HOMEPAGE



Mannheim

TANZENDE SCHATTEN, TANZENDE SCHUHE

Zum neuen Tanzabend „Gesicht der Nacht“ im Mannheimer Nationaltheater



Der Schuhdesigner Christian Louboutin machte mit roten Schuhsohlen weltweit von sich reden. Es könnte sein, dass für den choreografischen Senkrechtstarter Frank Fannar Pedersen ebenfalls Schuhsohlen zur Bekanntheit beitragen werden.


  • Zum neuen Tanzabend „Gesicht der Nacht“ im Mannheimer Nationaltheater: Stephan Thoss' "Nightbook" Foto © Christian Kleiner
  • Zum neuen Tanzabend „Gesicht der Nacht“ im Mannheimer Nationaltheater: Frank Fannar Pedersens "Var" Foto © Christian Kleiner

Der Schuhdesigner Christian Louboutin machte mit roten Schuhsohlen weltweit von sich reden. Es könnte sein, dass für den choreografischen Senkrechtstarter Frank Fannar Pedersen (Finnland) ebenfalls Schuhsohlen zur Bekanntheit beitragen werden, zumindest in der Tanz-Community. Der Choreograf lässt die Sohlen in seinem neuen, für den Mannheimer Ballettabend „Gesicht der Nacht“ kreierten Stück „Var“ geheimnisvoll leuchten und ein spektakuläres Eigenleben führen. Der Titel des 40-Minuten-Stücks für zehn TänzerInnen heißt übersetzt einfach „es war“ – und meint nicht mehr und nicht weniger als das Zusammenspiel von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.

Schwarze (Straßen-)Schuhe entdeckte der Choreograf als Symbole für unterschiedliche Wege, für individuelle Spuren auf der Straße des Lebens. Aber die Schuhe machen sich, wie nächtliche Fantasien, auf einmal selbständig. Und so marschieren anfangs zwei von innen beleuchtete Schuhe rückwärts über die schwarz ausgeschlagene Bühne, optische Anführer für die ganze Truppe. Die hat Pedersen hübsch unterschiedlich in schwarz-weiß-graue Kostüme gesteckt, mit gekonnten Anspielungen an zeitliche Zuordnung. Die Bewegungssprache, die der Finne kreiert hat, wirkt sehr natürlich und spielerisch – fast so, als würden große Kinder die Welt erobern. Die schwarzen Schuhe, die in einer spektakulären Szene zuhauf vom Bühnenhimmel herunterdonnern, beflügeln auf eindringliche Weise die Bewegungsfantasien. Am Ende, wie könnte es anders sein, führen die beiden leuchtenden Schuhe ein Paar aufs Schönste zusammen... Das Mannheimer Publikum reagierte mit Szenenapplaus und spitzen Jubelschreien.

Der neue Mannheimer Ballettchef Stephan Thoss hat in der letzten Saisonpremiere einmal mehr ein sehr gutes Händchen für die Auswahl von Gastchoreografen unter Beweis gestellt; Frank Fannar Pedersen ist ein ehemaliger Tänzer seiner früheren Wiesbadener Kompanie. Thoss selbst steuerte zum „Gesicht der Nacht“ sein Stück „Nightbook“ bei, das er für die fünzehnköpfige Kompanie neu einstudiert und erweitert hat. Wie üblich erzählt Thoss darin eine Geschichte, die freilich weitgehend ins Fantastische ausufert. Auf der Vorderbühne windet sich eine Schriftstellerin (Alexandra Chloe Samion) in Schaffensqualen, begleitet von ihrem Schatten (Tenald Zace) als gestaltgewordene kreative Kraft. Auf der Hinterbühne nehmen nächtliche Träume und Albträume vielfältige Gestalt an. Hier hat sich Stephan Thoss von René Magrittes lakonisch absurder Bilderwelt inspirieren lassen. Zum stilistisch vielfältigen, von abrupt wechselnden Stimmungslagen diktierten Musikmix (von Schostakovitsch über Einaudi bis James Brown) schickt der Choreograf die Ensemblemitglieder in rätselvolle kleine Szenen, die immer wieder überraschende Wendungen bieten. Das ist über weite Strecken spannend, aber auch anstrengend zu verfolgen und am Ende mit weit über einer Stunde Dauer zu lang.

Dennoch: Am Ende seiner ersten Spielzeit ist der neue Chef der Tanzsparte am Nationaltheater beim Mannheimer Publikum - dem der Abschied von Kevin O’Day und Domique Dumais deutlich schwer fiel - in jeder Hinsicht angekommen.

Veröffentlicht am 04.04.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Tanz im Text, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 633 mal angesehen.



Kommentare zu "Tanzende Schatten, tanzende Schuhe"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DIE JUNGEN MÄNNER, DIE ÄLTEREN DAMEN

    Zum neuen dreiteiligen Mannheimer Ballettabend „New Steps – Bolero“

    Der neue Ballettchef Thoss wählte seinen "Bolero" (1999) als „Rausschmeißer“ mit Erfolgsgarantie für einen dreiteiligen Ballettabend aus, bei dem er sich für die beiden ersten Teile zugunsten ehemaliger Ensemblemitglieder mutig aus dem Fenster lehnt.

    Veröffentlicht am 06.02.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


     

    LEUTE AKTUELL


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien
    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke


    EINE JUNGE KOMPANIE FÜR BERLIN

    Marion Heinrich im Gespräch mit den Intendanten des „Landesjugendballetts Berlin“
    Veröffentlicht am 31.03.2017, von Gastautor


    IN MEMORIAM 'OE'

    Pick erinnert sich zum 90. Geburtstag des Tanzkritikers Horst Koegler
    Veröffentlicht am 21.03.2017, von Günter Pick



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    "TANZ 24: TIMELESS" AM LUZERNER THEATER

    «A Picture of You Falling» von Crystal Pite sowie Uraufführungen von Bryan Arias und Po-Cheng Tsai

    Der dreiteilige Tanzabend «Timeless» vereint die Arbeiten zweier Nachwuchschoreographen mit der Neueinstudierung einer Arbeit von Crystal Pite . Bryan Arias und Po-Cheng Tsai stellen sich hingegen mit neu erarbeiteten Stücken vor.

    Veröffentlicht am 10.04.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    EIN GENIE DES BALLETTS WIRD TATSÄCHLICH SCHON 80 JAHRE ALT

    Pick bloggt zum 80. Geburtstag von Marcia Haydée

    Veröffentlicht am 12.04.2017, von Günter Pick


    FRÜHLINGSMATINEE VON BALLETTAKADEMIE UND JUNIOR COMPANY

    Im Rahmen der BallettFestwoche München zeigte auch der Nachwuchs sein Können

    Veröffentlicht am 13.04.2017, von Karl-Peter Fürst


    DAS LEBEN DURCHLEUCHTEN MIT BACH

    Jörg Weinöhl entwickelt in „Kontrapunkt. Auf der anderen Seite von Bach“ am Opernhaus Graz spezielle Tanzqualitäten

    Veröffentlicht am 09.04.2017, von Andrea Amort


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    FREIBEUTERROMANTIK UND ORIENTALISCHER ZAUBER

    „Le Corsaire“ von Gonzalo Galguera am Ballett Magdeburg

    Veröffentlicht am 07.04.2017, von Herbert Henning



    BEI UNS IM SHOP