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Leverkusen

„DU BIST NICHT NUR FLEISCH“

Zu Gast in Leverkusen: Alvis Hermanis inszeniert Mikhail Baryshnikov



Baryshnikov liest und spielt Texte von Joseph Brodsky: ein großer Theaterabend dank großer Dichtung, sensibler Regie und dem charismatischen Baryshnikov.


  • "Brodsky/Baryshnikov" von Alvis Hermanis Foto © Janis Deinats
  • "Brodsky/Baryshnikov" von Alvis Hermanis Foto © Janis Deinats
  • "Brodsky/Baryshnikov" von Alvis Hermanis Foto © Janis Deinats

Mikhail Baryshnikov gehört zu den Göttern des Tanzolymps. Mit 69 Jahren sieht er seine künstlerische Ausdrucksform nun aber nicht mehr im Tanzen, sondern im Schauspiel. Das schließt eine enorme körperliche Präsenz mit ein, wie der Abend mit Gedichten von Joseph Brodsky jetzt bei Bayer-Kultur im Erholungshaus Leverkusen zeigte. Aber er kann eben auch mit seiner Stimme überzeugen.

Wie er dort Brodskys wunderschöne, klar beobachtende und doch mit melancholischer Aura umwehten Texte zu Leben und Tod teils vorliest, teils auswendig rezitiert, das geht in seiner meist ruhigen, manchmal leisen, dann wieder kräftig präzisen Tongebung unter die Haut. Baryshnikov spricht Russisch, zu deutschen Übertiteln, und dieses Russisch klingt, als spräche er zu uns, den Zuschauern, als erzählte er ganz einfach aus seinem Leben, ganz ohne Pathos, fast fürsorglich, ohne die heute auf den Bühnen allfällige Schreierei, ohne aufwendige Inszenierung einer Distanz zum Text, wie sie Regisseure heute meist für nötig halten.

Nicht so Alvis Hermanis, der das Neue Theater Riga leitet und auch international als Schauspiel- und Opernregisseur gefragt ist. Seine Inszenierung für den Rigaer Landsmann Baryshnikov skizziert mit ruhiger Hand eine Begegnung zwischen dem lebenden Tänzer und dem verstorbenen Dichter, die zur Identifikation führt.

Baryshnikov verschmilzt mit den Texten, als seien sie seine, denn es sind die Texte eines Freundes. Baryshnikov und Brodsky – beide russische Exilanten mit starkem Bezug zu Leningrad, das inzwischen wieder St. Petersburg heißt – haben in den USA zueinander gefunden. In den Texten findet er ihn auf der Bühne wieder. Erinnerungsort ist ein Jugendstilpavillon, als hätte ihn Tschechow auf der Bühne vergessen. Innen leer, außen hängen die Stromkabel herab. Vergilbter Charme. Hier dringt Baryshnikov ein, holt Wecker, Brille, Schnaps aus dem Koffer und liest auf der Bank vorm Haus in und aus Brodskys Werken. „Dann zucke ich in meinem Grab“, heißt es in einem seiner Gedichte.

Hier schlägt es geradezu Funken. Im Wortsinn, denn die Kabel draußen brennen durch, dann leuchtet der Pavillon in merkwürdiger Verzauberung. Und Baryshnikov, der sich der Schuhe und Oberkleider entledigt hat, schreitet, streckt den Arm aus, dreht sich im Kreis, legt die Arme waagerecht in die Luft. Langsam alles, wie im Traum. Oh, er ist noch immer Tänzer, aber ein Tänzer der Erinnerungen. Seiner selbst als Tänzer? Brodskys in seinen abschiedsvollen Gedanken? Wenn Baryshnikov im Pavillon „tanzt“, erklingt leises Gemurmel aus dem fernen Off, als erinnerte man gemeinsame Feste. Vielleicht sind es auch die anderer Menschen aus Tschechows Zeit?

So changiert die Inszenierung zwischen den Zeitstufen. Und zwischen den Identitäten der Freunde. Immer aber steht die Vergänglichkeit, das Lebensbewusstsein im Blick auf seine Endlichkeit im Vordergrund. Brodsky starb 1996 mit 56 Jahren. In der Sowjetunion wurde er als Jude, Intellektueller und Träumer diskriminiert, saß im Gefängnis, wurde abgeschoben ins Exil. 1987 bekam er den Literatur-Nobelpreis. „Sohn, gewöhn dich an die Wüste“, ruft er, erkennt: „der Tyrann ist nicht das Böse, sondern das Mittelmaß“, fühlt sich entfremdet durch „überall Teenager und Antennen statt Bäume“.

Der Verfall des eigenen Körpers wird früh thematisiert, er „beschmutzt jetzt den Spiegel“. Ein Tänzerthema. Baryshnikov, noch immer gut trainiert, stellt sich dem, hangelt sich gebückt wie ein alter Mann zur Tür, geht taumelig, strauchelnd im Pavillon umher, bestreicht sich mit weißer Farbe und liegt auf der Bank wie eine Leiche. „Du bist nicht nur Fleisch“, verspricht die Stimme. Das langsame Sterben mit Bewusstsein mit ansehen? „Nein, rufe mich jetzt!“ Baryshnikov liegt wie schwebend auf einem Stuhl, den er kaum mit dem Gesäß berührt.

Es kehrt das Daumenlutschen wieder, tonloses Schreien mit der Hand im Mund, die Lebensphasen sind durchschritten, wiederholen sich im Alter. „Tragödie“ heißt das, doch auch der „Zirkus“ aus Brodskys Gedicht bekommt in skurrilen Gesten Raum; mit gezierten Fingern und einem Fuß auf halber Spitze entsteht eine frühe Ahnung von Ballett.  

Der Wecker klingelt. Baryshnikov kehrt in die Kleider zurück. „Jeder Blick hinterlässt eine Spur auf den Dingen“ – jedes Wort Brodskys, so dargebracht, hinterlässt eine Spur in den Herzen. Ein großer Theaterabend dank großer Dichtung, sensibler Regie und dem authentischen Freundschaftsdienst Baryshnikovs. Ein Charismat, dem man sogar in fremder Sprache gerne lauscht.  

Vom 23. bis 25. Juni im Schauspielhaus Zürich.

Veröffentlicht am 15.05.2017, von Andreas Berger in Homepage, Kritiken 2016/17

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