KRITIKEN 2009/2010



Duisburg

BALANCHINE – LIGHTFOOT/LEÓN – SCHLÄPFER

Perfekte Zusammenstellung beim Ballett am Rhein


  • Ordep Rodriguez Chacon und Ann-Kathrin Adam in „Serenade“ von George Balanchine Foto © Gert Weigelt
  • „Signing Off“ von Sol León / Paul Lightfoot Foto © Gert Weigelt
  • „Reformationssinfonie“ von Martin Schläpfer Foto © Gert Weigelt
  • „Serenade“ von George Balanchine Foto © Gert Weigelt

Martin Schläpfers perfekte Dramaturgie von „b.03“, seinem dritten Programm für die neu formierte Rheinopern-Kompanie „Ballett am Rhein“ (Düsseldorf/Duisburg), wird erst am Ende wirklich klar. George Balanchines Schlüsselwerk „Serenade“ auf Tschaikowskys viersätzige Streicher-Suite ist ein neoklassisches „ballet blanc“, getanzt auf Spitze in langen „Sylphiden“-Tutus - Schläpfers „Reformationssinfonie“ auf Mendelssohn-Bartholdys gleichnamige 5. Sinfonie ein „ballet noir“, getanzt in schwarzen, beinlosen Trikots - in deutlicher Anlehnung an Balanchines „Badeanzüge“ - mit schwarzen Spitzenschuhen. Dazwischen steht Lightfoot/Leóns schwarz-weißes „Signing Off“. Mit dem „Prix Benois“ 2006 ausgezeichnet, ist das Endzeit- und Abschieds-Stück des Engländers und der Spanierin auf die ersten beiden Sätzen des Violinkonzerts von Philip Glass für das aktuelle Ballett in diesem Kontext die wichtigste Choreografie. Zwischen den beiden Gruppenchoreografien mit nur wenigen solistischen Episoden bietet „Signing Off“ sechs Solisten reichlich Gelegenheit, sich technisch auf höchstem Niveau zu profilieren. Hinter halbhohem Rampenvorhang werden Marlúcia do Amaral und Yuko Kato nacheinander in kurzen Soli sichtbar und verschwinden wieder. Drei Männer in weißer Hose (Armen Hakobyan, Sonny Locsin und Remus Şucheană) tanzen, springen, drehen sich unbekümmert durch die düstere Szene, über der zunächst schwarze Rechtecke in immer wieder anderer Formation schweben, später lange, dunkellila Vorhänge wallen, durch die die fünf Tanzenden nacheinander schreiten oder förmlich gesogen werden. Zwischen allen schreitet im schwarzen Anzug mit offenem Jackett über der nackten Brust ein Mann (Bogdan Nicula) – Todesbote, Todesengel? Ein mystisches, dichtes, starkes Tanzstück! Nach Balanchines „Apollo“ und „Allegro Brillante“ in Mainz, setzt Schläpfer nun mit der doppelt so großen Kompanie am Rhein seine Arbeit an Balanchines Werk fort. Die halbsolistischen Passagen besetzt er durchweg mit Tänzern, die er neu aufgenommen hat in sein Ensemble. Mit besonders temperamentvoller Ausstrahlung fällt Louisa Rachedi auf, mit sehr weiblich elegischer Eleganz die rothaarige Ann-Kathrin Adam, mit kraftvoller klassischer Männlichkeit der Cubaner Ordep Rodriguez Chacon. Schläpfers „Reformationssinfonie“ überzeugt mich auch nach dem dritten Erleben nicht wirklich – was durchaus auch an der stilistisch sehr zersplitterten, harschen Komposition des 20-jährigen Mendelssohn liegt. (Seine ebenfalls komponierende Schwester Fanny nannte sie „ein böses Tier“). Immerhin macht die Choreografie jetzt aber Sinn dank der Gegenüberstellung mit „Serenade“. In ihrer Struktur ähneln beide Werke einander durchaus, Schläpfers Körpersprache ist – selbstredend - weitaus heutiger, wirkt - wohl bewusst – streckenweise geradezu derb, „kraftmeierisch“ (wunderbar ein Solo von Remus Sucheana) – bis zum Schlusssatz mit den Zitaten aus Martin Luthers Choral „Ein' feste Burg ist unser Gott“: plötzlich löst sich Jörg Weinöhl aus der Gruppe, kniet an der Rampe – zitternd, betend, zweifelnd, um den Glauben ringend – verzweifelnd. Martin Luther? Einfach nur irgendein Mensch? Währenddessen steht die Gruppe auf der Hinterbühne aufgereiht, bewegt sich anfangs kaum merklich, schreitet vorwärts, löst die strenge Formation der Masse auf in die Individuen.... Ein choreografisch eindrucksvoller Schluss! Die musikalische Begleitung dieses Programms durch die Duisburger Philharmoniker unter ihrem neuen GMD Axel Kober mit Natasha Korsakova (alternierend mit Tai Murray) als Solistin des Glass' Konzerts war bis auf einige Misstöne und Wackler bei den Streichern in der „Serenade“ in der besuchten Vorstellung vorzüglich. Diese kleinen Irritationen passten durchaus zu den wenigen Zickzack-Reihen auf der Bühne, wo die synchrone Akkuratesse noch fehlte. Insgesamt zeigte sich die Kompanie Balanchine durchaus gewachsen. Dass einzelne Positionen im Verlauf der erfreulich zahlreichen Aufführungen doppelt besetzt sind und so die neuen Tänzer immer mehr mit der Mainzer Truppe verschmelzen, ist ein sehr gutes, wichtiges Signal für Schläpfers Arbeit im Rheinland.
www.ballettamrhein.de

Veröffentlicht am 25.01.2010, von Marieluise Jeitschko in Kritiken 2009/2010

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Kommentare zu "Balanchine – Lightfoot/León – Schläpfer"



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