Schwanensee (Burmeister, Ivanov), Stanislawski Theater, Moskau, 27.10.2017 

Ralf Reck, 27.10.2017 22:56:22

Abends gab es Tschaikowskys Schwanensee im Stanislawski Theater. Das dortige Ballettensemble zählt mehr als 100 Tänzerinnen und Tänzer (nach Aussagen des Direktors 125). Zusammen mit dem Bolschoi Ballett sind allein an diesen beiden Theatern ca. 340 Tänzer/innen beschäftigt. Das Theater selbst ist deutlich kleiner als das Bolschoi Theater, es verfügt nur über 1100 Sitzplätze, allerdings in Amphietheaterform mit guter Sicht von allen Plätzen. Gespielt wurde Vladimir Burmeisters Version aus dem Jahre 1953 mit dem zweiten Akt in der Choreographie von Lev Ivanov. Für das Bühnenbild und die Kostüme zeichnete Vladimir Arefiev verantwortlich.

Ein so schönes Bühnenbild einschließlich der Kostüme habe ich bisher bei einer klassischen Schwanenseeversion (Bolschoi, Paris, Berlin, soweit ich mich erinnere) nicht gesehen. Das beginnt mit dem Eingangsbild der Verwandlung von Odette in einen Schwan mit einem Bühnenprospekt aus bemalten, den Wald darstellenden Stoffen (sowie dem im Hintergrund befindlichen See) und findet seinen absoluten Höhepunkt im Ballsaal des dritten Aktes. Dieser nimmt Elemente der Florentiner Renaissance auf und übersetzt sie in die filigrane Eisenarchitektur des 19. Jahrhunderts. Das ist Historismus in seiner schönsten Form. Die Lichtregie unterstützt den märchenhaft/mystischen Eindruck und verstärkt die Wirkung bei den tiefblauen und tiefroten Farben der optisch beeindruckenden Kostüme ganz wunderbar, etwa beim Auftritt von Rotbart (Stanislav Bukharaev). Bukharaev erschien in seinem Kostüm wie der auferstandene letzte Aztekenkaiser Cautemoc: machtbewußt, kraftvoll und zielstrebig, das war auch ohne tänzerischen Einsatz beeindruckend.

Den Tänzern und Tänzerinnen des Stanislawski Balletts merkte man die Freude an der Rollengestaltung an. Sie wirkten vom Ausdruck her weniger statisch und im Spiel persönlicher als jene des Bolschoi Balletts. Technisch tanzten sie auf hohem Niveau, nur von Denis Dmitriev (Siegfried) hätte man in den Soli etwas mehr Einsatz erwarten können. Er war allerdings der perfekt tanzenden Erika Mikirticheva (Odette / Odile) ein technisch überaus sicherer Partner, so dass die Hebungen und der Übergang in die Figuren im Grand Pas de deux tadellos gelangen. Der Schluss passte zu den schönen Bühnenbildern, Siegfried ertrinkt nicht im See, vielmehr errettet Odette mit ihrer Liebe den Prinzen, so dass beide einer glücklichen Zukunft entgegen sehen können.

Das Protagonistenpaar wurde bejubelt, wie auch im Bolschoi Theater war der Beifall im ausverkauften Haus aber nur kurz. Nach Ende der Vorstellung konnten wir mit unserer Reisegruppe noch auf die Bühne gehen und uns bei den beiden „Principals“ sowie dem Direktor für die schöne Vorstellung bedanken.


 

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