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Joinville/Brasilien

WO BRASILIEN TANZT - DAS GRÖßTE FESTIVAL DER WELT

Das Festival de Dança de Joinville im Bundesstaat Santa Catarina in Brasilien



Im Jahr 2005 hat das brasilianische Festival den Eingang ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Doch nicht nur zahlenmäßig auch künstlerisch gehört es zu den ganz Großen.


  • Nicht nur auf den Bühnen wird getanzt. Die gesamte Stadt Joinville ist im Tanzrausch. Hier auf der Straße vor dem Eingangsportal der Veranstaltungshalle Cau Hansen. Foto © Uwe E. Nimmrichter
  • Wagner Moreira in der Jury des Festival de Dança de Joinville. Foto © Uwe E. Nimmrichter
  • "Cão Sem Plumas" von Deborah Colker Foto © Uwe E. Nimmrichter
  • Das Festival de Dança de Joinville ist auch ein großer Wirtschaftsfaktor. Es werden in einer riesigen Halle zahlreiche Waren rund um das Thema Tanz angeboten. Foto © Uwe E. Nimmrichter
  • Der überdimensionale Schriftzug am Eingang des Festivals de Dança de Joinville Foto © Uwe E. Nimmrichter

Von Uwe E. Nimmrichter

Das Festival de Dança de Joinville im Bundesstaat Santa Catarina in Brasilien ist das größte Tanzfestival der Welt und hat im Jahr 2005 den Eingang in das Guinness-Buch der Rekorde gefunden. Zwischen 6000 und 8000 TänzerInnen aus dem gesamten Land, das so groß ist wie Europa, sowie aus weiteren Ländern Südamerikas nehmen jedes Jahr daran teil. Das Festival in den letzten beiden Juliwochen ist gleichzeitig Ausgangspunkt und Sprungbett für Karieren von brasilianischen TänzerInnen in der ganzen Welt.

Wagner Moreira ist einer von ihnen. Er ist der lebende Beweis für die Bedeutung des Festivals: Der gebürtige Brasilianer lebt als Choreograf, Regisseur, Tänzer und Pädagoge in Dresden. Inzwischen ist er ein europaweit gefragter Künstler, der unter anderem für verschiedene Bühnen als Gastchoreograf und Gasttrainer tätig ist. Seinen Master of Arts absolvierte er 2012 an der Palucca Hochschule für Tanz Dresden. Seine Wurzeln hat er jedoch in verschiedenen Tanzschulen seiner Heimatstadt Barbacena. Später zog es ihn nach Juiz de Fora und in den Bundesstaat Rio de Janeiro.

Anders als in Deutschland erfolgt ein großer Teil der Nachwuchsförderung für den professionellen Bereich in Brasilien an privaten Tanzschulen, die es in großer Anzahl gibt. Staatliche Schulen sind dagegen nur wenige vorhanden. Die Qualität der privaten Schulen ist mit denen in Deutschland auch nur bedingt vergleichbar, das Niveau ist in einigen Bereichen deutlich höher. Trainiert wird oft mehrmals in der Woche durch LehrerInnen, die selbst TänzerInnen oder ChoreografInnen sind.

Beim Festival de Dança de Joinville treffen sich dann die Besten aus dem ganzen Land. Wer abends in der Veranstaltungshalle Cau Hansen auf der Bühne steht, gehört zur Elite. Die Abendveranstaltungen sind als Endausscheid, als ‚Contest’, in einer Halle mit 4900 Zuschauern ausgelegt. Die Stimmung gleicht der eines Rockkonzertes. Wer hier gewinnt, kann auf eine große Tanzkarriere hoffen. Die JurorInnen sind ProfessorInnen sowie namhafte TänzerInnen und ChoreografInnen, die aus der ganzen Welt nach Joinville kommen.

Wagner Moreira stand 1997 erstmals mit der Kompanie seiner Tanzschule „Cia. AME de Dança“ auf dieser Bühne und gehörte damals zu den Gewinnern in der Kategorie „Contemporary Dance“. Genau 20 Jahre später kehrt er nun als Juror und Lehrer nach Joinville zurück. „Damals hat die gesamte Stadt Geld gesammelt, damit wir zum Festival fahren konnten“, erinnert er sich und fügt hinzu „es ist ein bewegender Augenblick, jetzt selbst als Juror und Dozent dabei zu sein.“

Die Teilnehmenden des Festivals sind oft Tage mit dem Fernbus unterwegs und haben sich im Vorfeld ein Jahr oder länger auf diesen Auftritt vorbereitet. Tagsüber finden in den Räumen der Schule des Bolshoi-Theaters mehr als 100 Kurse statt. Das Spektrum deckt die meisten Bereiche des Tanzes ab, von Ballett über Volkstanz bis hin zu Urban Dance und Jazz Dance. Dieser Zweig der Schule des Bolschoi-Theaters ist die einzige Niederlassung außerhalb von Russland, seit dem Jahr 2000 existiert sie in Joinville.

Das Festival ist ein gesellschaftliches Großereignis und auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt, die mit 500.000 Einwohnern so groß ist wie Dresden oder Leipzig. Die Preise für Übernachtung und Verpflegung sind teilweise höher als in Deutschland und für Auftritte auf den zahlreichen Bühnen im Stadtzentrum und auf dem Festivalgelände bewerben sich Schulen und Kompanien auf höchstem künstlerischem und technischem Niveau.

Für Wagner Moreira war Joinville nicht nur eine Reise in seine Vergangenheit und die Auszeichnung, als Dozent und Juror dabei zu sein. Das Festival ist ein Treffen eines großen Teiles der Tanzszene Brasiliens, die ansonsten weit verstreut in dem riesigen Land und darüber hinaus lebt und arbeitet. Es bietet damit ein Mal im Jahr die Möglichkeit des Austausches, der Inspiration und der künstlerischen Weiterentwicklung. Gerade in dem krisengeschüttelten Land, in dem derzeit zahlreiche Kultureinrichtungen geschlossen werden, ist das Festival ein Leuchtturm für den Nachwuchs der Tanzszene.

Veröffentlicht am 09.08.2017, von Gastautor in Homepage, Themen

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