HOMEPAGE



Mannheim

DER NACKTE KÖRPER – SONST NICHTS

„ZeitGeist“ – ein neues Tanzstück von Éric Trottier in der Mannheimer Trinitatiskirche



Ein emotionales Stück, zugeschnitten auf den spirituellen Raum.


  • „ZeitGeist“ von Éric Trottier Foto © Fulbert Hauk
  • „ZeitGeist“ von Éric Trottier Foto © Fulbert Hauk
  • „ZeitGeist“ von Éric Trottier Foto © Fulbert Hauk

Die Mannheimer Trinitatiskirche hat seit ihrer Umwidmung zum EinTanzHaus schon einige Aufführungen erlebt – aber das jüngste Stück „ZeitGeist“ ist das erste, von Éric Trottier mit Partnerin Daria Holme direkt vor Ort erarbeitet wurde. Es ist, so sagt der Mannheimer Choreograf selbst, sein bisher emotionalstes Stück geworden, eine Auseinandersetzung mit dem Tod. Seine Choreografie ist thematisch direkt auf den spirituellen Raum zugeschnitten: Der denkmalgeschützte Bau aus der Nachkriegszeit lässt sich als architektonische Verarbeitung der Kriegsgräuel interpretieren. Während die Besucher mit ungewohnter Tuchfühlung zum Nachbarn auf den ehemaligen Kirchenbänken sitzen, werden sie Zeugen der permanenten Bedrohung über der großen Tanzfläche: ein riesiger (Beton-?)brocken, der beim Herabstürzen alles Leben unter sich begraben würde.

So ist der Tod allgegenwärtig, während die Lebenden sich ihm auf der Bühne stellen müssen: mit Verdrängung, Rotzigkeit, Aufbegehren, Verzweiflung und gegenseitiger Zuwendung. Trottier lässt sich dazu viele getanzte Bilder einfallen, aber besonders eindrucksvoll wird es dann, wenn nichts mehr bleibt als die bloßen Körper. Am Ende werden die Kostüme abgelegt wie Schutzhüllen, die ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Nackt und schutzlos finden die sieben Tänzer nur noch gegenseitig Halt. Aufs Minimalste reduziert, als reine Torsi – Rückenansichten, bei denen Gliedmaßen und Köpfe verborgen bleiben – formen sie anrührende Körperketten. So verwischt die Sterblichkeit alle individuellen Unterschiede.

Zwei Bücher haben Trottier bei der choreografischen Arbeit beeinflusst, vor allem das viel diskutierte Buch „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ des französsischen Journalisten Antoine Leiris, der bei den Anschlägen im Bataclan seine Frau verlor, und „Cosmos“ von Michael Onfrey, der sich mit dem Tod jenseits religiöser Hoffnungen auseinandersetzt. Was an Hoffnung bleibt, ist die Gemeinschaft, die dem schutzlos gewordenen Einzelnen Halt gibt.

Sieben höchst unterschiedliche Darsteller hat der Chroeograf für sein La_Trottier Dance Collective engagiert, und die Besetzungsliste ist typisch für die sich mit Macht etablierende freie Tanzszene in Mannheim: Hiphopper Tobais Weikamp gehört zum Kern des Dance Collective; der Mannheimer Jonas Frey und Joseph Simon sind im Urban Dance verwurzelt und haben schon gemeinsame Projekte realisiert; Michelle Cheung und Julie Pécard kommen aus der Kompanie des ehemaligen Mannheimer Ballettchefs Kevin O’Day; Vera Vladiguerov ist aus der Dresdener freien Szene dazugestoßen; Evandro Pedroni hat mit Edan Gorlicki gearbeitet, dessen neuestes Stück ebenfalls im EinTanzHaus gezeigt wird. Fest in der Mannheimer Musikszene verankert sind Steffen Dix und Peter Hinz, deren elektronischer Soundtrack die emotionalen Färbungen der Choreografie ausleuchtet.

Hier im EinTanzhaus könnten sich auch in Zukunft kreative Kräfte der freien Tanz- und Musikszene im Rhein-Neckar-Raum bündeln; ein Anfang ist gemacht. Die Zukunft hängt – nicht nur, aber auch – von gesicherter finanzieller Ausstattung dieser so besonderen Spielstätte ab.

Veröffentlicht am 07.11.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/18

Dieser Artikel wurde 723 mal angesehen.



Kommentare zu "Der nackte Körper – sonst nichts"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    "TANZ DER MENSCHLICHKEIT"

    Nestroy Spezialpreis für Doris Uhlich und Michael Turinsky mit "Ravemachine"
    Veröffentlicht am 17.11.2017, von Pressetext


    JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

    Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern
    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext


    ED WUBBE BEKOMMT DEN "GOLDEN SWAN"

    Der künstlerische Leiter des Scapino Ballet wurde mit dem niederländischen Tanzpreis ausgezeichnet
    Veröffentlicht am 17.10.2017, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ 26: HINTER TÜREN

    Ein choreographischer Blick durchs Schlüsselloch. Choreographie von Jo Strømgren. Premiere am 25. November 2017 am Luzerner Theater

    Seine Choreographien sind bekannt für ihre höchst individuelle Mischung aus Tanz, Schauspiel und Musik. Für die musikalische Begleitung sorgt der Luzerner Cellist Gerhard Pawlica.

    Veröffentlicht am 23.10.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

    Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern

    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext


    DER SCHÖNE SCHEIN

    Die Uraufführung des Balletts „Die Kameliendame“ von Ralf Rossa an der Oper in Halle

    Veröffentlicht am 14.11.2017, von Boris Michael Gruhl


    OLDENBURG LÄSST DIE PUPPEN TANZEN

    „Drei Generationen“ bei der BallettCompagnie Oldenburg

    Veröffentlicht am 16.11.2017, von Martina Burandt


    TANZTHEATERERLEBNIS FÜR DIE KLEINSTEN

    „Der Elefant aus dem Ei“ von Ceren Oran

    Veröffentlicht am 18.11.2017, von tanznetz.de Redaktion


    AUGE IN AUGE MIT DEN MONSTERN

    Helena Botto zeigt in der Hebelhalle Heidelberg ihr neues Stück „Monstrator“

    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel



    BEI UNS IM SHOP