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Frankfurt, 27.05.2010

Mein XI. Kongress fĂĽr Tanzmedizin

Ein Blog von Bettina Preuschoff

Bettina Preuschoff (rechts) in der Pause mit Nina Hümpel. Foto © Patricia Kapp

Nach einer arbeits- und ereignisreichen Zeit sitze ich im Zug nach Frankfurt und so langsam entspanne ich mich und freue mich auf drei informative Tage in meiner ehemaligen hessischen Heimat. Es ist für mich immer wieder ein Erlebnis den Kongress zu besuchen. Es gibt viel theoretischen wie auch praktischen Input auf höchstem Niveau, meine freudige Erwartung steigt. Auch die Vorfreude alte Kolleginnen und Freundinnen wieder zu sehen, ein paar schöne Tage mit dem tanznetz.de-Team zu verbringen und in tolle Tanzveranstaltungen einzutauchen, stimmen mich positiv.

Ich erreiche die Hochschule für Musik und darstellende Künste am späten Vormittag und stolpere gleich über die ersten Bekannten –wie schön!

Dieter Heitkamp mit Tanzstudenten der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt,. Foto © www.mako-foto.de

Nachdem ich „eingecheckt“ habe, meine Kongressunterlagen erhalten habe und auch die ersten Freunde begrüßt habe, geht es auch schon los: Der Direktor der Tanzabteilung – Prof. Dieter Heitkamp- begrüßt uns mit einer humorigen Lecture Performance. Endlich mal keine drögen „warmen“ Reden, sondern eine praktische Demonstration zum Thema „ROTIERE: Über Dreh- und andere Momente“. Eine wahrlich passende Begrüßung, in der eine Gruppe von Studenten die Rede von Herrn Prof. Heitkamp bewegungstechnisch unterstützt! Wir müssen alle lachen, als der Redner auf einmal auf dem Boden liegend weiterredet, selbst ins Rotieren kommt. Ein herzlicher Beginn, der die Atmosphäre sofort auflockert und Lust auf die folgenden Tage macht!

Es geht direkt weiter mit dem ersten theoretischen Block: Stammgast Dr. Boni Rietveld aus den Niederlanden beginnt seinen Vortrag „Zum Tanzen geboren - Gelenkhypermobilität bei Tänzern“ und fordert das Publikum auf zu testen wie es denn um die persönliche Gelenkmobilität bestellt ist. Ein spannendes Thema, denn der Tanz sucht sich ja oft gerade die sehr gelenkmobilen Menschen aus, die jedoch häufig der Dauerbelastung nicht gewachsen sind und ihre Karriere früh beenden müssen. Sein Fazit ist aber trotzdem, dass das Tanztraining -auch die professionelle Tanzkarriere-eine gute Wahl für Hypermobile ist.

Liane Simmel bei ihrem Vortrag „Die goldene Mitte – Hypermobilität und ihr Einfluss auf die Propriozeption“. Foto © www.mako-foto.de

tamed wäre nicht tamed, wenn nicht auch kontroverse Meinungen zur Diskussion stehen dürften. Und so schließt „Madame Tamed“, Dr. Liane Simmel, –Gründungsmitglied und jahrelanges Vorstandsmitglied von tamed e.V.- direkt an und hält einen Vortrag zum Thema „Die goldene Mitte – Hypermobilität und ihr Einfluss auf die Propriozeption“. Ihr Ansatz ist weitaus kritischer und beleuchtet die Karriereentwicklung von hypermobilen Tänzern. In der obersten Hierarchie (1. Solotänzer) befinden sich keine hypermobilen Tänzer mehr. Die Frage bleibt warum? Gut möglich, dass diese verletzungsbedingt gar nicht mehr in der Lage sind, an diesen Punkt ihrer Karriere zu gelangen. Das stimmt nachdenklich! Wenn wir gesunde Tänzer wollen, müssen wir vielleicht Abschied nehmen von der heute so vorherrschenden, perfekten Ästhetik, denn Tanz sollte einfach mehr sein als einen perfekt erscheinenden Körper zu zeigen, oder?

„Weniger ist mehr - Unbeweglichere Tänzer springen höher“ lautet der Titel des Vortrages von Andrea Schärli. Man merkt an den Reaktionen des Publikums, dass das Thema viele Zuhörer anspricht, dass sie sich in diesen Erkenntnissen der Tänzerin und Bewegungswissenschafterlin Schärli wiederfinden.

Mit Interesse verfolge ich auch den Vortrag des tanzenden Mediziners Dr. Ihle aus Berlin. Er hält einen Vortrag zum Thema „Hüftgelenkersatz bei Tänzern und Tanzpädagogen – Hintergründe, Aussichten und klinische Erfahrungen“.
Beeindruckend ist das am Schluss des Vortrags gezeigte Video eines Tänzers vom Berliner Staatsballett, der nach einer Operation mit einer Hüft-TEP, also einer totalen Endprothese des Hüftgelenks wieder aktiv in der Kompanie tanzt!


Dieter Heitkamp. Foto © www.mako-foto.de
[Man spĂĽrte bei allen Dozenten die Liebe zum Tanz und zur Thematik und ich bin immer wieder erstaunt wie viele den Tanz und eine wissenschaftliche Arbeit zu verbinden wissen und dadurch einen lebendigen Vortragsstil entwickeln!!!

Nach einer kleinen Pause geht es weiter mit den praktischen Workshops. Ich habe so richtig Lust mich zu bewegen und werde auch nicht enttäuscht. Dorsey Bushnell, Christine Bürkle, Patrick Rump laden uns ein zum Workshop „ Kraft Räume Entdecken“.

Wir improvisieren, moven durch den Raum – geführt von Christine Bürkle-, wir malen mit dem Körper ein spontanes Selbstbildnis und werden von Dorsey Bushnell in unseren „inneren Raum“ geführt und Patrick Rump lässt uns unsere Muskeln spüren. Alle Teilnehmer sind mit Spaß und Eifer dabei neue innere und äußere Räume zu entdecken und die Feedbacks am Ende der Stunde fallen sehr begeistert aus. Einige Teilnehmer erzählen ganz offen von ihren gemachten Erfahrungen und zeigen die dabei entstandenen Selbstportraits – in der Tat – es ist zu sehen, dass in diesem (kurzen) Prozess etwas passiert ist. Vielen Dank für diese schöne Stunde!

Richard Gilmore wird verabschiedet. Foto © www.mako-foto.de

… und dann geht es auch schon weiter auf die Mitgliederversammlung von TaMed e.V.!
Ein erfolgreiches Jahr liegt hinter tamed e.V. – soviel ist klar. Die Mitgliederzahlen sind weiter gestiegen und tamed war auf vielen Events präsent. Die einzelnen Arbeitsbereichsleiter stellen sich und ihren Tätigkeitsbereich vor und dann
bekommen wir die neue Internetpräsenz mit ihren zahlreichen neuen Möglichkeiten gezeigt. Der neue Vorstand wird flott und einstimmig gewählt. Richard Gilmore scheidet aus dem Vorstand aus, wird diesen jedoch weiterhin aktiv unterstützen.
Neu im Vorstand ist jetzt die sympathische Palucca-Absolventin und Studentin der Medizin Anja Hauschild, der ich viel Freude und Erfolg fĂĽr diese Aufgabe wĂĽnsche!

Anschließend gibt es dann eine Performance des BA- und MA-Studienganges der Hochschule, in dessen zweiten Part das Publikum integriert wird. Begriffe dürfen in den Raum gerufen werde und mehr als einmal müssen wir herzlich lachen, denn es ist einfach zu schön die spontan improvisierte Umsetzung zu beobachten!!!! Ich bin müde und so bleibe ich nicht mehr lange auf der Get together Party, denn es warten ja noch zwei weitere vollgepackte Tage auf mich!

Am Samstag freue ich mich sehr auf den Workshop mit Dr. Larsen, habe ich doch im letzten Jahr den Basiskurs der Spiraldynamik absolviert und finde es spannend einen der Begründer einmal persönlich erleben zu können. Ich werde nicht enttäuscht! Mit einfachen Worten, Beispielen, praktisch-visuell mit Gurt und Bällen erfahren wir alles über den Aufbau der Spirale. Zu zweit „bearbeiten“ wir unsere Füße und folgen interessiert den Demonstrationen von Dr. Larsen am lebenden „Modell“.

Bettina Preuschoff (rechts) in der Pause mit Nina Hümpel und Hartmut Regitz. Foto © Patricia Kapp

Anschließend freue ich mich auf ein schönes Mittagsessen mit meinen Mitstreiterinnen von tanznetz.de! Wir landen bei einem grottenschlechten Italiener, aber das tut unserer guten Laune keinen Abbruch. Es ist immer wieder schön sich auch mal im richtigen Leben zu treffen!!!

Die Mittagspause überziehe ich deshalb galant ein wenig, plaudere noch ein wenig mit Nina Hümpel und lande so erst wieder zum Vortrag von Dr. Larsen „Spiraldynamik®: Vom Drehpunkt über die Bewegung zum Ausdruck“ im Plenum. Irgendwie habe ich das Gefühl diesen Vortrag schon einmal gehört zu haben, schade! Für alle Teilnehmer, die noch nie von der Spiraldynamik gehört haben, war er vielleicht interessant, aber auf einem Fachkongress wie diesem wäre ein etwas spezifischerer Vortrag sicherlich möglich gewesen.

Ein neues Event „Die bewegte Zeit“ schließt sich an. Ich nehme diesen Begriff wörtlich und laufe einfach mal durch das Gebäude, leider finden nicht alle Veranstaltungen statt und Studentin bin ich auch nicht mehr, also schaue ich einfach mal in der Veranstaltung „Der Tänzer ein Athlet?“ vorbei. Herr Rump scheint ein Fan des klassischen Muskelaufbautrainings zu sein, die Gewichte stemmende Tänzerin, die wir auf einem Bild sehen, löst bei mir nur ein großes Fragezeichen aus. Das soll ein funktionelles, die Karriere verlängerndes Training für Tänzer sein? Aber genau das macht den Kongress auch so spannend, verschiedene Ansätze und Theorien dürfen nebeneinander bestehen und lösen sicherlich die eine oder andere spannende Diskussion aus!

Leider habe ich als glühender Forsythe-Fan vergessen rechtzeitig eine Karte für die am Abend stattfindende Vorstellung zu reservieren. Aber die 2. Wahl ist eigentlich auch eine 1. Wahl, denn eine weitere meiner Lieblingschoreografinnen gastiert in Frankfurt: Anne Teresa De Keersmaeker mit ihrem legendären Stück „Rosas danst Rosas“. Wunderschön dieses Meisterwerk –das mit dem Motiv der Wiederholung spielt - nach 20 Jahren wieder zu sehen. Die Konsequenz dieses Werkes ist berauschend und meditativ zugleich, die Tänzerinnen wunderbar, von einer unbestechlichen Klarheit ist die Bewegungsausführung. Ich frage mich wie man so formal und gleichzeitig locker tanzen kann und verlasse das Franfurt Lab beseelt – jetzt gibt es noch ein Gläschen Weißwein.

Ausstellung im Foyer. Foto © www.mako-foto.de

Am Sonntag genieße ich vor allem die praktische GYROKINESIS® - Stunde mit meiner Kollegin Eva Fuchs. Herrlich, einfach mal wieder auf dem Hocker zu sitzen, meine Sinne aufzuwecken, meine Wirbelsäule in alle Richtungen durchzumoven und vor allem auch mal wieder zu „nehmen“, nicht selbst anzuleiten. Eva hat ein wundervolles Timing, erklärt ruhig und sanft die wichtigsten Eckpunkte und füllt uns und den Raum mit einer positiven Energie! Danke! Das ist für mich ein wahrlich toller praktischer Schlusspunkt dieses tanzmedizinischen Wochenendes.

Autor: Bettina Preuschoff

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