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Gießen

EIN RUF NACH FREIHEIT

„Minorities“ von Yang Zhen bei TanzArt ostwest in Gießen



An der Universität der ethnischen Minderheiten Chinas erlebte Yang Zhen „das propagierte harmonische Zusammenleben verschiedener ethnischer Gruppen“ ganz direkt und kreierte aus dieser Erfahrung sein neues Stück.


  • "Minorities" von Yang Zhen Foto © Rolf K. Wegst
  • "Minorities" von Yang Zhen Foto © Rolf K. Wegst
  • "Minorities" von Yang Zhen Foto © Rolf K. Wegst
  • "Minorities" von Yang Zhen Foto © Rolf K. Wegst
  • "Minorities" von Yang Zhen Foto © Rolf K.Wegst
  • "Minorities" von Yang Zhen Foto © Rolf K. Wegst

„Da muss eine Tanzgruppe aus China kommen, damit die Musik von Rammstein einmal im Stadttheater zu hören ist.“ Die Verwunderung eines Besuchers des Tanzfestivals an Pfingsten verweist auch darauf, dass die deutsche Heavy-Metall-Rockband mit den gigantischen Bühnenshows weltweit ihre Fans hat. Vor gut 20 Jahren begannen sie ihre Rockriffs auf E-Gitarren derart konsequent drängend und mitreißend zu dröhnen, dass Körperzucken und Haareschleudern die unausweichliche Folge waren. Das führten die vier Tänzerinnen aus China im dritten Teil der taT-Abende beeindruckend vor.

Choreograf Yang Zhen kommt aus Peking, er gilt als Entdeckung in der Tanzszene. 2015 hat er beim internationalen DANCE-München-Festival mit einem Stück über Geschichte und Politik seines Landes Aufmerksamkeit erregt. Der junge Mann erhielt für 2015/17 ein Stipendium in Amsterdam und das DANCE-Team beauftragte ihn schließlich, ein Stück zu den Minderheiten in China zu entwickeln. Zu dem Thema hat er bereits während des vierjährigen Studiums an der Minzu University of China recherchiert, wo er seinen Abschluss in Choreografie machte. An der Universität der ethnischen Minderheiten Chinas erlebte er „das propagierte harmonische Zusammenleben verschiedener ethnischer Gruppen“ ganz direkt.

Auf späteren Reisen lernte er viele lokale Minderheiten kennen, das Dokumentationsmaterial verwendete er nun für sein neues Stück „Minorities“. Er fand ebenso junge wie leidenschaftliche Tänzerinnen aus vier Ethnien: Lou Hio Mei aus Macao, Gengzan Cuomao aus Tibet, Zhuo Lin aus der Mongolei und Ma Xiaolin aus Korea. Insgesamt leben 55 sogenannte Minderheiten in China, aber was bedeutet das für den Einzelnen? Es ist verboten, dies öffentlich zu hinterfragen. Das Stück wird also in China nicht zur Aufführung kommen, wie Yang Zhen auf Nachfragen sagte.

„Minorities“ ist dokumentarisch aufgebaut, arbeitet mit verschiedenen Medien wie Film und comicartiger Zeichnung, die Darstellerinnen tanzen, singen und erzählen aus ihrer Herkunftsregion. Das Stück richtet sich an ein westliches Publikum, dem Erziehung und Kultur in China erklärt werden müssen. Der Drill in Kindergärten, in Tanzschulen, beim Sport und Militär wird im Video gezeigt. Die Präsentationen derselben Lieder und Bewegungsmuster auf der Bühne sprechen eine andere Sprache, sie zeugen von der großen Liebe zur Kultur ihres Landes. Immer wieder gibt es Brüche: der von Gesten unterstützte Englischunterricht ist individuell auf der Bühne lustig anzuschauen, verursacht im Video der Massenerziehung nur Schaudern, jedenfalls beim individualistisch geprägten Westler.

Chinesische Popsongs versetzen junge Frauen ins Träumen, drei von ihnen schlüpfen in die traditionellen Gewänder ihrer ethnischen Heimat, eine aber rebelliert. Sie entblößt ihre kleinen Brüste, tanzt und singt, springt und schreit von Freiheit. Die anderen wollen (noch?) nicht mitmachen, stoßen sie weg. Das Leben zwischen den Kulturen und Werten kommt in dieser Szene berührend nah.

Zum Ende gibt es noch einmal befreites Haareschleudern zu einer chinesischen Rammstein-Version, die Energie der jungen Frauen ist enorm, zudem wirkt alles authentisch. Als Abschluss überrascht der Auftritt einer professionellen Sopranistin in Abendgarderobe, die das Lied von der Liebe zu China singt. Ein versöhnlicher Ausklang, dem die vier Tänzerinnen sich anschließen, den ein westliches Theaterpublikum allerdings nicht bräuchte. Der Ruf nach Freiheit und die Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben sind überdeutlich.

Veröffentlicht am 07.06.2017, von Dagmar Klein in Homepage, Kritiken 2016/17

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