KRITIKEN 2004/2005



Stuttgart

MARIA EICHWALD IN „LULU. EINE MONSTRE-TRAGÖDIE“

Neubesetzungen verändern das ursprüngliche Gleichgewicht


Die Serie des Erfolgstücks von Christian Spuck beim Stuttgarter Ballett ging am Pfingstwochenende mit zwei Vorstellungen zuende, in denen Maria Eichwald erstmals die Titelrolle tanzte und vier weitere Debuts zu sehen waren. Daraus ergaben sich im Vergleich zur Premiere (s. Kritiken zum 05.12.2003) durchaus unterschiedliche Qualitäten. Die zur Modernität der Inszenierung Spucks sehr viel beitragenden Video-Einspielungen zeigten zum erstmals von Oihane Herrero interpretierten sinnlichen Eingangs-Song das Gesicht Eichwalds in Großaufnahme: einer dank ihrer riesengroßen Augen und ihres ausdruckvollen Mundes veritablen Schönheit, die, mit selbstverliebter Wachheit mimisch die Musik auskostend, bereits anfangs verführerisch ihre Bereitschaft zu amourösen Abenteuern aller Art verriet. Gleich in ihren ersten Tänzen wurde hinter Lulus Laszivität ihre Größe als Tänzerin sichtbar, die technisch souverän auch eine Femme fatale mit überzeugendem Laissez-faire verkörpert. Ihre frappante Flexibilität und hohen Arabesken ließen Lulu in den Armen der sie begehrenden Männer als ein Stück verfügbares Fleisch und ebenso als etwas Kostbares erscheinen. So zeigte sie, wieviel Spaß es Lulu macht, sich an die Welt der männlichen Begierden hinzugeben, um bei aller Koketterie auf gefährlichem Terrain zugleich ihre eigene Wunschwelt zu behaupten. Die aus einer Kollision der männlichen Begierden resultierende Bedrängnis blieb nicht lange aus, doch daraus entwickelte sich im Adagio ein atemberaubend schöner Pas de deux mit Douglas Lee, der erstmals den Dr. Schöning tanzte. Das rief die Liebessehnsucht der Gräfin von Geschwitz auf den Plan, in deren Rolle Oihane Herrero debütierte. Als einzige, denn Lulu und ihresgleichen stammen ja aus der Gosse, tanzt sie auf Spitze eine schön getragene Variation, die sie mit lang gereckten Gliedern etwas altjüngferlich gestaltete. Dem Tanz in Schläppchen, mit dem Eichwald ihre Lulu als Nymphe grausam den Triumph der Jugend ausspielen lässt, hat sie wenig entgegenzusetzen. Auch das Drama um die Ermordung Schönings verlor sich gegenüber Eichwalds virtuoser Dominanz etwas.
Der zweite und dritte Akt machten deutlich, dass Tänzer, die von anderen die Rollen übernehmen, sich ein neues Stück fast nie so sehr zu eigen machen können wie andere, die es mitkreiert haben. Das schien auch für Eichwald zu gelten, die oft die Wirkung des Geschehens auf sich abwartete und daraus ihre nächsten Schritte entwickelte. Damit konnte sie zwar auch faszinieren, trieb aber nie die Handlung so sehr an, dass der ungeheure Drive der Premierenaufführung entstanden wäre. Während die Handlung also ruhiger voranschritt und das Ensemble die lasziv-morbide Atmosphäre ihrer Stationen mit homogener Eleganz prägte, gerieten nur wenige Soloszenen so stark wie die gestochen scharfen Attacken, mit denen die Gräfin v. Geschwitz, verzweifelnd über den Fall ihres Engels, gegen die Freier aufbegehrt, die Schigolch (Eric Gautier) Lulu zuführt. Damiano Pettenella beispielsweise hatte als Jack the Ripper einen Auftritt von starker Präsenz, doch die psychologische Studie der Zwangsläufigkeit seiner Morde blieb matt. Insgesamt enttäuschte der „Lulu“-Abend von Christian Spuck aber keineswegs, und man kann sicher erwarten, dass nicht nur Maria Eichwald, sondern auch die anderen neuen Solisten in dieses Stück hineinwachsen werden, das in seiner neuen Version den poetischen Schluss, der ursprünglich die Projektion einer unversehrten Lulu zeigte, gegen die folgerichtige Projektion einer brutal zugerichteten Lulu austauschte.
Besprochene Aufführung: 14.05.2005 Link: www.stuttgart-ballet.de

Veröffentlicht am 18.05.2005, von Karl-Peter Fürst in Kritiken 2004/2005

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Kommentare zu "Maria Eichwald in „Lulu. Eine Monstre-Tragödie“"



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