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Hamburg

ALLES DREHT SICH

Die norwegische Kompanie Carte Blanche mit „Jerada“ von Bouchra Quizguen (Marrakesch) in der Hamburger Kampnagelfabrik



Norwegen meets Marokko – heraus kommt ein magisches Tanzritual.


  • „Jerada“ von Bouchra Quizguen Foto © Arash Nejad
  • „Jerada“ von Bouchra Quizguen Foto © Arash Nejad
  • „Jerada“ von Bouchra Quizguen Foto © Arash Nejad
  • „Jerada“ von Bouchra Quizguen Foto © Arash Nejad
  • „Jerada“ von Bouchra Quizguen Foto © Arash Nejad

Selten ist die Bühne der K6 auf Kampnagel bei einer Vorstellung so leer und dabei so weit geöffnet – wie ein großer Platz dehnt sie sich im Halbdunkel, nur von einem Deckenscheinwerfer erhellt. Musik setzt ein – Männerstimmen singen auf Arabisch, mal anklagend, mal melancholisch, mal aggressiv, mal getragen, begleitet von schweren, stampfenden Trommelschlägen. Langsam schreitet ein Mann im halblangen schwarzen Mantel in das Scheinwerferlicht, hebt die Arme an und beginnt, sich zu drehen. Immer rechtsherum, im immer gleichen Tempo, ausdruckslos, wie ferngesteuert. Er kreiselt und kreiselt und kreiselt. Zwischendurch steigert er auch mal das Tempo und verlangsamt es wieder, nimmt die Arme mal vor, mal zurück, spielt mit dem Mantel – weiterhin sich ständig um sich selbst drehend. Das geht geschlagene 20 Minuten lang, bis er plötzlich stehenbleibt.

Ein zweiter Mann betritt den Platz. Auch er beginnt zu kreiseln. Der erste Mann setzt wieder dazu ein. Eine Frau kommt dazu und fängt an, sich zu drehen. Ein dritter Mann erscheint – und dreht sich. Der erste geht ab. Der zweite geht ab. Und kommt zurück. Und dreht sich. Jetzt aber links herum. Und so geht es weiter. Ein kreiselndes Kommen und Gehen. Der Gesang wird schwächer, die Trommelschläge verebben. Die Menschen drehen sich weiter. Insgesamt acht Männer, fünf Frauen. Sie kommen und gehen. Kreiseln. Rechts herum. Links herum. Immer weiter. Im lautlosen Raum. Die Kleidung wird bunter. Wo anfangs Schwarz dominierte, gibt es jetzt rote Socken, rote Kniestrümpfe, ein weiß-rot gestreiftes Shirt, ein blaues Hemd.

Nach 40 Minuten die erste Kollision: wie zufällig sind zwei aneinandergeraten. Wer hat da wen gerempelt? Egal. Jetzt gibt es weitere Richtungswechsel. Eine Frau schreit Kommandos: Hände runter. Arme hoch. Boden berühren. Springen. In aberwitzigem Tempo. Unmöglich, dass das gut geht. Wieder gibt es Rempeleien. Alle gehen ab, nur eine Frau bleibt in der Mitte. Dreht sich wieder. Versucht auf alberne Weise, den Ärmel ihrer Jacke dabei zu fangen. Zieht sie aus, wirft sie auf den Boden. Die Musik setzt wieder ein, der Männergesang, die Trommelschläge. Die anderen stürmen wieder die Bühne, bewerfen sich mit Kleidungsstücken, rennen – immer im Kreis. Eine Person erscheint, über und über behangen mit Jacken, Hosen, Shirts, Mänteln. Im Rennen verliert sie einen Gutteil davon, die anderen lesen die Kleidungsstücke auf, werfen sie hoch und einander zu, sie rennen im Kreis. Nur selten nimmt mal jemand eine Diagonale. Das hat etwas Heiteres, Unbeschwertes, Spielerisches.

Die Musik wird schneller, die Rhythmen stampfender, drängender. Alle laufen wild durcheinander, werfen weiterhin mit den Kleidungsstücken. Als es schneller nicht mehr geht, stoppt die Musik jäh. Das Kreiseln ebbt ab, wird langsamer, klingt aus. Eine Frau bleibt, ein Mann rennt in Höchsttempo außen im Kreis um sie herum, rempelt sie an, verschwindet. Die Frau taumelt, dreht sich noch ein bisschen, fällt, steht auf, wankt weiter. Immer langsamer. Das Licht verlischt.

Mehrere Wochen lang war die norwegische Tanzkompanie Carte Blanche bei der marokkanischen Choreografin Bouchra Quizguen in Marrakesch, um das Stück „Jerada“ zu kreieren – und der orientalische Einfluss ist unverkennbar. Jerada ist eine Stadt in der gleichnamigen Provinz im Nordosten von Marokko, der Titel ist möglicherweise eine Anspielung und Erinnerung an ein antijüdisches Pogrom von 1948, bei dem die rund einhundert jüdischen Bewohner der Stadt, auch Alte und Kinder, von einem aufgehetzten Pöbel verfolgt, gejagt und gehetzt wurden. 39 Menschen verloren damals ihr Leben, zahlreiche andere wurden schwer verletzt.

„Jerada“ entwickelt in den 60 Minuten, die das Stück insgesamt dauert, eine sehr eigene Magie, eine Art Sog des staunenden Schauens, in das es die Zuschauer hineinzieht. Und die norwegischen Tänzerinnen und Tänzer werfen sich mit spür- und sichtbarer Begeisterung in diese schwierige Aufgabe. Das Publikum quittierte das mit großem Respekt und warmem Beifall.

PS: Leider zeigen die wenigen Fotos nur Motive vom letzten Teil des Stückes, der zeitlich den geringsten Raum einnimmt. Dieser Eindruck sollte nicht täuschen. 40 Minuten lang ist erheblich weniger Bewegung und Chaos auf der Bühne, als es hier den Anschein erweckt.

Veröffentlicht am 18.12.2017, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2017/18

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