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Bern

DER BERNER TANZPREIS 2017

„L’Aveuglement“ von Victor Launay und Sara Olmo aus Belgien und „Innermost“ von Po-Cheng Tsai ausTaiwan erhalten den Berner Tanzpreis



In der abschließenden Gala des Berner Tanzpreises wird neben dem Jurypreis auch der Publikumspreis verliehen. Als klarer Favorit erhielt Sooyoung Ahn aus Korea für seinen „Swan Lake“ die Auszeichnung.


  • „L’Aveuglement“ von cie. Les Vikings Foto © Philipp Zinniker
  • „Innermost“ von Po-Cheng Tsai Foto © Yi-Wen Chou
  • „Innermost“ von Po-Cheng Tsai Foto © Yi-Wen Chou
  • Gewinner des Tanzpreises Foto © Philipp Zinniker
  • Gewinner und Jury Foto © Philipp Zinniker

Bei der diesjährigen, vierten Ausgabe der Berner Tanzplattform, an deren Ende die Preisverleihung des Berner Tanzpreises steht, sorgte die Jury für eine Überraschung. Nicht nur ein Choreograf erhielt die Auszeichnung und damit die Möglichkeit in der nächsten Spielzeit eine Produktion mit der Berner Tanzkompanie zu erarbeiten, sondern gleich zwei. Für sichtliche Verwirrung sorgte diese Nachricht bei Intendant Stephan Märki, als er den Umschlag mit der Jurybegründung öffnete. Doch schon nach wenigen Sekunden schien er sehr angetan von der Idee, dem Berner Publikum in der nächsten Spielzeit einen Double Bill zum Thema „Einstein“ präsentieren zu können. Denn nicht nur die Infrastruktur des Berner Mehrspartenhauses und die gesamte Tanzkompanie werden den Gewinnern der in der Spielzeit 2013/14 von Tanzchefin Estefanie Miranda ins Leben gerufenen Tanzplattform Bern zur Verfügung gestellt, auch das Thema wird gleich mitgeliefert.

Mag die Entscheidung für eine Aufteilung des Preises vielleicht überraschen, so ist sie angesichts der Qualität der neun Beiträge der Tanzplattform absolut nachvollziehbar. Werden bei der Gala zwar lediglich fünf-minütige Ausschnitte aus jeder Choreografie, die in den zwei Tagen davor komplett zu sehen waren, gezeigt, so wird doch auch in diesen kurzen Einblicken die Vielfalt der ausgewählten Beiträge deutlich. Drei Beiträge stammen, wie jedes Jahr, aus den Reihen der Berner Kompanie selbst, die sechs übrigen Choreografien sind aus Italien, Spanien, Taiwan, Korea und Belgien angereist.

Doch um auch der Vielfalt der Berner Tanzszene gerecht zu werden, eröffnet der Galaabend mit einem Auftritt junger Laientänzerinnen der New Dance Academy Bern, die in bunten Jeans und T-Shirts mit ihrer Mischung aus HipHop, Ballett und zeitgenössischem Tanz wunderbar einstimmen auf die folgende Gala, wird doch die Tanzfreude direkt übertragen. Humorvoll geht es weiter mit „Hand to Hand“ von Roser López Espinosa, einem Duett, das wie ein Judokampf beginnt und in einer liebevollen Umarmung endet. Eine schöne Idee, die jedoch in ihrer bewegungssprachlichen Umsetzung noch etwas ausgefeilter hätte sein können.

„Innermost“ von Po-Cheng Tsai ist da ganz anders. Hoch konzentriert und sehr ausdifferenziert in seinen Bewegungen ist dieses Männerduett mit rotem Stock. So verwundert die Entscheidung der Jury, diese „farbenreiche, mitreißende und auch humorvolle Choreografie, die in den Bann zieht“ auszuzeichnen keineswegs, scheint doch gerade, was die Entwicklung einer neuen Tanzsprache betrifft, einiges an Potenzial vorhanden. Den Abschluss des ersten Blocks bildet „Dionysus“ von Olive Lopez, in dem die drei von Kopf bis Fuß golden gewandeten TänzerInnen sich in immer neuen Tableaux vivants zusammenfinden. Wie eine Reminiszenz an die lebenden Statuen zu Beginn des 20. Jahrhunderts mutet diese Choreografie an, die in ihrer Umsetzung und ihrem musikalischen Bezug etwas zu konventionell bleibt.

Den zweiten Block eröffnet „Cul de Sac“, Kor’sias Auseinandersetzung mit der Figurengruppe „Many Times“ des Bildhauers Juan Munoz. Ganz in Grau kommen die zwei Tänzer langsam in Bewegung, scheinen aufzuwachen aus ihrer Erstarrung, bis sie am Ende in herzliches Lachen ausbrechen. In ihren skulpturalen Posen, die sich nach und nach der körperlichen und emotionalen Bewegung öffnen, berühren die zwei Tänzer. Es bleibt zu vermuten, dass auch dieses Kollektiv eine spannende Sicht auf „Einstein“ entwickelt hätte. In „Remote“ von Winston Ricardo Arnon treffen in verschiedenen Konstellationen Paare aufeinander und verhandeln das Thema Sehnsucht. Klar in einem zeitgenössischen Idiom präsentiert sich hier eine ruhige und reflektierte Choreografie. Ganz anders dann „L’Aveuglement“ von cie. Les Vikings, ein Pas de deux das mit hohem tänzerischen Können eine Sinnlichkeit entwickelt, die man nicht enden sehen möchte. „Ein berührendes Duett mit fließender, reichhaltiger Bewegungssprache, von der man gerne mehr sehen möchte“, begründet die Jury ihre Entscheidung – dem ist nur beizupflichten.

„Natural Talents“ von Angela Dematté verbindet HipHop-Attitüde mit zeitgenössischem Tanz. Um den drei Persönlichkeiten der Tänzer wirklich auf die Spur kommen zu können, hätte man vermutlich etwas mehr als fünf Minuten sehen müssen. Mit „Swan Lake“ von Sooyoung Ahn wird es dann noch richtig humorvoll. Zu Tschaikowskys Originalkomposition zeigt er einen heroischen Prinzen sowie die vier kleinen Schwäne. Mit klugen Anleihen an die Tanzgeschichte, einem gekonnten Einsatz zeitgenössischer und Street Dance Techniken sorgt er für viele Lacher und so verwundert es keineswegs, dass er mit einer deutlichen Mehrheit den diesjährigen Publikumspreis erhält. Bevor es dann in die Pause und zur Abstimmung ging, war mit „Raicho“ von Giuseppe Spota noch der letzte Beitrag für den Tanzpreis zu sehen. Mit minimalen Zitterbewegungen und einem engen Bezug zwischen den beiden Tänzern, nähert sich Spota hier dem Thema des Täuschens und Versteckens. Ein spannender und vielseitiger Tanzabend findet seinen Abschluss mit einem Ausschnitt aus „Gravitas“ von Tarek Assam und einem Einblick in Estefanie Mirandas „Callas“.

Kurz vor der Sommerpause erhöht das Konzert Theater Bern und die Tanzkompanie Bern mit der Verleihung des Berner Tanzpreises die Spannung auf die neue Spielzeit gekonnt. Werden doch die Preisträger Victor Launay, Sara Olmo (cie. Les Vikings) und Po-Cheng Tsai (B.Dance) am 4. Mai 2018 ihre Arbeiten zu „Einstein“ zeigen und auch mit dem Publikumspreisträger Sooyoung Ahn gibt es im Rahmen einer kurzen Produktionsresidenz ein Wiedersehen.


Die Jury bestand aus: Ruth Gilgen Hamisultane (Consultant Art & Communication, Bern), Nina Hümpel (Herausgeberin von tanznetz.de und Künstlerische Leiterin DANCE München), Hans-Henning Paar (Künstlerischer Leiter und Chefchoreograf des TanzTheaterMünster), Lilo Weber (Tanzkritikerin), Christiane Winter (Festivalleitung und künstlerische Konzeption TANZtheater INTERNATIONAL Hannover), Samuel Wuersten (Künstlerischer Leiter Holland Dance Festival), Estefanie Miranda (Direktorin Tanz, Konzert Theater Bern) und Lucie Machan (Dramaturgin Tanz, Konzert Theater Bern).

Veröffentlicht am 26.06.2017, von Anja K. Arend in Homepage, Kritiken 2016/17

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