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Ludwigshafen

SCHNELLER, HÖHER, WEITER

Gastspiel des „Houston Ballets“ im Ludwigshafener Pfalzbau



Beim Programm setzten die Gäste aus Texas auf ihren künstlerischen Leiter Stanton Welch, der mit „Tapestry“, „Maninyas“ und „Velocity“ zeigte, wie sich zeitgenössisches Ballett jenseits des großen Teichs entwickelt.


  • "Maninyas" von Stanton Welch Foto © Amitava Sarkar
  • "Tapestry" von Stanton Welch Foto © Amitava Sarkar
  • "Velocity" von Stanton Welch Foto © Amitava Sarkar

Es ist ein kulturhistorischer Treppenwitz, dass klassisches Ballett – einst unfreiwilliger Export in die USA – seit Jahrzehnten mit schöner Regelmäßigkeit von dort zurück nach Europa importiert wird. Denn die Verfechter des Spitzentanzes jenseits des Atlantiks verstehen sich inzwischen längst als legitime Erben jener Vorreiter der klassischen Tanzmoderne, ohne die die Ballettgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht mehr denkbar ist – wie George Balanchine oder Jerome Robbins.

Das 1969 gegründete „Houston Ballet“ ist eine der Kompanien, die sich auch in Europa längst einen Namen gemacht haben. So ist es kein Zufall, dass ihr Gastspiel in diesem Jahr den Zuschlag erhielt für den kleinen Luxus, den man sich in der Chemiestadt Ludwigshafen einmal pro Spielzeit leistet: Ein Tanzgastspiel wird von der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz live begleitet. Am Pult stand mit Simon Hewett, dem Ersten Dirigenten des Hamburger Balletts, ein ausgewiesener Tanzfachmann. Und weil das Programm einen musikalischen Schwerpunkt auf Solovioline setzte, war Sonja Schebeck als Solistin mit von der Partie.

Beim Programm setzten die Gäste aus Texas ausschließlich auf ihren künstlerischen Leiter Stanton Welch, der drei seiner rund halbstündigen Choreografien zusammengestellt hatte. Und so gab es gleich drei Antworten auf die Preisfrage: Wie entwickelt sich zeitgenössisches Ballett jenseits des großen Teiches? Um es gleich vorwegzunehmen: formstrenger und konventioneller als hierzulande, aber durchaus mit eigenen Akzenten.

Am wenigsten davon war im Eröffnungsstück „Tapestry“ (2012) zu sehen. Zu Mozarts ‚türkischem’ Violinkonzert Nr. 5 entfaltete sich ein opulenter orientalischer Reigen, der mit gespannten Schnüren im Hintergrund und aus Licht gewirktem Muster am Ende auf das Teppich-Thema anspielte. Freilich: Die gezeigten tänzerischen Muster in wechselnder, insgesamt großer Besetzung waren zwar höchst dekorativ und auf hohem Niveau ausgeführt, aber deren Verknüpfung blieb mehr Behauptung von Bühnenbild und Lichtdesign ohne zupackende choreografische Geste. Schön anzusehen und zu hören – aber nicht mehr.

Ganz anders im Mittelteil (und heimlichen Höhepunkt) des Abends „Maninyas“ (1996). Der Titel ist ein Kunstwort, das der Australier Ross Edwards für eines seiner Violinkonzerte erfunden hat – höchst melodisch und tänzerisch und mit apart wechselnder Stimmungsfärbung. Der in seinem Heimatland höchst populäre Komponist konnte auch das Pfalzbau-Publikum für sich einnehmen. Stanton Welch ist in der choreografischen Umsetzung ein kleines Meisterstück gelungen: fünf Tanzpaare in unterschiedlichen erotischen Spannungsfeldern. Hier konnte er zudem überzeugende Akzente in einer der Weiterentwicklungen des klassischen Bewegungsrepertoires setzen – ein rundherum gelungenes, heftig bejubeltes Stück.

Zuletzt gab es „Velocity“ zu einem musikalischen Arrangement vom Band (Michael Torke). Der Titel ist hier Programm: Mit leisem Augenzwinkern ließ Welch die Damen sozusagen ballettgemäß in Schwanensee-tauglichen Tutus auftreten, die Herren in engen schwarzen Trikots. Und dann gab es nicht mehr und nicht weniger als eine Feier der enormen technischen Fähigkeiten seiner TänzerInnen, immer nach dem Motto: ‚schneller, höher, weiter’ – ein Rausschmeißer par excellence.

Veröffentlicht am 09.04.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2016/17

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