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Hamburg

BAROCKMUSIK MEETS FLAMENCO

Der spanische Flamenco-Star El Pipa und die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kozená gastierten mit dem Ensemble Private Musicke in der Hamburger Elbphilharmonie



Opernsängerinnen scheinen mehr und mehr ihre Liebe zum Tanz zu entdecken – nach Simone Kermes hat jetzt auch die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kozená einen Liederabend mit Tanzeinlagen kombiniert.


  • Magdalena Kozena, Antonio El Pipa Foto © Peter Hundert
  • Magdalena Kozena, Antonio El Pipa Foto © Peter Hundert
  • Magdalena Kozena Foto © Peter Hundert
  • Magdalena Kozena, Antonio El Pipa Foto © Peter Hundert

Opernsängerinnen scheinen mehr und mehr ihre Liebe zum Tanz zu entdecken – nach Simone Kermes (siehe tanznetz vom 13.4.2017 - Blogeintrag "Glanzvolle Stimme, langweilige Choreografie") hat jetzt auch die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kozená einen Liederabend mit Tanzeinlagen kombiniert. Damit hat sich die für ihre Wandlungs- und Experimentierfreude bekannte Sängerin auf ein ganz neues Feld vorgewagt: Spanische Lieder aus dem 17. Jahrhundert kombiniert sie mit Flamenco unter dem Motto „Amor: Entre el cielo y el infierno“ – Die Liebe zwischen Himmel und Hölle. Für die Tanzeinlagen hat sie keinen Geringeren als Antonio El Pipa mit seiner „Companía de Flamenco“ (drei Sängerinnen, zwei Gitarristen) gewinnen können. El Pipa, Spross einer andalusischen Flamenco-Dynastie aus Jerez de la Frontera, ist ein internationaler Star in seinem Fach, u.a. erarbeitete er zusammen mit dem kubanischen Nationalballett als Regisseur und Choreograph das Ballett „El amor brujo“ von Manuel de Falla. Das Ensemble für alte Musik „Private Musicke“ mit spanischer Harfe, Theorbe (eine Laute mit verlängertem Hals), Bass und Schlagwerk unter der Leitung von Barock-Gitarrist Pierre Pitzl sorgte für den angemessenen musikalischen Rahmen.

Zu Beginn führt El Pipa die stilecht in ein schwarzes schmales Kleid mit roten Volants gekleidete Sängerin auf die Bühne, wo sie sich auf einen Stuhl kauert und den Kopf zwischen den Knien verbirgt. Geschmeidig und mit vollendeter Körperspannung bei vogelgleichen Händen tanzt El Pipa (ohne Musik) ein kleines Solo um sie herum, im Stakkato knallen die Füße bei den Zapateados mikrophonverstärkt auf das Parkett – eine kleine Kostprobe seiner Perfektion in Haltung und Fußarbeit. Schließlich „erweckt“ er die Sängerin und geht ab.

Derart fulminant eingeführt hat Kozená leichtes Spiel: Ihr warme, flexible Stimme fügt sich wunderbar in die Instrumentalisten und bringt all das Leid, aber auch das Glück der Liebe zum Klingen. Nach vier Liedern zieht sich Kozená zurück und Antonio El Pipa kommt mit seinem Ensemble auf die Bühne. Nach dem raumfüllenden Mezzosopran wirken die drei Flamenco-Sängerinnen fast ein wenig verloren – der Cante Flamenco hat normalerweise ein größeres Volumen, schon gleich wenn es drei Sängerinnen sind. Auch die Gitarristen dringen nicht wirklich durch, was allerdings mehr an El Pipa liegt, dessen gekonntes Fußstakkato alles übertönt. Vielleicht hätte er besser auf die Fußmikrophone verzichten sollen?

Sehr effektvoll die Kombination aus Gesang und Tanz bei „Sé que me muero de amor“ (Ich weiß, dass ich aus Liebe sterbe): Noch während der ersten Strophe kommt El Pipa herein, ganz in Schwarz, barfuß und mit einer riesigen Volant-Schleppe (der „Cola“) um die Hüften. Wie ein Todesengel umschreitet er die Sängerin, um ihr schließlich die Cola mit einem roten Band um die Taille zu winden, bis sie zum Schluss ihm zu Füßen liegt.

Nach der Pause tauscht Kozená die Rüschen gegen ein schlichtes grünes Kleid mit schwarzer Spitzenstola – wie sie generell das Äußere angenehm bescheiden hält und keine Kostüm-Effekthascherei betreibt. Lieder und und Tanz wechseln sich ab, und man weiß gar nicht, wo sich Lieb’ und Leid’ besser ausdrücken – in den gefühlvoll gesungenen Gesängen oder dem stolzen Tanz und seinen Schmerzensmomenten. Und doch fehlt da etwas, bleibt der Tanz eher eine Randerscheinung und entfaltet sich nicht wirklich. Der Flamenco, auch und gerade wenn er von einem einzelnen Mann getanzt wird, kann noch so viel inniger sein als er hier gezeigt wird, und El Pipa könnte das wie kaum ein anderer seiner Generation auf die Bühne bringen. Warum er das nicht tut, versteht man nicht so recht. Das gilt vor allem für „Bailaor“, laut Programm eine Soleá por Bulería, bei der El Pipa allerdings immer nur hereinstolziert, kurz einige Zapateados hinknallt und wieder hinausstolziert, wobei er jedes Mal das Hemd wechselt – das entspricht dann doch so gar nicht dem, was der Flamenco oder gar eine Soleá an so einer Stelle zu sagen hätte und mutet eher wie eine Persiflage an. Schade.

Da sind die Lieder schon wesentlich beseelter, und vor allem beim letzten Lied des Abends „Tanta copia de hermosura“ („Solch eine Fülle an Schönheit“) zieht die Kozená noch einmal alle Register ihres Könnens und füllt den Großen Saal der Elbphilharmonie bis unters Dach mit ihrem Wohlklang – ein Genuss! Schade nur, dass sie den ganzen Abend lang vorwiegend in eine Richtung singt und nicht die Gelegenheit ergreift, das Bühnenrund des Großen Saals wirklich auszunutzen. Die Zugabe ist – nach einem Lied – natürlich eine gemeinsame kurze Tanzeinlage von Kozená (die dafür eigens Unterricht genommen hat) und El Pipa, was gebührend gefeiert wird.

Erstaunlich ist, und das fällt nicht zum ersten Mal auf, dass während des Konzerts immer wieder Zuschauer den Saal verlassen. Angesichts der Kartenknappheit fragt man sich da schon, warum die Leute überhaupt kommen – schließlich ist das Programm lange vorher bekannt. Und auch wenn dieses Konzert zu denjenigen gehörte, bei denen – abgesehen von den Abonnements – die Karten verlost wurden, so gebietet es doch die Höflichkeit, wenigstens nicht während der Darbietungen wegzugehen. Vielleicht ermutigt auch der nicht vollständig abgedunkelte Saal hier eher dazu und die Tatsache, dass die Eingänge hinter den Zugängen versteckt liegen, wodurch es kein Türenklappen und keinen unerwünschten Lichteinfall gibt. Ein Ärgernis bleibt es trotzdem.

Veröffentlicht am 06.10.2017, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2017/18

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