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Berlin

REPETITIVE RADIKALITÄT

Beim Festival „RADIKAL Dance from Brussels“ ist die junge Brüsseler Szene zu Gast im Radialsystem Berlin



Das rhythmisch-repetitive Moment von Bewegung, Sound und Sprache zieht sich wie ein roter Faden durch die drei Stücke des ersten Festivaltages.


  • „Gone in a heart beat“ von Louise Vanneste Foto © Laetitia Bica
  • „Not About Everything" von Daniel Linehan Foto © Laetitia Bica
  • „Hérétiques“ von Ayelen Parolin Foto © Laetitia Bica

An diesem Wochenende fand im Berliner Radialsystem und Umgebung unter der Schirmherrschaft von Sasha Waltz das Festival „RADIKAL Dance from Brussels“ statt. Zwei Tage lang konnte man mit zwanzig TänzerInnen und ChoreografInnen ein vielfältiges Programm der jungen Brüsseler Tanzszene erleben.
Schon die Reden des Eröffnungsempfanges – mit dem belgischen Ministers Rachid Madrane, Sasha Waltz und, stellvertretend für die kooperierenden Häuser Les Brigittines, Halles de Schaerbeek und Kaaitheater, der Direktor der Beursschouwburg Tom Bonte – fokussieren die urban-atmosphärischen Gemeinsamkeiten zweier Städte, die für ihre vielfältige und innovative künstlerische Szene bekannt sind, im spielerischen Gefecht um das kreative Zentrum Europas.

Radikal? Unter dem Deckmantel dieses, man möchte meinen großspurigen Begriffs, ist das Programm dieser zwei Tage zusammengefasst. Ein solcher Begriff wird in der heutigen Zeit im sozio-politischen Kontext schnell negativ ausgelegt. Oder aber er wird utopisch aufgefasst, etwa wenn es um eine fehlende radikale Haltung gegenüber dem Klimawandel geht. Aber was bedeutet er heute noch in der Kunst und speziell im Tanz? Wenn man ihn nicht an der politischen Handlung eines einzelnen oder einer Gruppe von Menschen festmacht, sondern an Ästhetiken, künstlerischen Praktiken und Phänomenen des zeitgenössischen Tanzes?

Das sich immer weiter steigernde, rhythmisch-repetitive Moment von Bewegung, Sound und Sprache zieht sich auffällig wie ein roter Faden durch die drei Stücke des ersten Festivaltages. Liegt die Radikalität in der Qualität des Repetitiven?

In „Hérétiques“ von Ayelen Parolin sind die Bewegungen ausschließlich auf den Oberkörper und die Arme reduziert, das ganz Stück über bewegen sich die Tänzer Marc Iglesias und Gilles Fumba, die frontal zum Publikum stehen, praktisch gar nicht. Ihr Blick ist unbeirrbar auf die ZuschauerInnen vor ihnen gerichtet. Gleich Ruderern auf einem antiken Schiff oder einer militärisch trainierten Einheit heben sie in kraftvoller Gleichzeitigkeit ihre Hände und Arme vor die Brust, diagonal nach oben oder zur Seite, lassen sie kurz einrasten, um sie in voller Anspannung zurück zum Ausgangspunkt zu bringen. Variationen von Dreiecksbewegungen. Immer schneller werden sie und addieren nach und nach kleine Bewegungselemente. Immer mehr hört man ihre Atmung und ihr Flüstern. Ohne sich vom Fleck zu bewegen, treiben sie voran. Begleitet wird ihr Preschen von Lea Petra, die abwechselnd die Seiten am offenen Klavier zupft, es beklopft und die Tasten spielt. In ein paar Momenten brechen sie aus der Gleichzeitigkeit aus, dabei werden ihre Blicke ein wenig unruhiger. Doch schnell finden sie wieder zurück in ein vor Kraft strotzendes Zweierteam. Das kurze Zögern tut dem ideologischen Vorwärtsdrang keinen Abbruch, erst das Black zum Ende, das etwas unsanft das Geschehen auflöst und mit der Präzision der vorherigen choreografischen Leistung bricht, bringt die Tänzer zum Stillstand.

Eine eindrucksvolle Arena, die von vier Seiten Stuhlreihen umgeben ist. Erinnern Sie sich, wie es sich anhört, wenn in einem Film wie „Million Dollar Baby“ über dem Boxring mit einem Klack alle Lichter angehen? Dutzende in Reih und Glied aufgehängte Flutlichter erleuchten auf einen Schlag das quadratische Bühnenfeld und bereiten den vier Tänzerinnen ihren Dancefloor. Anja Röttgerkamp, Eléonore Valère-Lachky, Eveline Van Bauwel und die Choreografin Louise Vanneste beginnen, jede für sich, fast unmerklich ihre Beine und Arme zu bewegen. Auch in „Gone in a heart beat“ steigert sich zum wummernden elektronischen Sound von Cédric Dambrain die Geschwindigkeit der Bewegungen, die mit Variationen immer wieder wiederholt werden. Erst nach und nach bewegen sich die Tänzerinnen von ihrer Positionen hinein in den Raum. Begegnen sich trotzdem kaum. Erinnerungen an die Technoclubkultur. Die überraschende Lichtkomposition – in einem Augenblick gehen beispielsweise aus allen vier Ecken Strahler an – gibt dem Stück einen ausgefeilten dramaturgische Rahmen, den die Tänzerinnen nicht auf die gleiche Weise mittragen können. Einzeln bestrachtet sind die abstrakten Bewegungen, die vor allem in ihrer Akzentuierung und Repetition an Clubber- oder Rockergesten anknüpfen und wie die Musik auch manchmal innehalten, durchaus spannend, aber zusammengetragen und im Verlauf des Stücks ergeben sie eine meist vorhersehbare Entwicklung.

Zum Schluss des Abends darf man noch das wunderbare Stück von Daniel Linehan genießen. „Not About Everything" ist durch das Setting des Studioraums im Radialsystem intimer gestaltet. In einem Kreis aus Zeitschriften, einer Zeitung und Büchern beginnt er sich mit ausgestreckten Armen zu drehen. Und wird das gesamte Stück nicht mehr damit aufhören. Mal schneller und mal langsamer dreht er sich und lässt das Publikum vor seinen Augen verschwimmen. Sein alter Ego lässt sich aus seiner gedoppelten Stimme heraushören, wenn er zu sprechen beginnt. „This ist not about everything, this is not about everything, this is not about,…, this, this…isssss…ssssss.“ Es ist auch kein Stück über Therapie, über Narzissmus, über Ausdauer, über den Performer, Postmodernismus, überhaupt irgendetwas. Im Drehwirbel nimmt er einen Schluck aus seiner kleinen Wasserflasche, liest uns aus seinem Brief vor, unterschreibt eine Spende und tütet sie ein. Das ausgeklügelte Timing des Stücks lässt in seiner Exaktheit die Interaktion von Bewegung und Sprache zu humorvollen Bedeutungssprüngen werden. Man kann sich identifizieren mit der implizit verpackten und immer wiederkehrenden Frage, um was es denn nun tatsächlich gehen soll bei all den Widersprüchen, in denen man gezwungen ist zu leben und zu handeln, während die Welt sich unaufhörlich dreht.

Diesem bereichernden und abgerundeten Abend nach, war bestimmt auch der darauf folgende Festivaltag ein aufregendes Erlebnis, an dem vielleicht sogar der Begriff des Radikalen, der wohl erst in der Gesamtbetrachtung des Programms zu Tage tritt, sichtbar wurde.

Veröffentlicht am 07.11.2017, von Elisabeth Leopold in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/18

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Kommentare zu "Repetitive Radikalität"



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