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Tanz als Kampf um die IdentitĂ€t Die palĂ€stinensische Tanzkompanie El-Funoun Ein kĂŒhler Dezemberabend in Al-Bireh, einer Nachbargemeinde von Ramallah. WĂ€hrend in der Innenstadt bewaffnete Sicherheitsleute der Fatah nach Hamas-Aktivisten fahnden und in den CafĂ©s blutige Bilder von den bĂŒrgerkriegsĂ€hnlichen ZustĂ€nden in Gaza ĂŒber die Fernsehschirme flimmern, steht ein junger Mann hochkonzentriert in der Mitte eines Tanzstudios. Sharaf DarZaid ist 19 Jahre alt und in Ramallah aufgewachsen. Seit sechs Jahren ist er Mitglied von El-Funoun, der bekanntesten Tanzkompanie PalĂ€stinas. Gemeinsam mit dem Choreographen Omar Barghouti arbeitet er an einem Solo, das seine eigene Lebensgeschichte mit der eines politischen MĂ€rtyrers verwebt. Theatralische Gesten wechseln in ungestĂŒmen BrĂŒchen mit wild getanzten SprĂŒngen der Freude, der Angst und der Ăberforderung eines jungen Menschen, der sein gesamtes Leben unter militĂ€rischer Besatzung verbracht hat. Sharaf ist TĂ€nzer mit Leib und Seele, und wie fĂŒr alle anderen Mitglieder von El-Funoun ist die Kunst fĂŒr ihn Ausdruck des politischen Kampfes seines Volks: âViele Leute kĂ€mpfen gegen die Besatzung, indem sie schreien und Steine werfen. Aber wenn wir tanzen, tun wir etwas viel Wichtigeres fĂŒr PalĂ€stina. Wir halten die Tradition am Leben. Und ich denke, das ist wichtiger, denn es ist friedlich.â Auf die Frage, welche der beiden Parteien, deren Konflikt gerade sein Volk spaltet, er unterstĂŒtzt, will er sich nicht Ă€uĂern: âHier bei El-Funoun bist du nicht fĂŒr Hamas oder Fatah. DrauĂen kannst du machen, was du willst. Aber hier drinnen sprechen wir ĂŒber so etwas nicht.â Seit ihrer GrĂŒndung im Jahr 1979 hat sich die Gruppe El-Funoun (âdie KĂŒnsteâ) gegen jede politische Vereinnahmung gewehrt. Dies macht sie bis heute zum unangefochtenen Symbol palĂ€stinensischer IdentitĂ€t. Am Anfang bestand sie nur aus einer Handvoll Studenten und Musiker, die die TĂ€nze und Lieder ihres Volkes bewahren wollten. Unter dem misstrauischen Blick der Israelis, die in jeder kulturellen ĂuĂerung in den besetzten Gebieten eine Gefahr sahen und daher die Auftritte der Gruppe oft gewaltsam unterbunden, entwickelte sich der lose Zusammenschluss folkloreinteressierter Menschen schnell zu einem gesellschaftlichen PhĂ€nomen. 1986 ging die Gruppe zum ersten Mal auf Tournee in den USA. Konzentrierte sich das Repertoire zunĂ€chst auf das dörfliche Leben mit seinen Hochzeits- und ErntetĂ€nzen, Ă€nderte sich dies schlagartig mit dem Ausbruch der ersten Intifada 1987. âWir verstanden damals, dass wir ein Teil dieser Situation warenâ, erinnert sich Mohammed Abu Yacoub, ehemaliger SĂ€nger und MitbegrĂŒnder von El-Funoun: âWir konnten nicht weiterhin vom Leben frĂŒher erzĂ€hlen, so als wĂŒssten wir nicht, was um uns herum passiert. In dem Moment hörte unsere Kunst auf, Selbstzweck zu sein.â Die Entscheidung, sich ganz bewusst mit dem Leben unter der Besatzung zu beschĂ€ftigen und ihre Arbeit als Werkzeug im Kampf um politische VerĂ€nderung einzusetzen, brachte die Gruppe zu ungeahnter PopularitĂ€t. Sie wuchs auf ĂŒber 50 Mitglieder an, tourte unermĂŒdlich durch die StĂ€dte und Dörfer des Westjordanlandes â auch durch die Golanhöhen und Gaza, als dies noch möglich war - und wurde zunehmend auch zu Festivals in der arabischen Welt eingeladen. 1993, gegen Ende der ersten Intifada, stieĂ auch Omar Barghouti zu El-Founun. Aufgewachsen in Ăgypten, hatte der gebĂŒrtige PalĂ€stinenser einen GroĂteil seines Lebens in New York verbracht und dort eine Kompanie geleitet, die Folklore mit Modern Dance-Elementen mischte. Gemeinsam mit den anderen Choreographen von El-Funoun begann er eine behutsame Modernisierung der Bewegungssprache, die damals noch weitgehend auf dem traditionellen Schreittanz Dabke aufbaute. Ăber die Jahre hinweg hat sich die Gruppe zu einer gut organisierten Struktur entwickelt. Mehr als 50 TĂ€nzer aller Altersgruppen, eine gezielte Ausbildung des Nachwuchses und ein kĂŒnstlerisches Auswahlgremium machen die Kompanie zu einer Art demokratisch gefĂŒhrter Firma â mit dem Unterschied, dass nach wie vor alle Mitglieder ehrenamtlich arbeiten. Administrativ geleitet wird El-Funoun von Khaled Katamish und Noora Baker, die als einzige ein kleines Gehalt fĂŒr diese Arbeit bekommen, zugleich aber auch TĂ€nzer, Trainer und Choreographen sind. Als fortschrittsorientierte sĂ€kulare KĂŒnstlergruppe kĂ€mpft El-Funoun einen doppelten Kampf: einen politischen gegen die israelische Besatzung und einen aufklĂ€rerischen gegen die Fundamentalisierung der palĂ€stinensischen Gesellschaft. So stoĂen sich beispielsweise einige Traditionalisten an den TĂ€nzen, in denen MĂ€nner und Frauen einander berĂŒhren. Um sich politische UnabhĂ€ngigkeit zu erhalten, lehnt die Gruppe jegliche Förderung ab, die an Gegenleistungen gebunden ist â auch von Seiten der palĂ€stinensischen Regierung. Hauptsponsor ihrer Arbeit ist die schwedische Entwicklungshilfeorganisation Sida. âEs geht uns nicht um Hamas oder Fatahâ, erklĂ€rt Khaled Katamish, âes geht uns darum, dass wir jeden herausfordern werden, der in irgendeiner Weise unsere kĂŒnstlerische Entwicklung hemmen will.Ë Im Moment befindet sich El-Funoun an einem kĂŒnstlerischen und strukturellen Wendepunkt: Einerseits ist die Kompanie auf die Einnahmen durch Auslandstourneen angewiesen, andererseits Ă€rgert es die Mitglieder, dass sie hĂ€ufig in einem Rahmen prĂ€sentiert werden, bei dem ihre Herkunft wichtiger zu sein scheint als die kĂŒnstlerische QualitĂ€t: âWir sind keine armen PalĂ€stinenserâ, formuliert PR-Manager Jamal Hadad seinen Unmut. âWir sind kĂŒnstlerisch produktive Menschen. Wir wollen den Leuten zeigen, dass es in unserer Gesellschaft mehr gibt, als nur Armut und Traurigkeit.â Gleichzeitig scheint das von ihm anvisierte Ziel, âirgendwann einmal so groĂ wie âRiverdanceâ zu seinâ, im Moment noch in weiter Ferne. Zu unzureichend ist die Ausbildung der TĂ€nzer, zu niedrig das technische Niveau, das sich an zwei Probeabenden pro Woche mit ansonsten arbeitenden Interpreten erreichen lĂ€sst. Zwar kamen in den vergangenen Jahren immer wieder namhafte Choreographen wie Alain Platel oder Thierry Smits fĂŒr Workshops nach Ramallah, und TĂ€nzer wie Noora Baker wurden zur Weiterbildung ins Ausland geschickt, doch fehlt der Arbeit die KontinuitĂ€t und finanzielle Basis. Beim Auftritt im hochmodernen Ramallah Cultural Palace lĂ€sst die Energie der Gruppe jedoch alle technischen MĂ€ngel vergessen. Vor ausverkauften 740 PlĂ€tzen prĂ€sentiert El-Funoun einen Querschnitt durch die letzten 27 Jahre ihres Schaffens, wo sich Dabke, Showtanz und Release-Technik mit experimentelleren, oft stark theatralischen StĂŒcken mischen. Immer wieder springen die Zuschauer auf, schwenken ihre Schals und singen mit. Das Solo des jungen Sharaf wird zum ohrenbetĂ€ubend beklatschten Höhepunkt. Gewidmet ist der Abend Osama Silwadi, einem mit der Gruppe befreundeten Photographen, der querschnittgelĂ€hmt ist, seitdem ihn bei einer Demonstration die verirrte Kugel eines Landsmannes traf. Heute, mehre Monate spĂ€ter, flammen die innerpolitischen KĂ€mpfe in PalĂ€stina gerade wieder auf. Was auch immer geschieht, El-Funouns kĂŒnstlerischer Kampf wird in jedem Fall weitergehen. Der Text erschien in: Die Deutsche BĂŒhne 5/2007: www.die-deutsche-buehne.de www.el-funoun.org NĂ€chste Vorstellung: am 25. Mai in London im Bloomsbury Theatre http://www.thebloomsbury.com/event/run/1002 Autor: Frank Weigand |