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Münster

FOLKWANG - ZWISCHEN EXPERIMENT UND SCHULE

Von Kurt Jooss bis zu Rodolpho Leoni



Weiche, feine, stilisierte Gesten und elegante Körperschwingungen - Relikte des deutschen Ausdruckstanzes - zeichnen die Folkwang-Ästhetik aus.


  • "PLUMMET - a sharp down in 3 acts" von Iker Arrue Foto © Veronika Kurnosova
  • "PLUMMET - a sharp down in 3 acts" von Iker Arrue Foto © Ursula Kaufmann
  • "Would you like an invitation to my destination" von Rodolpho Leoni Foto © Ursula Kaufmann
  • "Would you like an invitation to my destination" von Rodolpho Leoni Foto © Ursula Kaufmann

Vor genau 90 Jahren wechselte Kurt Jooss von Münster nach Essen. In der westfälischen Hauptstadt hatte der Schwabe mit seiner neuen Tanzbühne, basierend auf der Laban-Technik, für Aufsehen gesorgt. Als Mitgründer der Folkwang-Schule wollte er seine Visionen für die deutsche Tanz-Zukunft weiter entwickeln und Tanzstudierenden vermitteln. Eine "Schule" des deutschen Tanztheaters ist daraus geworden, durch die spätere Legenden wie Pina Bausch und Reinhild Hoffmann gingen. Auch Christine Brunel, Samir Akika, Mei Hong Lin, Henrietta Horn und Daniel Goldin gehören zu den erfolgreichsten Absolventen. Ehemalige Stars des Tanztheater Wuppertal - Lutz Förster, Malou Airaudo, Stephan Brinkmann etwa - besetzen führende administrative, pädagogische und künstlerische Positionen. Bis heute sind angehende Bühnenkünstler aus aller Welt am Institut für Zeitgenössischen Tanz der Folkwang-Universität der Künste (so der aktuelle Titel) inskribiert. Aus dem "Folkwang-Ballett" wurde das "Folkwang Tanzstudio", in dem fortgeschrittene Studierende und Absolventen der Klassen für zeitgenössischen Tanz und für Choreografie sich ausprobieren und profilieren können.

Die Folkwang-Anfänge im Blick, ist es also kein Zufall, dass das "Folkwang Tanzstudio" im kulturellen Gastspielbetrieb von Münster einen besonderen Stellenwert einnimmt. Seit Jahrzehnten pflegt das "Theater im Pumpenhaus" die Zusammenarbeit. Rustikale Intimität und informelle Atmosphäre signalisieren Experimentierfreudigkeit. Die war bei den drei Folkwang-Abenden, die dort jetzt im Rahmen von "nrw-tanz 17" stattfanden, allerdings nicht erkennbar. "PLUMMET - a sharp down in 3 acts" von Iker Arrue ist die erste Produktion des Spaniers mit der Essener Truppe. Das englische "Plummet" (Absturz) bezieht sich auf die biblische Geschichte von Lots Frau, die verbotenerweise auf der Flucht aus dem zerstörten Sodom zurückblickt und zur Strafe zur Salzsäule erstarrt. Gut, dass auf dem Flyer zum Gastspiel darauf hingewiesen wird. Zu sehen sind berückend lyrische, poetische Bewegungen der einsamen Frau in der ersten Szene, die im Verlauf der Gruppenchoreografie inmitten rudimentärer Häusermauern durchsetzt sind von Andeutungen japanischer Kampfsportposen, wie sie bekanntlich auch Pina Bausch in ihrem Welttanztheater (wie viele andere zeitgenössische Choreografen) zitiert.

Genau diese weichen, feinen, stilisierten Gesten und Bewegungen - Relikte des deutschen Ausdruckstanzes - zeichnen die Folkwang-Ästhetik aus. Ein "Folkwang Tanzabend spezial" mit sieben Soli und Duetten, getanzt und choreografiert von Dozenten und Eleven, demonstriert diese Merkmale von abstraktem Tanz, der Geschichten, zwischenmenschliche Situationen und Charaktere allenfalls verschlüsselt auf die Bühne bringt. Immerhin kommen hierbei individuelle Ausstrahlung - zumal bei der sehr charmant-sinnlichen Giorgia Maddamma und dem verhalten strengen Stephan Brinkmann, der an Gerhard Bohner und Oskar Schlemmer erinnert - zum Tragen. Der politische Ansatz und die gesellschaftliche Relevanz, die für Jooss und seine Meisterschülerin Pina Bausch so wichtige Aspekte ihrer künstlerischen Thematik waren und etwa für Samir Akika auch sind, bleiben ausgespart.

"Would you like an invitation to my destination" (2015) vom derzeitigen künstlerischen Leiter des Folkwang Tanzstudios, dem Brasilianer Rodolpho Leoni, für je vier Tänzerinnen und Tänzer in ‚Uniformen‘ von losen, ärmellosen Tops und langen Hosen mit Soli, Duetten und Gruppen, ist ein weiterer Beweis für die eher aktionslosen Studien tanzender Menschen in Raum und Zeit aus der traditionsreichen ‚Folkwang Talentschmiede‘.

Veröffentlicht am 14.05.2017, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2016/17

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