KRITIKEN 2009/2010



Zürich

TANZ AUF DER HÖHE DER TECHNOLOGIE

Im Tanzhaus feiert die Ventura Dance Company Premiere mit “2047”


  • Foto © [EMAIL]cglausrff@highspeed.ch[/EMAIL]

Ein androides Wesen in anliegendem Weiß steht auf einer Leinwand. Wie auf einer Laufbahn, die sich von weit her aus dem Horizont unter ihre Füße erstreckt. Sie ist eher eine Fahrbahn, denn ihre Linien, welche auf uns zuströmen, verbildlichen: die vertanzte Geschichte ist eine Reise. Eine Reise in der Zukunft. Die Science-Fiction-Episode aus dem preisgekrönten chinesischen Film “2046” mit der Reise aus einer Stadt aus dem All regte den Namen des Tanzstücks an und gab dem Choreografen Pablo Ventura die Inspiration. Mit “2047” bot das Tanzhaus Zürich am Donnerstagabend niveauvollen Tanz unter Einsatz von High-Tech. Mit der geschilderten Fahrt versucht ein Mensch, sich aus den Klauen seiner Vergangenheit zu entwinden, und die dabei behilflichen Hostessen sind – zeitlose Androiden. Der Flair beschleunigter Mobilität zwischen künftigen kosmopolitischen Städten hängt buchstäblich über dem Geschehen: Eine breite Videoprojektion schwebt über der Tanzszene, eine traumhafte Verfremdung einer Bahnreise aus der Metropole Singapur. Umrisse verschwimmen, Auflösung und Flächenstruktur wandeln sich wie unsere Farben im Traum. Fremd und berührend zugleich hebt das Video so angenehm ab von der scharfkonturierten retuschierten Ästhetik heutiger Werbespots.
Im eigenen Netz gefangen Unter dem Videofilm schraubt und faltet sich nun das fremde androide Wesen. Die ruhigen senkrechten Linien, die bislang über Wand, Boden und das Wesen hinweg huschten, fangen an zu schwirren und reagieren wie ein Resonanzbecken. Zuckt der Android nur, erzittern sie in seinem Rhythmus, greift er weit in den Raum, dehnen sich die Parallelen wie breitgezupfte Saiten. Dann aber ergießt sich eine Grafik wie eine Flutwelle über die abgebildete Kontur: In der Logik von Schwarmverhalten verdichten sich nervöse feine Querlinien, umschwirren sie die Kontur und rauschen von dannen. Daniel Bisig, Biologe und Programmierer hat die interaktive Software Swarm erstellt. Sie greift über Kameras die Parameter von Bewegungsdynamik und ihren Vektoren als auch den Konturen des Tänzerkörpers auf der Bühne heraus. Die Parameter evozieren ein Schwarmverhalten in der Grafik, welche im Stillstand nur die herablaufenden Linien bildet. Der Android steht so inmitten eines projizierten Netzes, das er sich selbst überwirft. Je agiler er wird, desto vertrackter spannt es sich um ihn. Darf ein technologisches Produkt wie dieser künstliche Mensch ungestraft nach Selbstbestimmung heischen? Wie immer die Antwort ausfällt, der noch-echte Mensch der Zukunft, in Venturas Stück der Mann (der versierte Asiate Khai Vu), ist bereits durch Technologie infiziert. Seine Bewegungen gleichen denen der weiblichen Androiden. Ihre geschäftigen Gelenkwinkelungen suggerieren Hyper-Funktionalität. Wie Scharniere öffnen und falten sich die Glieder an den überraschendsten Stellen der Gliedmaßen und man ahnt, warum manch geneigter Kopf darob vergessen ward; wohl schlicht, weil ihm keine Funktion zuteil ward. Doch mit dem Kopf und dem Blick geht ein Schlüssel verloren. Wie in Forsythes “The Loss of Small Detail” ist der Fokus, der den Brennpunkt einer Bewegung extern festhält (im Klassischen oft in Verbindung mit dem Epaulement), den Androiden abhanden gekommen. Folglich absolvieren sie die unvorstellbarsten Verkettungen der Glieder– ohne einen Blick. Verloren und bezugslos läuft perfekte Mechanik ab wie ein Hohn auf die Verselbständigung purer Funktionalität. Und was macht ein Mensch angesichts kühler Abläufe zu seinen Diensten? Wenn die Hostessen nach verquerten Sequenzen kopfüber einhalten, den Kopf begraben, und weitreichende Beine wie Antennen sondierend ausschwingen? Er schaut und greift ein. Doch seine Manöver erwirken keine emotionale Rückmeldung. Eben keinen Paartanz. Wer sich fragt, wie im zeitgenössischen Tanz mit seinen disparaten Blicken und geräuschhafter ‘Musik’ noch gestochen scharfe Gleichzeitigkeit erzielt werden kann, der wende sich an den Bewegungsprogrammierer, den Choreografen Pablo Ventura. Er gibt zu Vorstellungsbeginn mit einem Metronom den Takt an. Dieser pulsiert dann seinen Tänzern synchronisiert und digital, rotleuchtend auf der Brust. Er zieht also seine Figuren auf, und die Vorstellung läuft. “Dreitausend Takte lang”, meint ein Tänzer.
Eine Welturaufführung auf der Höhe heutiger Technologie (interaktive Soundtrack-Verarbeitung von Forsythes Improvisation Technologies”-Mittäter Christian Ziegler, Software und Video von Daniel Bisig und Pablo Ventura vormals aus dem ArtLab der Uni Zürich), aber kein Kritiker geht hin? In der Schweiz ist das möglich. Die dezentralisierte kulturpolitische Unterstützung des Tanzes liegt im Argen, scheint’s. Man wünscht der Kompanie, dass ihre Außerirdischen auf der Auslandstournee abheben können, dass die High-Tech ihnen aber nie die Show stiehlt.
www.ventura-dance.com www.tanzhaus-zuerich.ch

Veröffentlicht am 07.11.2009, von Kristina Soldati in Kritiken 2009/2010

Dieser Artikel wurde 2102 mal angesehen.



Kommentare zu "Tanz auf der Höhe der Technologie"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    BALLETTDIREKTOR DER PARISER OPER BENJAMIN MILLEPIED CHOREOGRAPHIERT „DER NUSSKNACKER“ AM BALLETT DORTMUND

    Premiere am Sonntag, 18. Oktober 2015, im Opernhaus Dortmund
    Veröffentlicht am 26.09.2015, von Pressetext


    „DAMALS LEBTE ICH NOCH IM PRÄSENS“

    Skoronel Reloaded/Judith Kuckart: „Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht“ in der „Wartburg“ Wiesbaden
    Veröffentlicht am 20.09.2021, von Gastbeitrag


    DIE ENTHÜLLUNG DES SELBST

    „Personne“ von Isabelle Schad und Laurent Goldring in der Tanzhalle Wiesenburg
    Veröffentlicht am 19.09.2021, von Gastbeitrag



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    PREISGEKRÖNTES NEW YORKER TANZSOLO GASTIERT IN BERLIN!

    Die Choreografin und Tänzerin Marjani Forté-Saunders präsentiert am 07. und 08. Oktober ihr dreifach Bessie-prämiertes Solo „Memoirs of a… Unicorn“ im Rahmen des „Coming of Age“-Festivals an den Berliner Sophiensælen.

    Ihre poetische Performance verbindet Elemente von Afrofuturismus und Science Fiction mit einer zutiefst persönlichen Auseinandersetzung mit Schwarzer Männlichkeit.

    Veröffentlicht am 19.09.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    ALFONSO PALENCIA WIRD BALLETTDIREKTOR IN BREMERHAVEN

    Ab der Spielzeit 2022/2023 tritt der Spanier Alfonso Palencia die Nachfolge von Sergei Vanaev an.

    Veröffentlicht am 14.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


    REISE DURCH DIE MENSCHLICHKEIT

    HUMAN – Musik- und Tanzpremiere feiert großen Erfolg in Bremen

    Veröffentlicht am 30.08.2021, von Renate Killmann


    JÖRG MANNES GEHT ANS THEATER MAGDEBURG

    Neuer Intendant Julien Chavaz stellt sein Leitungsteam vor

    Veröffentlicht am 26.08.2021, von Pressetext


    DIE WEIßEN MIT UNSEREN GEFÜHLEN KONFRONTIEREN

    Ein Gespräch vor der Berliner Premiere von „Ubiquitous Assimilation“ der Grupo Oito

    Veröffentlicht am 24.08.2021, von Volkmar Draeger



    BEI UNS IM SHOP