KRITIKEN 2008/2009



Düsseldorf

DER TANZ DER SCHATTEN UND DER KLECKSE

Die australische Gruppe Chunky Move zeigt „Mortal Engine“ im Tanzhaus NRW


  • Charmene Yap in „Mortal Engine“ von Chunky Move Foto © Andrew Curtis
  • Antony Hamilton in „Mortal Engine“ von Chunky Move Foto © Andrew Curtis

Das Tanzstück „Mortal Engine“, mit dem die australische Gruppe Chunky Move knapp eineinhalb Jahre nach seiner Uraufführung im Opernhaus in Sydney im Tanzhaus NRW in Düsseldorf gastiert, bezeichnen ihre Schöpfer als „Tanz-Video-Musik-Laser-Performance“. Obwohl der australische Choreograph Gideon Obarzanek als Verantwortlicher für „Konzept, Regie, Choreografie“ an oberster Stelle auf dem Programmzettel steht, ist dem kritischen Zuschauer – mir – nicht ganz klar, ob er für das, was da rund 50 Minuten lang über die Bühne kreucht und krabbelt und sich windet, was da an Schatten menschliche Körper verschlingt und mit abstrakten Bildern und Zeichen, mit Klecksen, Balken, Gittern und Tropfen explodiert, mit überlauten Klängen und Geräuschen durch den Äther knallt und jault, der wichtigste Erfinder ist. Der Berliner Frieder Weiss, der auf dem Programmzettel für „interaktives“ Design“ zeichnet, und der Australier Robin Fox, für „Laser und Sound“ verantwortlich, scheinen für das, was da als mediales „Gesamtkunstwerk“ auf den Zuschauer eindröhnt, mindestens so wichtig wie der Choreograf, der – was die reine Bewegungserfindung für vier knapp bekleidete Frauen und zwei Männer angeht – eher vernachlässigenswert ist. Zusammen mit Richard Dinnen hat der Chunky-Move-Chef Obarzanek eine schiefe Ebene auf die Bühne gestellt, aus der sich zwei Rechtecke heraus und als eine Art Mauer in die Höhe klappen lassen. Vor dieser Mauer wird sich, meistens von stroboskopischen Lichteffekten überstrahlt, ab und an ein Paar gegeneinander lehnen und aneinander klammern, wird auseinanderstreben und sich überklettern. Doch zunächst einmal zucken, unter ohrenbetäubendem Lärm („Komposition Ben Frost“ teilt der Programmzettel mit), reine Lichteffekte über die Schräge, ehe sich im Zentrum eine menschliche Figur manifestiert. Minutenlang windet und strampelt sie sich allein über den Boden und schließlich aus dem Zentrum heraus. Doch dann bekommt sie Gesellschaft von fünf weiteren Figuren, die von oben herunter rollen und sie wie zu einem riesigen, zuckenden, amöbenhaften Haufen umschließen, aus dem sie sich mehrfach wieder befreit.
Das ganz Spezielle dieser Akteure, die auch im weiteren Verlauf des Stücks weniger tanzen als sich bodenturnend fortbewegen, liegt darin, dass eine raffinierte Beleuchtungstechnik ihnen scharfe Konturen weitgehend versagt (abgesehen vom Laser-Künstler Fox und dem für interaktives Design zuständigen Frieder Weiss verfügt die Produktion auch über einen eigenen Beleuchter: Damien Cooper). Über weite Strecken sieht man nicht menschliche Körper, sondern schwarze Massen, die sich – das Beste, was das Stück zu bieten hat - auf rätselhafte Weise gegen ein helles Umfeld behaupten.
Gelegentlich nähern sich zwei Körper einander an und verschmelzen miteinander. Doch was sich, unter anderer Beleuchtung, als erotisches Spiel, vielleicht gar als Kopulation fremdartiger Wesen interpretieren ließe, verliert im Kontext dieser „mortal engines“ – die ebenso gut als „sterbliche“ wie als „tödliche Maschinen“ angesehen werden können - jegliche konkrete Bedeutung.
„Die Grenzen des menschlichen Körpers sind eine Illusion“, hat Gideon Obarzanek zu seinem in Australien mit dem renommierten Helpman Award ausgezeichneten Stück gesagt: „Bewegliche Energie schafft fließende Übergänge von menschlichen Figuren zu Lichtbildern, zu Sound und zurück“. Das ist sicher nicht falsch, sorgt aber auf der Bühne - mindestens im konkreten Fall von „Mortal Engine“ – lediglich für flüchtige Eindrücke, die keinerlei nachhaltige Spuren beim Betrachter hinterlassen. Wirkliche Tanzkunst sieht, auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts, anders aus.
www.chunkymove.com.au www.tanzhaus-nrw.de

Veröffentlicht am 05.06.2009, von Jochen Schmidt in Kritiken 2008/2009

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