves" von Tarek Assam am Stadttheater Gießen

Veröffentlicht am 18.05.2018, von Dagmar Klein


GALA WIEDER EIN RAUSCHENDES TANZFEST

TanzArt ostwest in Gießen

Veröffentlicht am 22.05.2018, von Dagmar Klein



BEI UNS IM SHOP