HOMEPAGE



Stuttgart

DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart



Volpis Interpretation von Benjamin Brittens Oper setzt auf die Innenwelt ihres Protagonisten.


  • "Tod in Venedig" von Demis Volpi Foto © Oper Stuttgart
  • "Tod in Venedig" von Demis Volpi Foto © Oper Stuttgart
  • "Tod in Venedig" von Demis Volpi Foto © Oper Stuttgart
  • "Tod in Venedig" von Demis Volpi Foto © Oper Stuttgart
  • "Tod in Venedig" von Demis Volpi Foto © Oper Stuttgart
  • "Tod in Venedig" von Demis Volpi Foto © Oper Stuttgart

Der Stuttgarter Demis Volpi hat nicht nur den Übergang vom Solotänzer zum anerkannten Hauschoreografen, sondern zum international gefragten Tanzschöpfer in denkbar souveräner Manier gemeistert. Jetzt bereicherte er den Stuttgarter Spielplan um eine der seltenen Koproduktionen zwischen Oper und Ballett, und sogar die John Cranko Ballettschule durfte mitmachen. Gemeinsames Projekt war Benjamin Brittens letzte Oper „Tod in Venedig“ nach der gleichnamigen Novelle von Thomas Mann.

Brittens Librettistin Myfanwy Piper verdichtete die Geschichte des Schriftstellers in der Schaffenskrise, der bei einer Reise nach Venedig einem unbekannten schönen Jüngling in Gedanken so verfällt, dass er darüber seine Prinzipien, seinen klaren Verstand, seine Würde und am Ende sein Leben verliert, auf ihren philosophisch-psychologischen Kern. Die Zusammenarbeit von Oper und Ballett ist in der Oper schon angelegt: der polnische junge Tadzio und seine Mutter sind reine, also stumme Tänzerrollen. Einen eigenständigen starken tänzerischen Akzent setzt Demis Volpi, indem er den Gott Apollon leibhaftig auf der Bühne erscheinen lässt – die Figur ist vom Komponisten eigentlich als unsichtbare Singstimme angelegt. Für die Premiere schlüpfte Solotänzer David Moore in die Rolle des Gottes. Von Kopf bis Fuß goldglänzend mehr als Statue denn als Lebewesen wirkend, lässt ihn Volpi zwar im klassischen Bewegungsrepertoire glänzen, doch der gesamte choreografische Part bleibt strikt konventionell: Das gilt auch für den Part der polnischen Mutter (Joana Romaneiro) und ihren Sohn Tadzio (Gabriel Figueredo, vielversprechender Nachwuchs aus der John Cranko Schule).

Dreh- und Angelpunkt der Regie ist nicht die Außen-, sondern die Innenwelt; alles dreht sich um die zentrale Figur Christoph von Aschenbach. Für die ständig wechselnden Schauplätze ließ er von Ausstatterin Katharina Schlipf einen diffusen, von mobilen hohen grauen Wandflächen eingerahmten Raum bauen. Mal transparent, mal spiegelnd, mal als Tür nach außen oder Nische nach innen fungierend, lösen die mobilen Wände die Grenze zwischen Innen- und Außenwelt immer mehr auf. Venedig hin oder her – konsequent versagt Volpi der Stuttgarter Aufführung jedes noch so kleinste Fitzelchen Folklore, jede optische Assoziation an Markusplatz und Lido, Gondeln und Kanäle. Bücher über Bücher prägen stattdessen den ersten Teil. Nach der Pause sind sie verschwunden – zugunsten von noch mehr variablen Stellteilen, die unter dem nimmermüden Einsatz der Drehbühne dem immer hektischer, immer weniger von Logik oder wenigstens dem üblichen Normensystem geprägten Handlungs- und Gedankenspielraum des Dichters in der Lebenskrise Raum bieten.

Benjamin Britten hat in seiner letzten Oper ein Gedankendrama zwischen dionysischem und apollinischem Prinzip angelegt – und dem dramatischen Tenor in der Hauptrolle (die Matthias Kink förmlich auf den Leib geschrieben schien) einen Gegenspieler in siebenfach wechselnder Gestalt entgegengestellt (von Bassbariton Georg Nigel souverän gemeistert). Kirill Karabits am Pult des Staatsorchesters Stuttgart kostete die Spannweite der Komposition so weit wie möglich aus: Vom intensiven Einsatz des Schlagzeuges bis hin zu effektvollen Chorszenen, die Dennis Volpi entsprechend wirkungsvoll in Szene setzte.

Zustimmung des Publikums auf ganzer Ebene für eine in sich stimmige Inszenierung, die auch deutlich den respektvollen Blick auf die literarische Vorlage bewahrt hat. Matthias Klink in der Hauptrolle wurde vom Publikum frenetisch gefeiert und konnte sein Bühnenglück kaum fassen. Demis Volpi darf seinerseits schon ein wenig nach der nächsten Ehrung schielen: mit seiner Stuttgarter „Salome“ ist er für den Prix Benois de la Danse nominiert.

Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 1879 mal angesehen.



Kommentare zu "Dionysos und Apollon im Streit"



    • Kommentar am 11.05.2017 20:23 von Mascha
      Myfanwy ist ein Mädchen :-)
    • Kommentar am 17.05.2017 15:05 von Dr. Karl Peter Krenkler
      Eine großartige Inszenierung, die das Potential zur "OPER DES JAHRES" hat! Man hat den Eindruck, dass selbst jeder der unzähligen Chormitglieder eine individuelle Choreografie bekommen hat.

      Der Choreograf heißt DEMIS Volpi, nicht DeNNis![/size]
    • Kommentar am 17.05.2017 19:31 von tanznetz.de Redaktion 4
      Vielen Dank für die Hinweise! Selbstverständlich wurden beide Fehler korrigiert.

      Ihre tanznetz-Redaktion

Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




Ähnliche Beiträge

 

LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


„THINK PINK“ IM ROSAROTEN ZAUBERWALD

„Bullshit“ von Nadav Zelner für Gauthier Dance wird bei der Premiere im Stuttgarter Theaterhaus gefeiert
Veröffentlicht am 21.02.2018, von Boris Michael Gruhl


GOECKE GEHT NACH HANNOVER

Der neue Ballettdirektor am STAATSTHEATER HANNOVER steht fest. Marco Goecke übernimmt zur Spielzeit 2019/20 die Leitung.
Veröffentlicht am 21.02.2018, von Pressetext


OSTERFESTIVAL TIROL 2018

30. Osterfestival Tirol unter dem Motto über.leben.
Veröffentlicht am 21.02.2018, von Anzeige



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



OSTERFESTIVAL TIROL 2018

30. Osterfestival Tirol unter dem Motto über.leben.

Von Alter zu Neuer Musik, von Performance, Tanz bis zu außereuropäischen Kulturen, von Film über Aktionen, bis hin zu jungen – am Beginn stehenden – und weltbekannten Künstlern

Veröffentlicht am 21.02.2018, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

„Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


VIELSEITIGES KÖNNEN

Das „Bottaini Merlo International Center of Arts“ in München zeigte seine jährliche Gala im KUBIZ Unterhaching
Veröffentlicht am 22.01.2018, von Karl-Peter Fürst


FREESTYLE HAPPENINGS

Uraufführung von Jasmine Ellis „Empathy“ im Schwere Reiter in München
Veröffentlicht am 15.01.2018, von Vesna Mlakar

MEISTGELESEN (30 TAGE)


ACCESS TO DANCE



Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


TOM SCHILLING ZUM 90. GEBURTSTAG

Plädoyer für den tanzenden Menschen

Veröffentlicht am 19.01.2018, von Karin Schmidt-Feister


BEHERRSCHER DER GEISTER

Schläpfer, Goecke und Jooss in Duisburg

Veröffentlicht am 03.02.2018, von Marieluise Jeitschko


MOZARTS SEELENTIEFEN EINFÜHLSAM ERGRÜNDET

Olaf Schmidts „Amadé“ am Theater Lüneburg

Veröffentlicht am 21.01.2018, von Annette Bopp


TANZEN GEGEN DIE WAND UND GEKLONTE CLOWNS

„Boléro“ (Walking Mad) von Johan Inger und „Le Sacre du Printemps“ von Mario Schröder beim Leipziger Ballett

Veröffentlicht am 05.02.2018, von Boris Michael Gruhl



BEI UNS IM SHOP