KOEGLERJOURNAL 2005/2006



Stuttgart

„ONEGIN“ NACH VIERZIG JAHREN

Erstmals zu Hause mit Manuel Legris und Maria Eichwald


Tokio als „provincial try-out“ für Stuttgart – wer hätte das gedacht! Dort tanzten Manuel Legris und Maria Eichwald die beiden Hauptrollen in John Crankos „Onegin“ erstmals mit dem Stuttgart Ballet und an diesem Abend nun also erstmals im Stammhaus am Stuttgarter Eckensee! Und es wurde eine triumphale Vorstellung. Die Uraufführung in Stuttgart war 1965, also vor vierzig Jahren – von einem gewissen oe ziemlich negativ beurteilt, wegen der doch erheblichen Diskrepanzen zu Puschkins Roman in Versen und – vor allem – zu Tschaikowskys Lyrischen Szenen. Doch auch Cranko war wohl noch nicht ganz zufrieden. Denn zwei Jahre später, 1967, arrangierte er eine Neufassung – und die hielt auch oe schon für gelungener. Und heute? Ist oe vierzig Jahre älter, proklamiert er Crankos „Onegin“ als „Cru Hors Classe“ – gemäß der Klassifikation der Weine des Bordelais. In der Tat scheint mir Crankos „Onegin“ inzwischen als ein Ballett der absoluten Spitzenklasse - gealtert, nein: gereift wie ein großer Jahrgangswein! Wie ist der aber auch inzwischen ausgebaut! Wie phantastisch dramaturgisch strukturiert – nicht zuletzt durch seine diversen Spiegelungen – die mit dem realen Spiegel, aber auch die dramaturgischen Spiegelsituationen (beispielsweise mit der Zurückweisung der Briefe), der Einbeziehung Gremins schon in den Ball bei Larina, dem großen Solo Onegins im St. Petersburger Ballakt mit seinem Monolog vor den vorbeiflutenden Mädchenreigen seiner Vergangenheit! Und wie subtil geht die von Kurt-Heinz Stolze eingerichtete und instrumentierte Musik (Tschaikowskys) – an diesem Abend so liebevoll von James Tuggle aus unseren Staatsorchestralen hervorgekitzelt (Holzbläser!) auf die so kontrastreichen Situationen ein. Es ist wahrlich ein Jammer, dass dieser so eminent für das Ballett begabte Kapellmeister seinem Leben so früh ein Ende gesetzt hat. Auch wenn seine etwas spätere Scarlatti-Version für „Der Widerspenstigen Zähmung“ nicht mehr ganz die künstlerische Höhe seines „Onegin“ erreicht hat. Welch eine musikdramaturgische Sensibilität im Vergleich zu den international berühmteren Arrangements von Charles Mackerras etwa für „Lady and the Fool“ (Verdi), „Manon“ (Massenet“) und „A Month in the Country“ (Chopin). Wie gesagt: (auch) mir geht erst beim immer und immer Wiedersehen des Balletts auf, wie fabelhaft dieser „Onegin“ konstruiert ist – von Cranko, mit seinen damals 38 Jahren! Was hätten wir von ihm zu erwarten gehabt, wenn er nicht schon als 46-Jähriger gestorben wäre. Wobei ich mich noch immer nicht für die Intervention der Frauen in dem reinen Männer-Ritual der Duell-Szene erwärmen kann.
Die Besetzung an diesem Abend kurios, kurios! So russisch wie kaum je zuvor. Der Protagonist ein Weltstar: Manuel Legris, 41-jähriger Étoile der Pariser Opéra und in Stuttgart hoch geschätzt als Prinz Desiré in „Dornröschen“ (und mehr noch in Hamburg und Paris als Neumeier- und Forsythe-Créateur, ganz zu schweigen als Klassizist par excellence in den Adam/Coralli-, Petipa/Iwanow-, Balanchine-, Neumeier-, Nurejew- und Lacotte-Klassikern). Kein blasierter Roué, sondern ein aus allzu viel Erfahrung müde gewordener Mann des Ennui, der sich im Schlussakt eine Leidenschaft vorgaukelt, die längst nicht mehr die seine ist. Dazu Maria Eichwald als Tatjana, ursprünglich aus Kasachastan, via München nach Stuttgart verschlagen, die sich in ihre Bücherträume hineinsteigert und später in St. Petersburg zur Grande Dame reift. Als Olga sodann Elena Tschentschikowa, aus ihren verschiedenen Biografien nicht ganz ersichtlich, woher sie aus der Ex-UdSSR stammt. Jedenfalls bis über beide Ohren verliebt in ihren Lenski, dabei einem kleinen Flirt-Abstecher nicht abgeneigt, sowie der Moskau-gebürtige Mikhail Kaniskin, als Lenski vielleicht nicht gerade ein Göttinger Student, wohl aber ein Golden Boy und Mädchenschwarm. Weiter Jason Reilly, in dieser Personenkonstellation sozusagen als kanadischer Botschafter an der Embassade am Russischen Hof der Romanows (gab es damals überhaupt schon eine kanadische Botschaft an der Newa?). Doch wenn schon Legris sich als eine spezielle Nurejew-Entdeckung und Nurejew-Protegé deklariert (siehe die amerikanische Ballet Review 2003/Winter, S. 19 und 22), hätte er nicht seiner Interpretation des ja nicht mehr ganz jungen, der oberflächlichen St. Petersburger Gesellschaft gänzlich überdrüssigen Dandy – quasi als Hommage an Nurejew (der diese Rolle nie getanzt hat) zumindest jenen andersartigen Soupçon in dieser Rolle andeuten können: nämlich dass Onegin, nach all seinen früheren erotischen Eskapaden, endlich seine wahre (auch Puschkin verborgene, von Tschaikowsky vielleicht ja erahnte) sexuelle Identität entdeckt hat? Dass er weder in den ihn anhimmelnden unendlichen Backfischflor der russischen Mädchenblüte, sondern einzig in seinen Freund Lenski verliebt war, der seine Liebe indessen nicht erwiderte, und den er deshalb getötet hat? Schade, dass sich Legris diese Chance entgehen ließ. Aber er ist ja noch jung in dieser Rolle und wird deren Ambivalenz vielleicht ja noch entdecken!

Veröffentlicht am 13.01.2006, von oe in koeglerjournal 2005/2006

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Kommentare zu "„Onegin“ nach vierzig Jahren"



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