HOMEPAGE



Paris

GLÄNZENDER SAINSONABSCHLUSS IN PARIS

Myriam Ould-Brahams Rollendebüt in Pierre Lacottes „La Sylphide“



Die Erwartungen waren sehr hoch – und Ould-Braham übertraf sie noch. Schon beim Öffnen des Vorhangs, als man die verliebte Sylphide zu Füßen ihres James sitzen sah, glaubte man ein Wesen von einer anderen Welt zu sehen.


  • Pierre Lacottes „La Sylphide“ am Ballet de l'Opéra national Paris: Hugo Marchand und Amandine Albisson Foto © Svetlana Loboff
  • Pierre Lacottes „La Sylphide“ am Ballet de l'Opéra national Paris Foto © Svetlana Loboff
  • Pierre Lacottes „La Sylphide“ am Ballet de l'Opéra national Paris: Hugo Marchand und Amandine Albisson Foto © Svetlana Loboff
  • Pierre Lacottes „La Sylphide“ am Ballet de l'Opéra national Paris Foto © Svetlana Loboff
  • Pierre Lacottes „La Sylphide“ am Ballet de l'Opéra national Paris Foto © Svetlana Loboff

Als Marie Taglioni 1832 erstmals als Sylphide auf der Bühne der Pariser Oper erschien, brach in den Augen vieler Zeitgenossen eine neue Epoche des Balletts an. Der Kritiker und Schriftsteller Théophile Gautier schrieb: „Durch [dieses Ballett] fand die Romantik Einlass in die Kunst der Terpsichore.“ Die mythologischen Themen, die in den vorhergehenden Jahrzehnten den Spielplan dominiert hatten, wurden endgültig von der Bühne verbannt, und ihre Götter und Nymphen wichen den Sylphen, Willis und Naiaden des neuen Stils.

Von Paris aus eroberte Taglionis „La Sylphide“ viele Bühnen und drang bis nach Sankt Petersburg vor, wo Marius Petipa 1892 eine erweiterte Version zeigte. Danach verschwand das Ballett vom Spielplan, bis Pierre Lacotte, ein leidenschaftlicher Restaurateur verlorener Meisterwerke es sich zur Aufgabe machte, es 1971 in Paris in einer möglichst originalgetreuen Neufassung wiederaufleben zu lassen.

Das Ballett spielt in einem romantischen Fantasieschottland, das an Walter Scott erinnert, mit entfernten Anklängen an Shakespeare – vor allem zu Beginn des zweiten Aktes, in dem wie in „Macbeth“ ungepflegte Hexen den jungen Helden durch mehrdeutige Prophezeiungen zum (hier unabsichtlichen) Mord verführen. Der erste Akt – der sich aufgrund der nicht immer fesselnden Ensembleszenen sehr in die Länge zieht – spielt in einer Hütte, wo in Kilt und Karo auf Spitze getanzt wird, der zweite Akt in einem Wald, in dem sich nebst tückischer Hexen zahlreiche grazile Sylphiden tummeln. James, der zwischen der schwerelosen Sylphide und seiner irdischen Verlobten Effie schwankt, folgt schließlich seiner geflügelten Geliebten in den Wald. Jedoch bleibt sie wie alle romantischen weiblichen Ideale unerreichbar: gerade, als James sie dank eines verhexten Schals eingefangen zu haben glaubt, stirbt sie vor seinen entsetzen Augen. Im Hintergrund schreitet die verlassene Effie zur Hochzeit mit einem anderen, die rachsüchtige Hexe triumphiert, und James sinkt besinnungslos zu Boden.

Die diesjährige Wiederaufnahme bietet Anlass zu einigen interessanten Debüts in den Hauptrollen, vor allem dem der neuen Etoiles Léonore Baulac, Germain Louvet und Hugo Marchand (letzterer gewann kürzlich den Prix Benois). Sehr vielversprechend war auch das Rollendebüt einer schon vor einigen Jahren nominierten Etoile, Myriam Ould-Braham, die aufgrund ihrer Leichtigkeit und Grazie für den Part der Sylphide prädestiniert schien. So waren die Erwartungen sehr hoch – und Ould-Braham übertraf sie noch. Schon beim Öffnen des Vorhangs, als man die verliebte Sylphide zu Füßen ihres James sitzen sah, glaubte man ein Wesen von einer anderen Welt zu sehen: zerbrechlich, schwerelos, poetisch, mit leicht zitternden Flügeln und beinahe unmerklich ondulierenden Armen. Als sie begann, ihren James hingebungsvoll zu umkreisen, fühlte man sich an Théophile Gautiers Vergleich von Taglionis ronds de jambe und ports de bras mit langen Gedichten erinnert. Mal voll zärtlicher Sehnsucht, dann wieder verspielt bis kokett, schwebte Ould-Braham so mühelos über der realen Welt ihres Geliebten, dass die arme Effie (Mélanie Hurel) keine Chance hatte, diesen an sich zu binden.

An Ould-Brahams Seite glänzte Mathias Heymann wie immer durch Präzision und Leichtigkeit. Darüber hinaus erwies er sich als sehr sicherer Partner in den trickreichen Hebungen – unter anderem im Pas de trois, in dem sich die Sylphide immer wieder nur für James sichtbar in das Duo mit seiner Verlobten einmischt und einen Moment lang auf James’ Hand balanciert. Das Corps de ballet zeigte sich in guter Form in den komplexen Gruppenformationen, und das Orchester unter Ermanno Florio wurde Jean-Madeleine Schneitzhoeffers nicht besonders einprägsamer, aber sehr tanzbarer Partitur ebenfalls gerecht. Trotz gewisser Längen im ersten Akt und einiger schwerfälliger Spezialeffekte für die fliegenden und schwebenden Sylphiden war dies eine äußerst gelungene Vorstellung, die mit Zuversicht auf die Direktionszeit der neuen Leiterin Aurélie Dupont blicken lässt.

Veröffentlicht am 05.07.2017, von Julia Bührle in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 584 mal angesehen.



Kommentare zu "Glänzender Sainsonabschluss in Paris"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    BEWEGUNGS-FREIHEITEN

    Boris Charmatz: „A dancer's day“ auf Tempelhofer Flughafen im Hangar 5
    Veröffentlicht am 18.09.2017, von Miriam Althammer


    BESCHWINGT UND HEITER – VOM FEINSTEN

    Eine glanzvolle Wiederaufnahme von „Chopin Dances“ mit zwei Choreografien von Jerome Robbins anlässlich dessen 100. Geburtstags beim Hamburg Ballett
    Veröffentlicht am 20.09.2017, von Annette Bopp


    GANZ OHNE GEWINNER UND VERLIERER

    „Infinite Games“ von Jonas Frey und Joseph Simon in der Hebelhalle in Heidelberg
    Veröffentlicht am 18.09.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    MEDEA. TANZVERSE V

    Mit Texten von Euripides am Theaterhaus Stuttgart

    Der pure Wahnsinn!? Da verlässt ein Mann aus Karrieregrün­den seine Frau. Und sie rächt sich geradezu bestialisch – ermordet die eigenen Kinder, die Nebenbuhlerin und deren Vater.

    Veröffentlicht am 03.09.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DEUTSCHLAND BLEIBT TANZLAND

    Das Spielzeitheft Nr. 4 ist da!

    Veröffentlicht am 30.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


    AUF NEUEN WEGEN

    Bettina Wagner-Bergelt verlässt das Bayerische Staatsballett

    Veröffentlicht am 29.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


    HELL YES!

    Richard Siegals „El Dorado“ auf der Ruhrtriennale im PACT Zollverein in Essen

    Veröffentlicht am 27.08.2017, von Carmen Kovacs


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    NANINE LINNING GEHT NEUE WEGE

    Im Sommer 2018 verlässt die Leiterin der Tanzsparte Heidelberg

    Veröffentlicht am 07.09.2017, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP