HOMEPAGE



Marl

ELECTRIC BOOGIE UND WEIßE ROSEN

Abou Lagraa mit „Dakhla“ als deutsche Erstaufführung bei den Ruhrfestspielen



Angesichts heutiger Erfahrungen mit der vital vielschichtigen HipHop-Szene kam der Electric Boogie der 1980er Jahre, ‚veredelt’ durch aktuellen Bühnentanz, zu eindimensional daher.


  • "Dakhla" von Abou Lagraa Foto © Dan Aucante
  • "Dakhla" von Abou Lagraa Foto © Dan Aucante
  • "Dakhla" von Abou Lagraa Foto © Dan Aucante

Für Abou Lagraa ist Tanz synonym „für Freiheit und Begegnung“. Seit 1997 hat der arabisch stämmige, französische Choreograf rund 30 Choreografien mit seiner kleinen Truppe „La Baraka“ (arabisch für „eine Chance haben“) einstudiert. In der mittelalterlichen Kirche Sainte Marie von Annonay bei Lyon, Lagraas Heimat, haben sie neuerdings ihr Domizil und touren weiterhin international. Im Rahmen der Ruhrfestspiele Recklinghausen ging die Deutschlandpremiere von „Dakhla“ über die Bühne des Theater Marl. Der Name der marokkanischen Hafenstadt am Atlantik bedeutet „Tor zur Freiheit“. Das passt wohl zum diesjährigen Motto der Ruhrfestspiele „Kopf über - Welt unter“. Man weiß ja inzwischen auch hierzulande nur zu gut, dass das (vermeintlich) rettende Tor selten aus dem lebensbedrohenden Chaos ins erhoffte Paradies führt. Dennoch berührt der positive Tenor dieser weitgehend abstrakten Choreografie.

Technisch begegnen sich HipHop-Szene und zeitgenössischer Tanz neoklassischer Provenienz. Faszinierend ist die minutiöse Präzision kleinster Zuckungen oder ausladender Beugungen und Streckungen, das irre Tempo gefolgt von atemlosem Verharren, der fliegende Wechsel von synchronen Gruppenformationen mit betont gegenläufigen ‚Clustern’. Mal wie ferngesteuerte Roboter, mal wie ungelenke Marionetten huschen die beiden zierlichen Tänzerinnen und die zwei so gegensätzlichen Tänzer - ein muskelbepackter, riesiger Boxertyp und ein zarter, eleganter Ballerino - im Mosaik aus minimalen Szenen über die meist düstere, kahle Spielfläche, die nur durch eine hell leuchtende Öffnung in der schwarzen Begrenzung unterbrochen wird - das immer schmaler werdende Tor zu Freiheit, Gleichheit, Zukunft in Hafenstädten wie Algier, New York oder Hamburg.

Manche Zuschauer waren offensichtlich vom lauten, stark repetitiven wummernden Beat der Klangkulisse aus Pop, arabischer Folklore und minimalistisch-motorischer Elektronik genervt. Auch kam der Electric Boogie, der seine Blütezeit ja in den 1980er Jahren hatte, angesichts heutiger Erfahrungen mit der vital vielschichtigen HipHop-Szene, zumal dezent ‚veredelt’ durch aktuellen Bühnentanz, zu eindimensional daher. Dennoch endete die einstündige Aufführung mit lang anhaltendem Applaus für die Gäste, die ihrerseits mit entwaffnend strahlendem Lächeln dankten und die ihnen vom Theater überreichten langstieligen weißen Rosen ins Parkett warfen. Eine sympathische menschliche Begegnung!

Veröffentlicht am 01.06.2017, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 735 mal angesehen.



Kommentare zu "Electric Boogie und weiße Rosen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    GRENZAUSLOTUNG AM EL FADA

    Lessingtage Hamburg: Der Choreograf Abou Lagraa im Thalia-Theater

    Sein Stück „El Djoudour“ ist eine bunte Melange auf vielen Ebenen - zwischen zeitgenössischem Tanz und Hip Hop, zwischen den Elementen Erde, Luft und Wasser und zwischen Wurzeln und Herkunftsorten.

    Veröffentlicht am 07.02.2015, von Elisabeth Leopold


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    SCHLACHTFELD DER GEFÜHLE

    Das Tanztheater des Staatstheaters Braunschweig zeigt Gregor Zölligs Uraufführung „Heimatabend“
    Veröffentlicht am 18.02.2018, von Kirsten Poetzke


    EISHOCKEY MEETS NEOKLASSIK

    Wieder Shakespeare beim Ballett Im Revier in Gelsenkirchen: Bridget Breiners „Romeo und Julia“
    Veröffentlicht am 18.02.2018, von Marieluise Jeitschko


    CHAOTISCHES STELLDICHEIN

    Antje Pfundtner in Gesellschaft mit „Alles auf Anfang“ in der Kampnagelfabrik
    Veröffentlicht am 16.02.2018, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DIE KRANICHE DES IBYKUS | IN PARTS/TO GATHER

    Hochkarätiger Ballett-Doppelabend mit Premiere am 16.02. im Theater Nordhausen

    Mit Kevin O’Day hat Ballettdirektor Ivan Alboresi eine der glanzvollsten Choreographenpersönlichkeiten des letzten Jahrzehnts nach Nordhausen geholt.

    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    VIELSEITIGES KÖNNEN

    Das „Bottaini Merlo International Center of Arts“ in München zeigte seine jährliche Gala im KUBIZ Unterhaching
    Veröffentlicht am 22.01.2018, von Karl-Peter Fürst


    FREESTYLE HAPPENINGS

    Uraufführung von Jasmine Ellis „Empathy“ im Schwere Reiter in München
    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Vesna Mlakar

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    MOZARTS SEELENTIEFEN EINFÜHLSAM ERGRÜNDET

    Olaf Schmidts „Amadé“ am Theater Lüneburg

    Veröffentlicht am 21.01.2018, von Annette Bopp


    TOM SCHILLING ZUM 90. GEBURTSTAG

    Plädoyer für den tanzenden Menschen

    Veröffentlicht am 19.01.2018, von Karin Schmidt-Feister


    BEHERRSCHER DER GEISTER

    Schläpfer, Goecke und Jooss in Duisburg

    Veröffentlicht am 03.02.2018, von Marieluise Jeitschko


    VIELSEITIGES KÖNNEN

    Das „Bottaini Merlo International Center of Arts“ in München zeigte seine jährliche Gala im KUBIZ Unterhaching

    Veröffentlicht am 22.01.2018, von Karl-Peter Fürst



    BEI UNS IM SHOP