Le Corsaire (Petipa, Ratmansky), Moskau, Bolschoi-Ballett, 22.10.17 

Ralf Reck, 23.10.2017 18:20:57

Gestern Abend gab es Le Corsaire im Bolschoi Theater (Marius Petipa in neuer Bearbeitung von Juri Burlaka und Alexei Ratmansky). Dieses Ballett hatte ich erstmals 2013 im Michailowski-Theater in St. Petersburg (und später noch zweimal in München) gesehen und war davon sehr angetan. Die heutige, auch in diverse Filmtheater übertragene Vorstellung verließ ich dagegen mit gemischten Gefühlen. Erwartungsgemäß wurde technisch auf hohem Niveau getanzt, so u.a. von Ekaterina Krysanova (Medora), Igor Tsvirko (Conrad, mit beeindruckenden Sprüngen), Daria Khokhlova (Gulnara), Artemy Belyakov (Solo im Grand Pas des Eventails), Anastasia Stashkevich mit Vyacheslav Lopatin (Pas d’Esclave im ersten Akt) und, sehr beeindruckend, von den mehr als 40 Tänzerinnen des „Jardin Anime“.

Was der Choreograph Ratmansky allerdings aus der Geschichte des Piraten Conrad, der sich in die schöne Medora verliebt, diese verliert und sie schließlich wieder gewinnt, gemacht hat, minderte die Freude an dem Ballett jedoch erheblich. So wird die für die Handlung wichtige Schiffbruchszene widersinnig vom Anfang an das Ende verlegt. Damit beginnt das Ballett unmotiviert mit dem Sklavenmarkt. Die Rolle des Sklaven Ali, dessen dramaturgische Bedeutung als Herzensbruder von Conrad nicht unterschätzt werden sollte, ist ganz gestrichen (das berühmte Korsarensolo im zweiten Akt wird von Conrad getanzt). Eine ausufernde Zunahme pantomimischer (statt tänzerischer) Elemente lässt den Sklavenhändler Lankedem und auch den Fürsten Seid Pascha zudem nur noch als hilf- und machtlose Trottel erscheinen. Von tänzerisch-psychologischer Durchdringung der Figuren und Beziehungsgeflechte fehlt in dieser choreographischen Ausdeutung jede Spur. So versinkt der Tanz unter einer schönen technischen Oberfläche genauso symbolhaft, wie am Ende das Korsarenschiff im aufgewühlten blauen Meer. Schade.


 

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