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Lausanne

RAFFINIERTES CINEMA-THEATER

Das Béjart Ballet Lausanne bringt „Dixit“ zur Uraufführung



Fragmente aus Werken von Maurice Béjart und Gil Roman kommen auf die Bühne, teils real getanzt, teils in Kurzfilmen festgehalten. Für die verblüffend-fantasievolle Inszenierung ist Marc Hollogne verantwortlich.


  • „Dixit“ vom Béjart Ballet Lausanne Foto © Gregory Batardon
  • „Dixit“ vom Béjart Ballet Lausanne Foto © Francette Levieux
  • „Dixit“ vom Béjart Ballet Lausanne Foto © Gregory Batardon
  • „Dixit“ vom Béjart Ballet Lausanne Foto © Ilia Chkolnik
  • „Dixit“ vom Béjart Ballet Lausanne Foto © Gregory Batardon
  • „Dixit“ vom Béjart Ballet Lausanne Foto © Gregory Batardon

Immer im Dezember präsentiert sich das Béjart Ballet Lausanne (BBL) ein paar Tage lang in der Stadt, in der es seit 1987 seinen Stammsitz hat. Lausanne gewährt ihm gewissermaßen Kost und Logis. Als Dank für die Unterstützung zeigt die Kompanie hier gern ihre neuen Stücke, bevor sie dann wieder auf Tournee geht.
Dieses Jahr war es die Produktion „Dixit“ („Er hat gesprochen“), die das BBL im Lausanner Théàtre Beaulieu uraufführte. Was für ein Stück! Am Schluss der zweistündigen Vorstellung taumelt das Hirn vor lauter Eindrücken.

Während fast zwei Stunden ohne Pause hat man dem 2007 verstorbenen Maurice Béjart beim Philosophieren zugehört, Ausschnitte aus seinen Balletten gesehen, ein Double von ihm (Mattia Galiotto) auf der Bühne erlebt. Der heutige Direktor des BBL, Gil Roman, hat nicht nur mit seinen Tänzerinnen und Tänzern geprobt, sondern auch selber noch getanzt. Roman, schmal und jugendlich wirkend, trägt zum schwarzen Haar neuerdings einen weißen Bart (der ihm nicht besonders steht!). Wohl um zu betonen, dass er der Chef und Guru des Ensembles ist. Und weit über 50 Jahre alt.

Das Grundprinzip von „Dixit“ ist relativ einfach. Ein Teil der Vorstellung spielt sich real auf der Bühne ab, der Rest erscheint auf Filmleinwänden. Doch im Detail geht es viel verwirrender zu. Die Grenzen zwischen real und virtuell zerfließen. Plötzlich ragt ein lebendiger Fuß aus einem Bildrahmen heraus, oder ein Tänzer verschwindet in weitem Bogen hinter einer Leinwand, um sich nahtlos in die Filmequipe einzufügen. Bei einem Pas de Deux tanzt eine echte mit einer Schattenfigur. Man sieht Béjart auf zwei Bildschirmen beim Proben zu, zwischendrin übt Galiotto die gleiche Einzelszene ein. Natürlich live.

Marc Hollogne, Cinema-Theater-Spezialist aus Belgien, hat mit seiner phantastischen Inszenierung wesentlich zum Zauber von „Dixit“ beigetragen. Und dann natürlich die Kompanie! Galiotto übernimmt die Rolle von Maurice Béjart nicht nur als Choreograf und Tänzer, sondern auch als Redner, im Wechsel mit dem Original. In einem langen Ausschnitt aus „Sacre du Printemps“ tanzt Alanna Archibald die Erwählte, Fabrice Gallarrague ihren Partner – und man erinnert sich, dass in Béjarts Version des Strawinsky-Balletts das Mädchen sich nicht zu Tode tanzen muss, sondern in Liebespaar-Ekstase aufgeht.

Kurze Szenen aus Béjart-Werken wechseln ab mit längeren Ausschnitten, etwa aus „Dibouk“ oder dem „Feuervogel“. Die Namen der Stücke werden im Programm nicht genannt – so läuft es dann auf ein Who is Who für Fortgeschrittene hinaus. Wobei Anfänger wohl ebenfalls großen Spaß an der Aufführung haben. Das gilt auch für jene, die Béjarts französische Rhetorik inhaltlich nicht mitkriegen.

Auf Live-Musik muss man verzichten – alles erklingt vom Tonträger. Rund 30 Komponisten-Namen erscheinen in alphabetischer Reihenfolge im Programmheft, von Bach über Freddie Mercury bis John Zorn. Dazwischen traditionelle Musik aus Indien oder dem Tschad. Das ist dann wieder ein Who is Who für Kenner.

In der letzten Szene, einem Ausschnitt aus Gil Romans „Syncope“, erscheinen alle in lockerem Weiß. Tanzend erobern sie die Bühne, zuerst forschend, dann immer lebhafter, zuletzt im Massentaumel. Ähnliche Schlussauftritte kennt man aus früheren Béjart-Balletten. Von den Tänzerinnen und Tänzern, die schon vor 30 Jahren bei der Gründung des BBL dabei waren, sind nur noch wenige dabei, so Elisabet Ros und Julien Favreau. Die heutige Kompanie entwickelt aber (fast) die gleiche Ausstrahlung wie jene von einst. Schöne Menschen, unterschiedliche Hautfarbe, aus vielen Ländern stammend. Allerdings niemand aus Deutschland oder der Schweiz.

Das Publikum im prall gefüllten Théâtre Beaulieu bedankte sich für „Dixit“ mit Standing Ovations. Wie fast immer bei den Heimspiel-Premieren des Béjart Ballet Lausanne.

Uraufführung am 19.12.2017.
www.bejart.ch

Veröffentlicht am 21.12.2017, von Marlies Strech in Homepage, Kritiken 2017/18

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Kommentare zu "Raffiniertes Cinema-Theater"



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