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Braunschweig

WENN DIE TÄNZERIN DEIN NACHBAR IST

Tiago Manquinhos “Nice to meet you?” am Staatstheater Braunschweig



Manquinho gelingt mit seiner Uraufführung ein faszinierendes Bild für eine Gesellschaft mit ihren Einzelinteressen und dem Wunsch oder Zwang, zusammenzuhalten zu wollen.


  • “Nice to meet you?” von Tiago Manquinho Foto © Volker Beinhorn
  • “Nice to meet you?” von Tiago Manquinho Foto © Volker Beinhorn
  • “Nice to meet you?” von Tiago Manquinho Foto © Volker Beinhorn
  • “Nice to meet you?” von Tiago Manquinho Foto © Volker Beinhorn
  • “Nice to meet you?” von Tiago Manquinho Foto © Volker Beinhorn

Schön, sie zu treffen – von wegen. Die Tänzer in ihren blauen uniformen Anzügen und Kleidchen grüßen nicht und lächeln nicht, als sie schon vor der Vorstellung durch die Zuschauer im Foyer streifen. Das setzt sich drinnen auf der Bühne fort: je zwei gehen aufeinander zu, doch kurz vor dem Körperkontakt ist Schluss. Einer streckt die Hand abwehrend aus, die nächste windet sich mit einem Ausfallschritt zurück. Wie an einer unsichtbaren Wand arbeiten sie sich voreinander ab, bald schon die ganze Gruppe in Beschleunigung, eine mechanisch funktionierende Gesellschaft.

„Nice to meet you?“ hat Tiago Manquinho sein zweites Tanzstück für die Braunschweiger Kompanie genannt. Und das Fragezeichen ist offenbar ernst zu nehmen. Der Abend startet in sozialer Distanz, die aber auch aufgebrochen wird, wenn plötzlich mitten im Publikum eine Tänzerin aufspringt, sich mit energischen Bewegungen ihren Freiraum schafft. Es ist ungebührliche Nähe, doch bewundernswert hält Cecilia Castellari auf ihrem Platz den Fokus, scheint mit windmühlenartig kreisenden oder ellenbogenausschnellenden Gesten, die Hände flatternd vorm Herzen, eine stumme Geschichte von sich zu erzählen, die vielleicht nur ihr verständlich ist, aber als Lebenskraft und Kommunikationsbedürfnis für alle spürbar wird.

Auf der Bühne orten derweil die anderen Tänzer ihre Positionen, tauschen im Sitzen, dann im Stehen ihre Plätze, jede Rochade setzt sofort das ganze Spielfeld in Gang, hier geht es um Mindestabstände, erwünschte oder erduldete Nachbarschaften, bis die ganze Gruppe als dichtgedrängtes Knäuel wie eine wabernde Masse in Bewegung kommt, noch immer eine in sich arbeitende Gemeinschaft, aber eben auch schon mit gemeinsamer Stoßrichtung. Das ist ein faszinierendes Bild für eine Gesellschaft mit ihren diffusen Einzelinteressen, aber dem Wunsch oder Zwang, zusammenzuhalten. Manchmal nämlich scheint sich dieser Menschenkorpus auch in verschiedene Richtungen auszudehnen, steht vor dem Zerreißen. Dann wieder kann er einzelne „fremde“ Tänzer aufsaugen.

Manquinho und die hochmotivierte Kompanie finden für die verschiedenen Modelle der Begegnung und Annäherung auch im Detail so viele ungewöhnliche, noch ganz unverbrauchte Bewegungsfolgen, dass es noch für drei weitere Stücke gereicht hätte. Manquinho ist da von faszinierender Kreativität.

Eine der packendsten Szenen ist jene scheinbar zärtlich beginnende Begegnung von Adrian Radwanski und Joshua Haines. Aus einer synchron agierenden Gruppe war ein Rundlaufen geworden, das den Kreis immer enger zog und die beiden Jungs im Zentrum einschloss. Radwanski nimmt Haines‘ Kopf in seine Hände, lehnt ihn an seine Wange – das sieht noch nach Freundschaft aus. Doch immer bestimmender dirigiert er den anderen, den Kopf weiter fest im Griff, schleudert ihn herum, fetzt ihn zu Boden. Bald braucht es den direkten Körperkontakt nicht mehr, seine bloße Präsenz und sein Blick genügen, dass sich der andere zu Boden schmeißt. Das ist von so subtiler Brutalität, zugleich ein grandioses Abbild jeder physischen wie psychischen Fremdbestimmung, dass man es kaum erträgt.

Aber auch diese Figuren werden von der Gruppe wieder aufgesogen. Einmal wird eine Tänzerin über die Köpfe der Zuschauer hinweg aus dem Saal getragen wie eine Leiche. Leid und Tod schaffen Mitleid, Nähe. Die Begegnungen vom Anfang wiederholen sich: Tänzer von verschiedenen Seiten aufeinanderzuschreitend. Aber nun kommt es zur Berührung. Manche umarmen sich, es gibt Hebungen, ein zärtliches Paar in Zeitlupe und den ewig fremden Wessel Oostrum, der unverwandt durchs Geschehen kraucht. „Nice to meet you“ gilt noch immer nicht für jeden.

Tiago Manquinho hat hier einen spannenden Abend entwickelt, im dunklen Blaulicht zu oft exotisch-naturlautigen Klängen mit mystischer Weite und doch konkreter Wiedererkennbarkeit. Der gut einstündige Plot ist gut getimt. Manquinhos Bewegungssprache hat eine hohe Eigenständigkeit, ihre detailreiche Verwinkeltheit ist einem arrivierten Kollegen wie Marco Goecke gleichzustellen. Zu Recht brandender Applaus.

Mit freundlicher Genehmigung der Braunschweiger Zeitung

Veröffentlicht am 08.05.2017, von Andreas Berger in Homepage, Kritiken 2016/17

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Kommentare zu "Wenn die Tänzerin dein Nachbar ist"



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