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Osnabrück

NUR AM RANDE KAFKAESK

Mauro de Candias „Home, Sweet Home” am Theater Osnabrück



Der Leiter der Dance Company ließ sich für seine Kammerchoreografie von Kafkas „Brief an den Vater“ inspirieren.


  • „Home, Sweet Home” von Mauro de Candia Foto © Jörg Landsberg
  • „Home, Sweet Home” von Mauro de Candia Foto © Jörg Landsberg
  • „Home, Sweet Home” von Mauro de Candia Foto © Jörg Landsberg
  • „Home, Sweet Home” von Mauro de Candia Foto © Jörg Landsberg
  • „Home, Sweet Home” von Mauro de Candia Foto © Jörg Landsberg

Der Titel „Home, Sweet Home“ ist bitterster Zynismus. In seiner neuen Kammerchoreografie für vier Solisten und sechs Gruppentänzer nimmt Mauro de Candia ein Allerweltsthema auf, das bis heute in die Behandlungszimmer von Psychologen und Neurologen verbannt wird: das krankhafte Leiden sensibler Söhne an ihren Vätern mit tiefen Depressionen und bipolaren Störungen. Im Alter von 37 Jahren schrieb Franz Kafka nach einer heftigen Auseinandersetzung mit seinen Eltern einen 45 (Druck-)Seiten langen Brief an seinen als extrem dominant und gefühllos empfundenen Vater. Obwohl sein selbstkritisch reflektierendes Fazit am Ende des Briefes positiv ausfällt – er entscheidet sich gegen den Bruch – schickt er den Brief, diesen ultimativen Versuch der Flucht durch das Schreiben, nie ab, sondern übergab ihn seiner Gefährtin Milena Jesenská. 1952 wurde der Text veröffentlicht.

Statt Selbstvertrauen habe der Vater Schuldbewusstsein in ihm genährt, klagt Kafka da. „Wie ein König auf Reisen“ habe er geherrscht, Terrain erobert, sodass für den Sohn kaum Regionen auf der Seins-Landkarte übrig blieben. Des Vaters Misstrauen gegenüber allen Menschen habe den Familiensinn des Sohnes zerstört und jeden Versuch, sich in eine eigene Identität zu retten, im Keim erstickt. In keiner Hinsicht sei der Vater als Vorbild zu erkennen gewesen. Der Sohn habe Aufmunterung gebraucht. „Ich war ja schon niedergedrückt durch deine bloße Körperlichkeit“. Nie sei sein Lebensgrundsatz entgegen väterlicher Anschuldigungen gewesen, „Immer alles contra“ zu tun und zu sagen. Dennoch schwächt der Sohn immer wieder die väterliche Schuld ab und reicht ihm – nach einer fiktiven, beißend zynischen Replik des Vaters – schließlich die Hand.

De Candia hat die Zahl der in dem Text charakterisierten und erwähnten Personen auf vier Familienmitglieder reduziert: Vater, Mutter, (eine der drei) Schwester(n) und den reflektierend schreibenden Sohn. Das Personal im väterlichen Geschäft und die dort auch beschäftigte Nichte Irma sowie zwei Schwestern sind gestrichen. Dafür skizzieren sechs schwarze Gestalten (in den Bewegungen eher simpel bis steif statt mysteriös-gespenstisch kafkaesk) die Welt des Sohnes, seine leidende Seele. Dessen Leidensweg aufgrund einer völlig anderen Persönlichkeitsstruktur als der des forschen, dynamischen, jähzornigen Vaters, setzt Lockenkopf Lennart Huysentruyt (nach der Premiere alternierend mit Ohad Caspi) berührend glaubwürdig in de Candias bizarre Bewegungen, zumeist am Boden, um.

Furchterregend grobschlächtig trampelt Oleksandr Khudimov (alternierend mit Vincenzo Minervini) im silbern schimmernden Business-Anzug und mit gegelter Frisur über den blank gescheuerten, langen Küchentisch der Familie, um seine „Überlegenheit durch Ironie“ unter Beweis zu stellen. Scheu dem fast zärtlichen Ehegatten gegenüber und zaghaft liebevoll sich dem Sohn annähernd, „das Urbild der Vernunft“, gibt sich Marine Sanchez Egasse als Mutter (alternierend mit Katherina Nakui und Rosa Wijsman). Die sehr zarte, aber selbstbewusst auftretende Cristina Commisso als Lieblingstochter Valli (alternierend mit Ayaka Kamei und Saskia de Vries) signalisiert Solidarität mit Vater und Sohn, indem sie, wenn er auszurasten droht, besänftigend ihre Hand auf seinen Arm legt.

Die Klangcollage setzt sich aus Kammermusik zeitgenössischer Komponisten zusammen, originell vor allem in den klopfenden Klängen und Rhythmen aus „Journey“ und „Windows“ der Finnin Kaija Saariaho. Wogegen (nicht identifizierte) Ausschnitte aus einem Stimmengewirr zu Beginn und gegen Ende der 90-minütigen Performance eher den Wunsch nach der Lesung von Kafka-Textstellen weckt. Allerdings: zu nah wollte de Candia Kafkas anrührenden und aufwühlend intimen Reflexionen wohl gar nicht kommen. Womöglich ließ er sich von dessen verallgemeinernder Aussage inspirieren, sich ein ganz normales Leben zu wünschen – „Heirat, Familiengründung und alle Kinder, welche kommen, hinnehmen“ gelinge „tatsächlich nicht vielen,“ und so suche er selbst nur ein „Plätzchen auf der Erde, .... wo manchmal die Sonne hin scheint und man sich wärmen kann“.

Veröffentlicht am 20.11.2017, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/18

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