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Halle

EINE ALTE GESCHICHTE

„Werther oder ich werde geliebt, also bin ich“ von Ralf Rossa in Halle



Die aktuelle Tanztheaterkreation an der Oper Halle mit dem Ballett Rossa thematisiert anhand von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ die Liebe und vermittelt erstaunliche Einsichten.


  • „Werther oder ich werde geliebt, also bin ich“ von Ralf Rossa Foto © Ana Kolata
  • „Werther oder ich werde geliebt, also bin ich“ von Ralf Rossa Foto © Ana Kolata
  • „Werther oder ich werde geliebt, also bin ich“ von Ralf Rossa Foto © Ana Kolata
  • „Werther oder ich werde geliebt, also bin ich“ von Ralf Rossa Foto © Ana Kolata
  • „Werther oder ich werde geliebt, also bin ich“ von Ralf Rossa Foto © Ana Kolata
  • „Werther oder ich werde geliebt, also bin ich“ von Ralf Rossa Foto © Ana Kolata

Die Botschaft dieser Tanztheaterkreation von Ralf Rossa und seiner Kompanie vermittelt schon der Titel dieses emotionsgeladenen Ballettabends im Halleschen Opernhaus: „Werther oder Ich werde geliebt, also bin ich.“ Was 1774 Begeisterung und Empörung gleichermaßen auslöste, war immer wieder Gegenstand für unterschiedliche Kunstwerke: Oper und Schauspiel, multimediale Performance und Monodrama. Bis heute fasziniert Goethes Briefroman von einem jungen Mann, der sich von einer bedingungslosen Hingabe an eine für ihn unerreichbare Frau in den Selbstmord treiben lässt. Die Liebe als ein Ort, wo die Zeit stillsteht. Die Liebe als eine Utopie, an der wir unser Selbstwertgefühl ermitteln, prüfen und ausleben können, im Sinne von „Ich werde geliebt, also bin ich“. Der emotional aufwühlende Ballettabend zeigt in spektakulären Tanzszenen, dass zu Werthers Zeiten wie auch in der von medialer Kommunikation, Parship-Partnersuche und Bindungen auf Zeit geprägten Gegenwart die Beschreibung des Phänomens Liebe von Heinrich Heine „Es ist eine alte Geschichte, doch ist sie ewig neu. Und wenn sie uns begegnet, dann bricht das Herz entzwei“ zutrifft.

Spektakulär ist der Beginn des Abends. Werther (Michal Sedlacek) verkörpert fast regungslos, sparsam in seinen Körperbewegungen die innere Zerrissenheit seiner Persönlichkeit. So wie die kalte Baumlandschaft vor ihm, scheint sein Inneres zu sein und gleichzeitig suggerieren in temperamentvollen Bewegungsfolgen, in Pirouetten und kraftvollen Sprüngen junge Tänzer einen anderen, lebensbejahenden, glücklichen und weltzugewandten Werther.

Die Collage aus romantischer und moderner sinfonischer Musik steht als Metapher für die Individualität von Werther, Charlotte und Albert, als Ausdruck ihrer Träume, Hoffnungen, Erinnerungen, Wünsche und Fantasien. An Knotenpunkten der Handlung bieten vier Chansons und Popsongs von Jaques Brel, Charles Aznavour, Mary Chapin Carpenter und Tom Waits wunderbare Momente der Ruhe, der zärtlichen Berührungen, innigen Bewegungen. Hier erlebt das Publikum bizarre Momente individueller tänzerischer Ausdrucksformen, aus denen man förmlich den Geist der Werther-Briefe erahnen kann. Die romantische Musik Brahms' ist die Basis für die Begegnungen zwischen Werter und Charlotte, für sich nähern und sich entfernen. Die tänzerischen Ausdrucksformen des ganzen Gefühlschaos der Liebenden werden durch diese Musik getragen. Kontrastierend dazu in den Szenen zwischen Werther, Charlotte und Albert schaffte die Symphonie für Streicher von Peteris Vàsk einen zuweilen akustisch schmerzvollen Gegensatz, den die Tänzer mit großem Körpereinsatz in ihren Bewegungen ausleben.

Herausragend choreografiert und getanzt ist das Pas de trois von Michal Sedlacek, Yuliya Gerbyna als Charlotte und Johan Plaitano als um die Liebe seiner Frau kämpfender Albert. Ralf Rossa durchbricht die ganz auf die drei Hauptpersonen ausgerichtete Form des Kammerballetts, indem er in zwei großen Party- und Festszenen (Hochzeit von Albert und Charlotte) vorführt, was Liebe und Partnerwahl heute bedeuten kann, wenn im immerwährenden Wechsel der Partner die Liebesbeziehungen oberflächlich werden. Die zeitgemäßen Kostüme von Mechthild Feuerstein unterstreichen in Farbe und Design die unterschiedlichen Charaktere der Gesellschaft. Die Tänzerinnen und Tänzer überzeugen sowohl durch ihre tänzerische Athletik als auch ihr differenzierte Ausstrahlung. Michal Sedlacek als Werther ist ununterbrochen auf der Bühne präsent. Sein Körper, die Gesten mit den Armen, die Bodenhaftigkeit in den oft akrobatischen Bewegungen, die gewagten Hebungen und Verschraubungen des Körpers im Pas de deux mit Yuliya Gerbyna strahlt diesen Werther bis zu seinem Entschluss „Aus Liebe sterben“ aus.

Die Staatskapelle Halle unter Michael Wendeberg war den Tänzerinnen und Tänzern ein zuverlässiger Partner und musizierte voller Hingabe. Der Abend verfehlte seine emotionale Wirkung nicht. Augenblicke des Schweigens und der Betroffenheit nach dem Todesfinale, bevor das Publikum enthusiastisch applaudierte.

Veröffentlicht am 24.04.2017, von Herbert Henning in Homepage, Kritiken 2016/17

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