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Recklinghausen

IN STIEFELN AUF SPITZE

Tagespolitik vertanzt: „Flexn“ der Flexn Community mit Peter Sellars bei den Ruhrfestspielen



Die Tanzfreude der New Yorker Truppe riss das Revier-Publikum zu Beifallsstürmen hin.


  • "Flexn" von Reggie (Regg Roc) Gray, Peter Sellars und den Mitgliedern der FLEX Community Foto © Stephanie Berger
  • "Flexn" von Reggie (Regg Roc) Gray, Peter Sellars und den Mitgliedern der FLEX Community Foto © Stephanie Berger

Kein Geringerer als Kultregisseur Peter Sellars steht Pate für ein Projekt urbaner Kunst aus New York bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Vor zwei Jahren begannen die Proben zu einer Tournée-Performance der „Flexn Community“. Spontane lokale Anknüpfungspunkte und Improvisationen bei den getanzten eigenen Lebensgeschichten und -konflikten der einzelnen TänzerInnen passen sich der Situation in den Spielorten an.

„Flexn“ bei den Ruhrfestspielen - das ist wie ein Besuch bei Verwandten. Denn die „Flexn Community“ (erster öffentlicher Auftritt 2015) hat sehr ähnliche Ziele und Arbeitsweisen wie Hernes „Pottporus“ mit der Performance-Formation „Renegade“ (gegründet 2007). Wie Produzent Zekai Fenerci im Pütt holt auch der Tänzer-Choreograf Reggie Gray in der Bronx junge Menschen von der Straße, weckt in ihnen und fördert Talente, von denen sie selbst nichts ahnten. Sie lernen, ihre Aggressionen, Frustrationen, Ängste und Sehnsüchte mit der Körpersprache der HipHop-Kultur auszudrücken. Gray selbst - heute ein schwergewichtiger Schwarzer in mittleren Jahren mit faszinierender Zitter- und Stillstand-Technik - war schon als kleiner Junge von Michael Jackson fasziniert und dessen legendärem „Gliding“ (gleiten mittels weich rollender, wogender Schritte und gleichzeitig rhythmisch abgestimmter Rumpf-, Arm- und Kopfbewegungen). Manchmal sieht diese scheinbare In-der-Luft-Laufnummer wirklich kurios aus: in Stiefeln auf Spitze...

„Flexn“ heißt die vielgestaltige HipHop-Tanztechnik, die Gray seine Truppe lehrt. Sie umfasst viel mehr als Jacksons Bewegungsvokabular. Sie gibt den schwarzen Ensemblemitgliedern - unter den 13 jungen Männern und zwei bildschönen Mädchen eine blonde Deutsche, die deutlich europäische artistische Akzente setzt und überhaupt sichtbar einer anderen Kultur entstammt - weitaus größere Freiheit, ihr ‚Ding’ zu machen, ihre ‚Geschichte’ zu erzählen. Unfassbar virtuose, berührende Soli sind da zu sehen - Gruppen, die sich feindlich begegnen - Episoden von Liebe und Hass, Kampf und Totschlag im Milieu der „West Side Story“ mit Hinweisen auf heutige Terrorakte. So verschlingen sich im „bone breaking“ (Knochenbrechen) die Arme immer wieder auf dem Rücken und deuten die Form eines Gewehrs an.

Dass soziale Ungerechtigkeit, Benachteiligung in allen Lebensbereichen oder Gefühle wie Ausgrenzung, Scham, Verzweiflung, Sucht und unendliche Überlebensmühen beherrschende Themen nicht nur dieser hinreißend ehrlichen, schreiend lauten Performance sind, vergegenwärtigt der halbstündige ‚Vorspann’ mit Peter Sellars, Reggie Gray und einer handvoll von Flüchtlingen, die, aus aller Welt kommend, auf ein neues Zuhause in der Region Recklinghausen hoffen.

Tagespolitik hautnah - das Revier-Publikum zeigte sich berührt. Die Tanzfreude der New Yorker Truppe riss alle zu Beifallsstürmen hin.

Veröffentlicht am 15.06.2017, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2016/17

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