KRITIKEN 2008/2009



Mainz

DAS GEHEIMNIS DER TANZENDEN PRINZEN

Jörg Weinöhls Solo „Das Wissen der Nacht“ beim Mainzer Ballett


  • "Das Wissen der Nacht": Jörg Weinöhl Foto © Gert Weigelt
  • "Das Wissen der Nacht": Jörg Weinöhl Foto © Gert Weigelt
  • "Das Wissen der Nacht": Jörg Weinöhl Foto © Gert Weigelt

Schon seit Martin Schläpfers frühen Berner Tagen gehört der Tänzer Jörg Weinöhl zu seinen Kompanien, der Mainzer Ballettdirektor setzt ihn oft als Charakter ein oder in etwas skurrilen, tragikomischen Rollen wie etwa in „Marsch, Walzer, Polka" oder zuletzt in „Pezzi und Tänze“. Jetzt hat der aus Stuttgart stammende Weinöhl in Mainz sein erstes Stück inszeniert, ein 70-minütiges Solo für sich selbst, bei dem vom Konzept über Bühne und Kostüme bis zu Choreografie und einzelnen Texten alles von ihm stammt. Leicht wie ein Traum und tief wie die Nacht, von der es den Titel „Das Wissen der Nacht“ entliehen hat, ist Weinöhls Solo ein Tanztheater voll Poesie geworden, das nur anfangs, vielleicht unter dem Eindruck des arg philosophisch geratenen Programmhefts, ein wenig textlastig erscheint und sich dann zu einer ganz eigenen Form der Erzählung in Wort, Bild und Tanz entwickelt. Vom Unterboden bis in die Lüfte hinauf bespielt der Solist die Hinterbühne des Kleinen Hauses, setzt nicht nur alte Musik vom 15. Jahrhundert bis zum Barock ein, sondern mit einer Prise modernem Witz auch die alten, einfachen Theatertricks der Gaukler und Fantasten. Weinöhl erzählt uns eine Geschichte, und das ganz wörtlich: verteilt über den ganzen Abend hören wir nach und nach das gesamte Grimmsche Märchen von den zertanzten Schuhen, von den zwölf Prinzessinnen, die Nacht für Nacht eingeschlossen werden und doch am nächsten Morgen ihre Schuhe zertanzt haben; niemand weiß, wo und mit wem. Mit der manchmal lächelnd klaren, manchmal skurrilen Logik eines Träumenden eilt Weinöhl dabei von Assoziation zu Assoziation, erhellt seine Geschichte mit mythologischen Symbolen und Emblemen, schmückt sie mit Bildern von barocker Pracht und springt immer wieder mit witzigen, ja kabarettistischen Einlagen übermütig aus ihr hinaus – mit einer Schaltung zum Wiener Opernball zum Beispiel oder einem klingelnden Telefon, an dem dringend jemand nach Antonio Vivaldi verlangt.
Ähnlich assoziativ behandelt er den Tanz. Anders als beim ehemaligen Mainzer Tänzer Nick Hobbs, der ebenfalls choreografiert, ähnelt Weinöhls Tanzstil dem seines Ballettdirektors Martin Schläpfer nicht sehr stark. Der Solist schreitet hier oft nach alter Manier, in höfischer Eleganz und mit fein ziselierten Händen. Aber immer schwingt ein wenig Ironie in diesen höfischen Ritualen mit, Weinöhl macht sich liebevoll über die Manierismen des Tanzens lustig, wenn er etwa mit ballettmeisterlicher Strenge das Zelebrieren des Hofknickes erläutert oder zwischendurch die barocke Gemessenheit vergisst und vor lauter Freude kurz ausflippt. Mit seinem Ritterkostüm und dem kurzen, spitzen Bart sieht Weinöhl aus wie ein Renaissance-Commendatore, und doch verwandelt er sich in unseren Augen in die kapriziösen Prinzessinnen genauso wie in den alten, müden Soldaten, der das Rätsel schließlich löst. Aus einfachsten Mitteln und mit sparsamen Requisiten entstehen poetische Bilder wie im barocken Theater, nie pathetisch oder überdosiert, sondern mit einem feinen, leichten Lächeln. Der Tanzende lässt ein Sternenmeer über die Bühne wallen und verwandelt sich selbst in eine festlich beleuchtete Burg, Schiffe fahren über die Bühne und goldene Zweige wachsen, ein scharfes Messer erschreckt uns und ein rotes Herz wird durchstoßen. Aus einem silbernen Ei steigt der Gott Eros, bevor das Rätsel um die tanzenden Prinzessinnen endlich gelöst ist. Ihre zwölf nächtlichen Prinzen aber werden nicht erlöst, sie bleiben verzaubert, nur weil sie heimlich getanzt haben. Denn so sehr wir zwischendurch auch gelacht haben, es ist eigentlich eine tieftraurige Parabel und das Ende des Märchens setzt auch dem Tanz ein Ende. Vielleicht ist es gar nicht so klug, das Geheimnis der Tanzenden lösen zu wollen. www.staatstheater-mainz.de

Veröffentlicht am 29.04.2009, von Angela Reinhardt in Kritiken 2008/2009

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