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Paris

ZU EHREN EINER TANZLEGENDE

Gala zum hundertsten Geburtstag von Yvette Chauviré im Palais Garnier



Sie wäre am 22. April 2017 100 Jahre alt geworden: Yvette Chauviré, eine der glanzvollsten Ballerinen des 20. Jahrhunderts und Inbegriff der Eleganz und Grazie des französischen Stils, starb im Oktober letzten Jahres im Alter von 99 Jahren.


  • "Hommage Yvette Chauviré" in der Opéra Garnier in Paris am 22. April 2017 Foto © Sébastien Mathé/ Opéra National de Paris
  • "Der sterbende Schwan" von Yvette Chauviré; Dorothée Gilbert Foto © Sébastien Mathé/ Opéra National de Paris
  • "Hommage Yvette Chauviré" in der Opéra Garnier in Paris am 22. April 2017 Foto © Sébastien Mathé/ Opéra National de Paris
  • "Suite en Blanc" von Serge Lifar; Ludmilla Pagliero und Mathieu Ganio Foto © Sébastien Mathé/ Opéra National de Paris

Sie hat ihren hundertsten Geburtstag nur knapp verpasst: Yvette Chauviré, eine der glanzvollsten Ballerinen des 20. Jahrhunderts und Inbegriff der Eleganz und Grazie des französischen Stils, starb im Oktober letzten Jahres im Alter von 99 Jahren. Chauviré, eine Schülerin von Viktor Gsovsky und Boris Kniassef, wurde später eine der Musen von Serge Lifar, der für sie einige emblematische Rollen schuf. Neben ihrer Karriere an der Pariser Oper, die sie zeitweilig völlig verließ, gastierte sie sehr häufig in der ganzen Welt, schuf mehrere Choreografien und spielte in Filmen und Theaterstücken. Nach ihrer Tänzerkarriere wurde sie eine geschätzte Lehrerin und inspirierte eine Vielzahl jüngerer Etoiles, unter anderem Sylvie Guillem, Dominique Khalfouni, Monique Loudières, Isabelle Guérin und Elisabeth Maurin.

Wäre Chauviré noch am Leben gewesen, hätte die Gala der Pariser Oper anlässlich ihres hundertsten Geburtstags wahrscheinlich anders ausgesehen: so wirkte sie mit nur etwa einer halben Stunde Tanz ungewöhnlich karg. Man hätte sich einige zusätzliche Glanzstücke aus Chauvirés Karriere gewünscht, vor allem einen Ausschnitt aus „Giselle“, einem Ballett, mit dem sie oft identifiziert wurde, und „Istar“, ein äußerst selten aufgeführtes Stück, das Lifar für sie schuf und nach dessen Uraufführung im Jahr 1941 sie zur Etoile nominiert wurde. Programm, Orchester und Kompanie erweckten den Eindruck einer eilig zusammengestellten Gala mit geringer Probenzeit, so dass der Enthusiasmus für das große Erbe des französischen Tanzes, das Chauviré verkörperte, nicht so ganz aufkommen wollte.

Der getanzte Teil des Abends eröffnete mit dem für Chauviré geschaffenen „Grand Pas Classique“ mit Myriam Ould-Braham und Mathias Heymann. Der Pas de deux begann glänzend, und vor allem Heymanns Solo war ein Anthologiestück voller Leichtigkeit, Präzision und Musikalität, doch waren Ould-Brahams Variation und Coda sehr mühevoll. Darauf folgte ein kurzer Pas de deux aus „Les Mirages“ mit Amandine Albisson und Josua Hoffalt – hier hätte man gerne mehr gesehen, vor allem das berührende Solo des Schattens, das Lifar ebenfalls für Chauviré schuf.

Der zweite Teil begann mit einem Ausschnitt aus „Les deux pigeons“ von Albert Aveline und Christiane Vaussard, mit komplettem Bühnenbild und höchst engagierten jungen Tänzern der Ecole de danse. Jedoch fiel der Vorhang nach etwa zwei Minuten des Tanzes so schnell wieder, dass man sich fragte, ob es sich nicht um ein „mirage“ – eine optische Täuschung – handelte. Daraufhin folgte der „Sterbende Schwan“ mit Dorothée Gilbert, in Chauvirés eigener Fassung. Diese unterschied sich stilistisch von der vollendet lyrischen bekannten Version, unter anderem durch einige abrupte, geradezu expressionistische Gesten des Schmerzes und das Ende, in dem der Schwan sich auf die Seite legt. Auffallend waren zudem eine mit gebeugten Knien parallel auf Spitze stehende Pose und ein Port de bras, durch den der Schwan das Wasser von seinem Gefieder zu streichen scheint. Der getanzte Teil der Gala endete mit einem kurzen Ausschnitt aus Lifars „Suite en blanc“, bestehend aus einem eleganten Pas de deux von Ludmila Pagliero und dem dienstältesten Etoile Mathieu Ganio und dem „Flöten“-Solo, in dem die jüngste Etoile Léonore Baulac sich mutig mit dem Erbe früherer Tänzergenerationen auseinandersetzte.

Umrahmt wurde der Tanz vom Défilé aller Tänzer der Kompanie und Schüler der Ecole de Danse zu Beginn, und von einem Film mit interessanten Ausschnitten und Bildern aus Chauvirés Tänzerkarriere sowie Interviews mit der Ballerina zum Schluss. Das Défilé veranschaulichte den Wechsel der Generationen, der derzeit an der Pariser Oper stattfindet: es war zugleich das letzte Défilé einiger beliebter Interpreten wie Laetitia Pujol, Emmanuel Thibault und Jérémie Bélingard, und das erste Mal, dass drei junge Tänzer der Kompanie als Etoiles defilierten. Léonore Baulac, Germain Louvet und Hugo Marchand, die Benjamin Millepied entdeckte und förderte, wurden alle im Laufe der letzten Monate von der neuen Direktorin Aurélie Dupont in den höchsten Rang des Ensembles befördert. In sie setzt man die Hoffnung, dass sie den seelenvollen Tanz Chauvirés, den die Videoausschnitte des Endes dokumentierten, in die Zukunft tragen werden.

Besuchte Vorstellung: 22.4.17
www.operadeparis.fr

Veröffentlicht am 24.04.2017, von Julia Bührle in Homepage, Kritiken 2016/17

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Kommentare zu "Zu Ehren einer Tanzlegende"



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