HOMEPAGE



Wien

FEUERVÖGEL IM SUPERMARKT

An der Wiener Volksoper tanzt das Staatsballett drei Uraufführungen von Andrey Kaydanovskiy, Eno Peci und András Lukacs.



Mit Ideen und Details setzen sich die drei jungen Choreografen des Staatsballetts mit Strawinsky auseinander.


  • "Der Feuervogel" von Andrey Kaydanovskiy Foto © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor
  • "Der Feuervogel" von Andrey Kaydanovskiy Foto © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor
  • "Der Feuervogel" von Andrey Kaydanovskiy Foto © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor
  • "Movements to Stravinsky" von András Lukacs Foto © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor
  • "Movements to Stravinsky" von András Lukacs Foto © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor
  • "Movements to Stravinsky" von András Lukacs Foto © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor
  • "Petruschka" von Eno Peci Foto © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor
  • "Petruschka" von Eno Peci Foto © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor
  • "Petruschka" von Eno Peci Foto © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Prinzipiell freut, dass Manuel Legris jungen Choreografen die Chance gibt, sich auf den großen Bühnen der Wiener Staats- und Volksoper zu profilieren. Nur so kann wohl herausgefunden werden, ob sich da jemand einmal als „Hauschoreograf“ eignete. Eine Position, die gerade in einem Ensemble, das großes internationales Repertoire tanzt, Identität stiftend wirken und für eine lokale frische Farbe sorgen kann.

Die Namen der drei Choreografen des in der Volksoper angesiedelten neuen Abends des Staatsballetts kennt man bereits von verschiedenen Arbeiten. Alle drei sind außerdem seit vielen Jahren im Staatsballett engagiert. Sich mit Igor Strawinsky (unter der engagierten musikalischen Leitung von David Levi) und damit auch mit Schlüsselwerken der Ära der Ballets Russes zu befassen, macht an sich Sinn und soll wohl auch dem Publikum an der Volksoper, einem Haus, das Oper, Operette und Musical spielt, Unterhaltung „bescheren“. Mehrere Ansprüche wollen da offenbar unter einen Hut gebracht werden. Nicht das Experiment steht im Vordergrund, sondern solide Produktionen sollen entstehen, die mindestens auch eine Spielserie gut laufen können.

Dementsprechend vorbereitet scheinen András Lukacs, Eno Peci und Andrey Kaydanovskiy ihrem Auftrag auch nachgekommen zu sein. Ganz klar legen sie im Programmheft fest, dass sie mit oder ohne Handlung auskommen wollen. Lukács befasst sich in seinen „Movements to Stravinsky“ mit neoklassizistischen Entwürfen fürs Ensemble, die vor allem durch die schwarzen, komödiantisch anmutenden Kostüme einen gewissen Reiz erhalten. Als Mittelstück des Abends zwischen zwei Handlungsballetten platziert, geben seine Entwürfe einer Reihe von Tänzern Gelegenheit, sich auch solistisch zu zeigen. Dass es trotzdem an Spannung und Stringenz fehlt, lässt sich auf die doch sehr persönliche Musikzusammenstellung des Choreografen zurückführen. Mit Ausschnitten aus sehr bekannten szenischen Werken wie unter Anderem aus „Apollo“ (ausgerechnet die Schlussszene - der Gang auf den Parnass) und „Pulcinella“, die sozusagen konzertant eingesetzt werden, ist es schwierig zu überzeugen.

Die Kunstform Ballett lebt durch seine choreografischen Partituren, die Musik nicht nur für die Ohren, sondern vor allem für die Augen festmachen. Das gilt auch für die beiden anderen Werke des Abends, die beide von Michail Fokin in Kooperation mit Strawinsky uraufgeführt worden sind. Eine Möglichkeit, sich etwas von der Wucht der lebendigen „Originale“ zu entfernen – Fokin wird immer noch getanzt –, besteht darin, sich überarbeiteten musikalischen Fassungen zuzuwenden. Peci verwendet Strawinskys Fassung des „Petruschka“ aus dem Jahr 1947, Kaydanovskiy für seinen „Feuervogel“ eine reduzierte Version von Hans Blümer.

Beide sicherten sich auch durch die Mitarbeit von Musiktheater-Dramaturgen ab: Pavol Jurás für Peci, Richard Schmetterer für Kaydanovskiy. Und beide Choreografen arbeiten mit Ausstattern, die die Bühne szenisch sehr besetzen. Sowohl Jurás’ variables Klassenzimmer mit Hintertür ins Unbekannte in „Petruschka“, als auch Karoline Hogls installativ wirkende Bauten eines Geschäftskomplexes für „Feuervogel“ erinnern stark an Schauspiel-Bühnen. Beide Stücke „funktionieren“ auch weitgehend. Peci lässt seinen Petruschka, einen überforderten Volksschul-Lehrer (Davide Dato), an dessen sozialem Engagement scheitern. Die Szenenfolge ist geschickt montiert, die Klassengemeinschaft beherrscht tänzerisch abgezirkelt das Geschehen, der Lehrer verzweifelt sprunggewaltig und die dominante Direktorin (Rebecca Horner) schlängelt sich mit blonder hoher Perücke durch die Inszenierung.

Eine skurrile eigenwillige Tanzsprache verfolgt Andrey Kaydanovskiy, der zuletzt für John Neumeiers Bundesjugendballett tätig war. Seinen „Feuervogel“ kann man auch – sehr frei – als „sozialistisches Ballett“ sehen: als Weiterführung des russischen Märchens in eine fast slapstick-ähnliche Geschichte zu den Themen Macht, Konsum, Arbeiter-Ausbeutung und Scheitern des Kommunismus. Der Flyer-Verteiler Ivan (Masayu Kimoto) im Gockel-Kostüm will mehr von seinem Leben, dringt in einen Supermarkt ein, in dem am laufenden Band produziert wird. Der Unterschied zwischen scheinbar künstlich-geklonten Schaufensterpuppen en masse und Menschen, die zu Puppen, Hampelmännern und Maschinen werden, ist dort ein kleiner. In dieser technokratischen Misere stößt er auf eine überlastete, sich stakkatoartig beschwerende Arbeiterin mit roter Perücke (Horner), der er habhaft werden will. Auf einen erschöpft Wortkaskaden gurgelnden Chef (Mihail Sosnovschi), der an einen abgehalfterten sowjetischen General erinnert, und auf eine schillernde Figur (Dato), im Programmheft als Feuervogel bezeichnet, die unklar bleibt. Seine Feuervögel findet Ivan in dieser an Einfällen dichten, verworrenen, dennoch verlockenden Szenerie in der Arbeiterin und im Posten des Chefs. Der nächste Karrierist aber sucht sich bereits den Weg in den gläsernen Palast, in dem alles kollabiert. Viel Witz und Doppelbödigkeit in einer Markt-Mechanismen nachspürenden Choreografie, die vom großen Ensemble stark mitgetragen wird.

Veröffentlicht am 01.05.2017, von Andrea Amort in Homepage, Gallery, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 482 mal angesehen.



Kommentare zu "Feuervögel im Supermarkt"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    "EINE GROßE EHRE"

    Tarek Assam zum Sprecher der Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren Konferenz gewählt
    Veröffentlicht am 05.05.2017, von Dagmar Klein


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien
    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke


    EINE JUNGE KOMPANIE FÜR BERLIN

    Marion Heinrich im Gespräch mit den Intendanten des „Landesjugendballetts Berlin“
    Veröffentlicht am 31.03.2017, von Gastautor



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ALAIN PLATEL: NICHT SCHLAFEN

    Am 24. und 25. Juni zu Gast bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen

    Dieses Mal mischt der Flame die Musik Gustav Mahlers mit afrikanischen Klängen für eine Zeitreise in die schwindelerregenden Jahre zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

    Veröffentlicht am 19.03.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    WOGEN GEGLÄTTET

    Sasha Waltz und Johannes Öhman geben Pressekonferenz beim Berliner Staatsballett

    Veröffentlicht am 01.05.2017, von tanznetz.de Redaktion


    „DU BIST NICHT NUR FLEISCH“

    Zu Gast in Leverkusen: Alvis Hermanis inszeniert Mikhail Baryshnikov

    Veröffentlicht am 15.05.2017, von Andreas Berger


    POESIE UND ERSCHRECKEN

    Jacopo Godanis „Extinction Of A Minor Species“ für die Dresden Frankfurt Dance Company im Bockenheimer Depot

    Veröffentlicht am 02.05.2017, von Boris Michael Gruhl


    WENN DIE TÄNZERIN DEIN NACHBAR IST

    Tiago Manquinhos “Nice to meet you?” am Staatstheater Braunschweig

    Veröffentlicht am 08.05.2017, von Andreas Berger


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP