Tänzer zwischen den Stilen

Martin Stiefermanns Gruppe MS Schrittmacher feiert ihr zehnjähriges Bestehen

Wenn im Kreuzberger 103Club die Jubiläumsparty steigt, dann liegen hinter dieser Gruppe zehn Jahre prallvoller Arbeit. Nicht um Selbstbeweihräucherung geht es, sondern um einen Rückblick mit Freunden, Förderern, Kompanietänzern und Gästen.

Berlin, 22/08/2008

Wenn am 29. August im Kreuzberger 103Club und 103Studio die Jubiläumsparty steigt, dann liegen hinter Martin Stiefermann und seiner Gruppe MS Schrittmacher zehn Jahre prallvoller Arbeit. Nicht um Selbstbeweihräucherung geht es in dieser langen Nacht, sondern um einen Rückblick mit Freunden, Förderern, Kompanietänzern und Gästen. Neben Ausschnitten aus den 14 abendfüllenden Produktionen, die in und für Berlin entstanden, sowie Videos aus dieser Zeit gratulieren Kollegen mit Performances. Dabei sind Lubricat, Nir de Volff, Isabelle Schad, Two Fish, Ten Pen Chii, Tomi Paasonen, Be van Vark, Efrat Stempler und viele andere – honorarfrei, was Stiefermann ebenso freut wie die Teilnahme von Beatrice Cordua, einer Ex-Ballerina der Hamburger Staatsoper. Ist der gebürtige Sauerländer, Jahrgang 1966, doch doppelten Sinns selbst ein Tänzer zwischen den Stilen. Nach fünfjähriger Ausbildung an der Hamburger Ballettschule, für die er erste Choreografien schuf, und fünf Jahren Kompaniezugehörigkeit bei John Neumeier entschied er sich für das, weswegen es ihn zum Tanz gezogen hat: das Choreografieren. Freier Tätigkeit folgten zwei Jahre als Ballettchef in Kiel, „eine harte Schule“, erinnert er sich. Als er fortging, wollten seine Tänzer weiter zusammen arbeiten. So kam es 1998 in Berlin zur Gründung von MS Schrittmacher, seinem „Lieblingskind bis heute“, mit Sitz im Dock 11.

Schon während der ersten beiden Saisons erlebten fünf Stücke ihre Uraufführung, die MS Schrittmacher an die Spitze der Berliner Szene katapultierten. Für die bilderreiche, brillant hintergründige Weihnachtsrevue „Aus einer Wurzel zart“, um die 40 Mal gezeigt, gibt es noch heute Touranfragen; „Spiele der Erwachsenen“, die anhand virtuoser Bürorangeleien ergründen, was wir miteinander tun, um etwas zu erreichen, liefen rund 50 Mal. „Von der Energie her unsere tollste Zeit“, schwärmt Stiefermann. Das gemeinsame Wollen ist bis heute ebenso Teil seines künstlerischen Konzepts wie die Stückerarbeitung von einem inspirierenden, meist doppelschichtigen Thema aus, weswegen die Formate extrem unterschiedlich ausfallen. Er arbeite weder am einzelnen Tanzstil, sagt er, noch sei er ein politischer Choreograf, beziehe seine Anregung aus dem urbanen Bereich. So wurde aus der Recherche um Mensch und Haustier ein Stück über Einsamkeit. Andere Themen waren Sommerurlaub, Freitod, Opfersein, zuletzt 2007 in „Begeben Sie sich“ Zufall und Schicksal.

Begeben hat sich Stiefermann mit dieser Produktion, dem dritten Teil eines getanzten Hörspielzyklus, bei starker öffentlicher Resonanz aufs mediale Feld. Dem Zuschauer bot sich eine begehbare Installation, deren Teile zeitgleich liefen und dem Zuschauer abverlangten, sich daraus sein eigenes Stück zu fügen. Hinter dem Allrounder Stiefermann liegt mittlerweile ein kreatives Jahrfünft paralleler Plackerei: als Leiter der Tanzkompanie Oldenburg bei Fortführung von MS Schrittmacher in Berlin. Beispielhaft findet er ein solches Kooperationsmodell, das die Planungssicherheit und Stabilität eines Staatstheaters mit der Flexibilität und Spontaneität der Freien Szene vereint. So entstand ein für beide Seiten attraktives Repertoire und, ihm besonders wichtig, ein Netzwerk, von dem er noch immer zehrt. Wenngleich MS Schrittmacher derzeit finanziell nicht gesichert ist, hat ihr umtriebiger Leiter bereits künstlerische Pläne – und auch Ideen, sie zu realisieren.

Links: www.msschrittmacher.de / www.103studio.de

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