HOMEPAGE



Wolfsburg

MÄRCHENHAFTE REISE IN EINE ANDERE DIMENSION

„La Fresque“ von Angelin Preljocaj zur Eröffnung der 15. Movimentos-Festwochen in Wolfsburg



In düster gehaltenen, magischen Szenenfolgen entwickelt Preljocaj die Geschichte von der Liebe des Mannes zu dem lebendig gewordenen Gegenstand seiner Begierde.


  • „La Fresque“ von Angelin Preljocaj Foto © Jean-Claude Carbonne
  • „La Fresque“ von Angelin Preljocaj Foto © Jean-Claude Carbonne
  • „La Fresque“ von Angelin Preljocaj Foto © Matthias Leitzke
  • „La Fresque“ von Angelin Preljocaj Foto © Matthias Leitzke
  • „La Fresque“ von Angelin Preljocaj Foto © Matthias Leitzke
  • „La Fresque“ von Angelin Preljocaj Foto © Matthias Leitzke

Handlungsballette sind eigentlich eher Sache des klassischen Tanzes. Doch der international gefragte französische Choreograf Angelin Preljocaj zeigt mit der Deutschlandpremiere seines 2016 entstanden Werkes „La Fresque“ (Das Fresko) im ehemaligen Kraftwerk der Autostadt in Wolfsburg, dass auch ein Vertreter der Avantgarde ein großer Geschichtenerzähler sein kann.

Die traditionelle chinesische Sage „Das Wandgemälde“ ist das literarische Vorbild für Preljocajs Stück über die Beziehung zwischen Realität und Illusion und die übernatürliche Kraft der Kunst. Der Beginn ist angemessen mystisch: Zu sphärischen Synthiepop-Klängen des Komponisten Nicolas Godin vom Duo „Air“ schleppen sich zwei Tänzer mühsam in einem Lichtstrahl diagonal über die Bühne, vor ihnen ein Gazevorhang, auf dem wolkengleich die Projektion eines Bündels Haare schwebt. Die erschöpften Reisenden finden Unterschlupf in einem Kloster. Dort befindet sich ein Wandgemälde mit fünf Frauen. Fasziniert von einer der jungen Schönen, durchbricht einer der Reisenden die Dimensionen, betritt das Bild und holt die Frauen in die scheinbare Realität.

In düster gehaltenen, magischen Szenenfolgen entwickelt Preljocaj die Geschichte von der Liebe des Mannes zu dem lebendig gewordenen Gegenstand seiner Begierde; seine Inszenierung wechselt dabei stets zwischen Traum und Wirklichkeit. Die faszinierenden Projektionen, die mal Sternenhimmel, Wolkengebilde und immer wieder wehende, wallende Haare darstellen, sind so effektvoll, dass sie gelegentlich sogar fast vom Tanz ablenken, statt ihn nur zu unterstreichen.

Dabei ist die Bewegungsvielfalt der Tanzsprache Preljocajs durchaus sehenswert; sie reicht von Elementen ritueller Tänze, Anlehnungen an das chinesische Schattentheater bis zu Ausdruckstanz und klassischem Ballett. Die Kompanie aus Aix-en-Provence, gekleidet in die wunderschönen Kostüme des tunesischen Modedesigners Azzedine Alaïa, setzt die choreografischen Vorgaben virtuos um. Bisweilen ist so viel Bewegung auf der Bühne, dass es den Anschein hat, als wirbelten viel mehr als nur die zehn tatsächlich vorhandenen Tänzer über den Boden.

Starke Symbolkraft hat das Thema Haare – nicht nur bei den Lichteffekten. Wild werfen die Frauen ihre Mähnen, als sie sich aus ihrer starren Bild-Existenz befreien. Zu einem Knoten bändigen sie die Haarmähne der Protagonistin, bevor diese ihren Liebhaber heiratet. Einmal hängen lange Lianen wie Haare vom Schnürboden und dienen den Tänzerinnen als Strapaten-Bänder, die sie wie Luftakrobaten zum Klettern und Schaukeln nutzen.

Sanft wird es in den zahlreichen Begegnungen des Liebespaares, die als Pas de deux – und das ist die einzige Schwäche des Stücks – in der ständigen Wiederholung der Bewegungen gelegentlich etwas zu langatmig sind. Und doch hält Preljocaj durch seine bildgewaltige Sprache den Spannungsbogen der Geschichte und bringt sie gekonnt zu Ende.

Am Schluss sitzt der Reisende mit seinem Freund vor dem Gemälde, die Frauen sind wieder bewegungslos. Doch seine schöne Auserwählte trägt nun die Haare zum Knoten gesteckt. Das Publikum im Kraftwerk hat eineinhalb Stunden fantasievolles modernes Ballett auf hohem Niveau gesehen und dankt mit enthusiastischem Beifall.

Dieser Text erschien in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung am 24.4.2017.

Veröffentlicht am 23.04.2017, von Kirsten Poetzke in Homepage, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 652 mal angesehen.



Kommentare zu "Märchenhafte Reise in eine andere Dimension"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    ERLEUCHTUNG IN DER MONDFÄHRE

    Angelin Preljocaj choreografiert ”Siddharta” an der Pariser Opéra

    Veröffentlicht am 24.03.2010, von Hartmut Regitz


    EIN FALL FÜR EXEGETEN

    Ballet Preljocaj mit „Und dann tausend Jahre Stille“ („Suivront mille ans de calme“) zu Gast in Ludwigsburg

    Veröffentlicht am 29.02.2012, von Leonore Welzin


    ROMEO UND JULIA IN DER MILITÄRDIKTATUR

    Angelin Preljocajs „Roméo & Juliette“ am Theater Basel

    Veröffentlicht am 23.04.2012, von Marlies Strech


    SINFONISCHE FANTASIEN

    Arthaus Musik legt Angelin Preljocajs „Siddharta“ für die Pariser Oper neu auf

    Es komme alles wieder, „was nicht bis zu Ende gelitten und gelöst ward“, heißt es in Hermann Hesses 1921 abgeschlossener Erzählung „Siddharta“. Erträumt hätte er sich sicher nicht, dass dieser Stoff auch die Tanzbühne erobern würde.

    Veröffentlicht am 09.11.2016, von Volkmar Draeger


     

    LEUTE AKTUELL


    DER BLICK ZURÜCK IST EIN ZEITGENÖSSISCHER

    Erstmals an einem Abend: Choreografien von Marianne Vogelsang und Dore Hoyer
    Veröffentlicht am 11.02.2018, von Boris Michael Gruhl


    TOM SCHILLING ZUM 90. GEBURTSTAG

    Plädoyer für den tanzenden Menschen
    Veröffentlicht am 19.01.2018, von Karin Schmidt-Feister


    ARBEITEN WIE EIN KRAFTWERK

    Goyo Montero im Gespräch
    Veröffentlicht am 01.12.2017, von Alexandra Karabelas



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    PLAN MEE: EAT THE FLOOR – A CONTEMPORARY CEREMONY

    Eva Borrmanns Choreografie feiert am 01.02.18 in der Tafelhalle Nürnberg Premiere.

    Auf der Suche nach einer neuen Körperlichkeit, ist es erlaubt, alle Sinne auszukosten.

    Veröffentlicht am 19.01.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    VIELSEITIGES KÖNNEN

    Das „Bottaini Merlo International Center of Arts“ in München zeigte seine jährliche Gala im KUBIZ Unterhaching
    Veröffentlicht am 22.01.2018, von Karl-Peter Fürst


    FREESTYLE HAPPENINGS

    Uraufführung von Jasmine Ellis „Empathy“ im Schwere Reiter in München
    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Vesna Mlakar

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    AUF HÖCHSTEM NIVEAU

    Der diesjährige Prix de Lausanne hatte mit vielen Glanzlichtern aufzuwarten

    Veröffentlicht am 12.02.2018, von Annette Bopp


    DER BLICK ZURÜCK IST EIN ZEITGENÖSSISCHER

    Erstmals an einem Abend: Choreografien von Marianne Vogelsang und Dore Hoyer

    Veröffentlicht am 11.02.2018, von Boris Michael Gruhl


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett

    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    DAS CRANKO-FEST GEHT WEITER

    „Romeo und Julia“ beim Cranko-Fest am Bayerischen Staatsballett

    Veröffentlicht am 14.02.2018, von Karl-Peter Fürst



    BEI UNS IM SHOP