HOMEPAGE



Wien

EIN MANIFEST RAFFINIERT FEMINISTISCHER SELBSTBEHAUPTUNG

Im Wiener Odeon (wieder) nach 33 Jahren: „Rosas danst Rosas“



Keersmaeker erzählt heute, dass dieses doch ausgedehnte Wien-Gastspiel zwar anfangs wenige Zuschauer hatte, das Ensemble aber das Stück durch die vielen Vorstellungen richtig penibel ausarbeiten konnte.


  • RosasdanstRosas Foto © Anne van Aerschot
  • RosasdanstRosas Foto © Anne van Aerschot
  • RosasdanstRosas Foto © Anne van Aerschot
  • RosasdanstRosas Foto © Anne van Aerschot
  • RosasdanstRosas Foto © Anne van Aerschot

Schon falsch. Im Wiener Odeon ertanzten sich die vier Frauen Anne Teresa de Keersmaeker, Fumiyo Ikeda, Adriana Borriello und Michèle Anne de Mey im Juni 1984 mehr als zwei Wochen lang gar nicht ihren Erfolg. Das war doch nun wirklich im Vorgängertheater des nach wie vor bildgewaltigen Regisseurs und Theaterprinzipals Erwin Piplits, der immer wieder einen Sinn für besondere Gäste hat. Sein Serapionstheater war damals am Wallensteinplatz beheimatet, und dorthin wurde die Autorin geschickt, um das kaum bekannte Quartett in Worte zu bannen.

Keersmaeker erzählt heute, dass dieses doch ausgedehnte Wien-Gastspiel zwar anfangs wenige Zuschauer hatte, das Ensemble aber das Stück durch die vielen Vorstellungen richtig penibel ausarbeiten konnte. Ein Scharlatan, der heute behaupten würde, er erinnere sich an jede Geste und könne mit Fug und Recht sagen, dass er nun – neun Vorstellungen sind von ImpulsTanz angesetzt und ausverkauft – in der Tat dasselbe gesehen hat. Dasselbe – nun schon wieder falsch. Eine sehr junge Generation, eben noch in der Schule PARTS gewesen, laut Keersmaeker die vierte, hat das Original präzise gelernt, und spult es mit ihrem Verständnis von einem Gestern und Heute ab, dass einem – zumindest tanztechnisch - Hören und Sehen vergeht. Erinnerungen steigen auf, aber Jan Assmanns Gedächtnisformen werden hier nicht angesprochen.

Das Werk „Rosas danst Rosas“ prägte sich 1984 mit seiner Länge von mehr als eineinhalb Stunden ein, mit seinem scheinbaren, haarscharf inszenierten Minimalismus in Bewegung (Schwünge, Spiralen, Haare aus dem Gesicht streifen) und Ausdruck (von schlaff bis rabiat). Mit seiner Logik der Positionierung im intim begrenzten Raum und mit seinem abrupten Wechsel von Stille und hämmernd repetitiver Musik von Thierry de Mey, vor allem aber mit diesen mitreißend starken, mit sich und dem Publikum unerbittlichen Mädchen-Frauen in T-Shirts, schwingenden Röcken und festen Schuhen. Bei all der Striktheit der Bewegung taucht in den Gesichtern immer wieder ein eigenartiges Lächeln auf, so als teste man Weiblichkeit auf ihre Wirksamkeit, um sie im nächsten Moment abzuwürgen und wegzustecken zu Gunsten einer Entscheidung für energische, kantige Selbstbestimmung. Jawohl, da konnte sich so manch eine Zuschauerin bestätigt fühlen. Mit nach Hause nehmen konnte man damals immerhin de Meys Langspielplatte.

„Rosas danst Rosas“, verfilmt, plagiiert, zitiert, gehört in Form und Inhalt heute zu den Klassikern der modernen Tanzgeschichte. Anne Teresa de Keersmaeker hat damit nicht nur ihren internationalen Durchbruch erzielt. Mit dieser qualitätvollen Prägung eines neuen Stils, dem in Österreich später vor allem durch die Sommerzene Salzburg und ImpulsTanz zu Recht „gehuldigt“ wurde und wird, setzte die flämische Künstlerin eine außerordentliche Karriere samt Schulgründung in Gang.

Wien, Theater Odeon, bis 27. Oktober: www.impulstanz.com

Veröffentlicht am 19.10.2017, von Andrea Amort in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/18

Dieser Artikel wurde 412 mal angesehen.



Kommentare zu "Ein Manifest raffiniert feministischer Selbst ..."



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    "TANZ DER MENSCHLICHKEIT"

    Nestroy Spezialpreis für Doris Uhlich und Michael Turinsky mit "Ravemachine"
    Veröffentlicht am 17.11.2017, von Pressetext


    JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

    Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern
    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext


    ED WUBBE BEKOMMT DEN "GOLDEN SWAN"

    Der künstlerische Leiter des Scapino Ballet wurde mit dem niederländischen Tanzpreis ausgezeichnet
    Veröffentlicht am 17.10.2017, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    INTERNATIONALE TANZWOCHEN NEUSS 2017/18

    Am Mittwoch, den 22. November, ist in der Stadthalle Neuss die Deutschlandpremiere der neuen Choreographie von Hervé Koubi zu sehen.

    Dabei versenkt sich der Choreograph tief in die mehr als 3000jährige Geschichte des Mittelmeerraumes, in den ewigen Wechsel von gleißendem Sonnenlicht und strahlenden Sternbildern.

    Veröffentlicht am 09.11.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

    Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern

    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext


    SEHNSUCHT – DER GRÖßTE GEMEINSAME NENNER

    Ein taufrisches Meisterwerk bei tanzmainz: Sharon Eyals „Soul Chain“

    Veröffentlicht am 30.10.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    UN GRANDE

    Gregor Zöllig choreografiert „Peer Gynt“ am Staatstheater Braunschweig

    Veröffentlicht am 22.10.2017, von Andreas Berger


    MUSIKALISCH EINGEDAMPFT UND SZENISCH ABSTRAKT

    Simone Sandronis "Romeo und Julia" in Bielefeld

    Veröffentlicht am 21.10.2017, von Marieluise Jeitschko



    BEI UNS IM SHOP