SECHS FRAGEN AN DIE TANZLEHRER, DIE UNS BEWEGEN



Essen

MARTIN PUTTKE

Ein Lehrer für die Lehrer


  • Martin Puttke Anfang der 90er Jahre mit Steffi Scherzer als künstlerischer Leiter des Balletts der Staatsoper Berlin Foto © Gert Weigelt
  • Martin Puttke 2009 Foto © Patricia Kapp während eines Seminars im Gymnasium Essen- Werden
  • Martin Puttke Anfang der 90er Jahre als künstlerischer Leiter des Balletts der Staatsoper Berlin Foto © Gert Weigelt

Martin Puttke wurde in Breslau geboren. Von 1962-1966 studierte er als Tänzer an der Staatlichen Ballettschule Berlin, anschließend wurde er an die Deutsche Staatsoper Berlin engagiert. 1970-1975 schloss sich die Ausbildung zum Ballettpädagogen bei Prof. Nikolai Tarassow an der Moskauer Theaterschule GITIS an.

Ab 1975 unterrichtete Martin Puttke an der Staatlichen Ballettschule Berlin, 1979 wurde er dort zum künstlerischen Leiter und 1981 zum Direktor ernannt. Unter seiner Leitung wurde die Staatliche Ballettschule Berlin zu einer der führenden Ballettschulen der Welt. Seine Schüler, zu denen so renommierte Solisten wie Oliver Matz, Mario Perricone, Raimondo Rebeck und Gregor Seyffert zählen, errangen bei bedeutenden Ballettwettbewerben zahlreiche Preise.

Von 1990-1992 übernahm er zusätzlich die künstlerische Leitung des Balletts der Staatsoper Berlin, wo er u.a. mit Rudolf Nurejew, Patrice Bart und Maurice Béjart zusammenarbeitete. Gleichzeitig festigte er seinen Ruf als Spezialist für klassischen Tanz und als Ballettpädagoge durch Vorlesungen, Seminare und Gastunterricht in der ganzen Welt, sowie als Herausgeber und Übersetzer von wichtigen Fachbüchern. Von 1995 bis 2008 war er Ballettchef am Aalto-Theater in Essen. Er wird in 2010 in St. Petersburg eine neue Tanzhochschule aufbauen und damit die angehenden Tänzer der russischen Hochburg des klassischen Balletts für den Tanz im 21. Jahrhundert schulen.

Meine erste Begegnung mit Herrn Puttke ist ziemlich danebengegangen. Vor fünf oder sechs Jahren hatte das Schulministerium entschieden, in der Tanzabteilung eine Qualitätskontrolle durchzuführen und zu diesem Zeck wurde Martin Puttke, damals Ballettdirektor am Aalto-Theater, designiert. Ich kannte Herrn Puttke damals nur vom Hörensagen und sein Ruf war, dass er sehr streng mit seinen Tänzern umging.

Ich war also schon voreingenommen, als mein damaliger Schulleiter mir den Besuch von Martin Puttke in meinen Unterricht angekündigte. Er kam zu spät und ich hatte schon angefangen, als er in den Ballettsaal kam und ich habe einfach weitergemacht, ohne ihn weiter zu beachten. Es war abgesprochen, dass er nach dem Unterricht mit mir darüber sprechen würde, ich habe noch mit meinen Schülerinnen ein paar Termine abgesprochen und er war weg! Ich muss sagen, ich habe mich da ziemlich unhöflich benommen! Ich hatte Ihn einfach nicht beachtet! Am nächsten Morgen hat mich der Schulleiter rufen lassen um mir zu sagen, dass Herr Puttke sich über mein Betragen beschwert hat, und dass ich mich jetzt und vor ihm bitteschön telefonisch entschuldigen sollte, was ich gleich gemacht habe. Meine Entschuldigungen wurden sehr freundlich akzeptiert und die Welt war wieder in Ordnung für meinen Schulleiter. Meine Einstellung zu Martin Puttke hat sich langsam, aber sicher geändert! Zwei Wochen später hat er bei uns ein Seminar über Sprünge gegeben. Und ich weiß noch genau, wie ich neben ihm saß und er mir ganz genau geholfen hat, mein Auge auf das richtige Timing des Absprungs zu schulen. Es war ein Aha-Erlebnis! Ich besuche seitdem, wann immer ich kann, seine Weiterbildungsseminare, wir diskutieren viel und ich lerne immer wieder etwas Neues.

Zurzeit ist Martin Puttke beauftragt, innerhalb eines vom Tanzplan Essen geförderten Projektes mehrere Weiterbildungsseminare beim Gymnasium Essen-Werden, bei der Folkwang-Musikschule und der Universität Bielefeld zum Thema „Lehren lernen“ zu geben und die auf der klassischen Balletttechnik basierenden Bewegungen wissenschaftlich zu analysieren.

Seine Seminare werden von Lehrern aus verschiedenen Tanzrichtungen und vor allem aus Privatschulen besucht. Schade, dass hier die Ballettpädagogen aus der professionellen Ausbildung nicht zu sehen sind! Er stellt seine Methodik mit dem Namen “Native Motion System“ mit so viel Leidenschaft vor, dass die Lehrer ganz schnell ebenso leidenschaftlich diskutieren. Und nicht nur diskutiert wird in seinen Seminaren, sondern alles auch praktisch ausprobiert und hinterfragt. Mit seiner „ Alternativen Schule des klassischen Tanzes“ hat er das System des akademischen Tanzes auf sieben Kernbewegungen reduziert. Das Ganze ist wissenschaftlich nach dem physikalischen Gesetz erprobt. Zusammen mit unseren Schülern wird eine von Herrn Puttke geleitete Studie am „Biomechanics Laboratory“ der Universität Bielefeld stattfinden. Hier ein Bild so einer Studie mit Tischtennisspieler.

Ganz besonders interessant für mich sind zwei Dinge, die Martin Puttke immer wieder betont: „Mit Hilfe der Bewegung Denkprozesse anregen …“ und „Die Freiheit, dem Kind die eigene natürliche Bewegung zu erlauben, auch im Ballettunterricht“.

Sechs Fragen an die „Lehrer die uns bewegen“

1. Wie und wann sind Sie zum Unterrichten gekommen?

Durch den Tanz bin ich zur Pädagogik gekommen. In meiner Familie gab es Kunstpädagogen und ich war schon sehr früh fasziniert von der Arbeit mit Menschen in ihrer Gesamtheit.

2. Welche Meister haben Sie nicht vergessen? Und warum?

Ganz am Anfang in Berlin: Michail Gabowitsch, er war ein Partner von Galina Ulanowa und ein Grandseigneur des Tanzes. Er hat mir beigebracht, dass Tanzen sowohl körperlich wie geistig mit Haltung zu tun hat. Der zweite Glücksfall war Nikolai Tarassow. Er hat mir den Impuls gegeben, dass Tanz mit Logik und Denken zu tun hat. Er hat bedauert, es nicht wissenschaftlich belegen zu können und hat konstatiert, dass die klassische Methodik vor dieser Schwelle steht.

3. Sind Sie der Meinung, dass man das Lehren lernen kann?

Unbedingt! Wenngleich auch wegen der Komplexität des Lernens die Begabung des Pädagogen die entscheidende Rolle spielt, und die kann man nicht lernen.

Wenn ja, wie sollte Ihrer Meinung nach so eine Ausbildung aussehen?

Denken lernen! Mein „Native Motion System“ bietet die Möglichkeit, aus der Gefühlsduselei der Selbstverwirklichung mancher tanzenden Pädagogen auszubrechen.

4. Muss für Sie ein Lehrer professionell getanzt haben?

In jeden Falle! Oder zumindest muss er eine professionelle Ausbildung gemacht haben. Es ist undenkbar, mit dem Körper eines Menschen zu arbeiten, dessen Zustand, dessen sinnliche und geistige Existenz ich selbst nie unter den Bedingungen des Tanzes erfahren habe.

5. Was ist für Sie das Wichtigste für erfolgreichen Unterricht?

Eine starke Persönlichkeit des Lehrers als Dreh- und Angelpunkt für alle Visionen, Ziele und methodisches Know-how.

6. Welche Korrekturen sollen Ihre Schüler nicht vergessen?

Das Zentrum des Schwergewichts des Körpers ist physiologisch der Dreh- und Angelpunkt und schafft auch Affinität zum modernen Tanzstil. Anders ausgedrückt: Auch der Körper des klassischen Tänzer ist monozentrisch und nicht polyzentrisch strukturiert.

Veröffentlicht am 01.02.2009, von Patricia Kapp in Sechs Fragen an die Tanzlehrer, die uns bewegen

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