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Gelsenkirchen

BRIDGET BREINER WAGT GROßES - UND GEWINNT

„The Vital Unrest“ beim Ballett im Revier



Immer ist der Bezug zur Musik spür- und sichtbar, nie reine Illustration - sehr lebendig, leidenschaftlich geradezu bei aller Disziplin und bewundernswerter Homogenität.


  • "The Vital Unrest" von Bridget Breiner; Carlos Contreras und Bridgett Zehr Foto © Costin Radu
  • "The Vital Unrest" von Bridget Breiner; Ledian Soto Foto © Costin Radu
  • "The Vital Unrest" von Bridget Breiner; Ledian Soto und Ensemble Foto © Costin Radu
  • "The Vital Unrest" von Bridget Breiner; Ensemble Foto © Costin Radu
  • "The Vital Unrest" von Bridget Breiner; Sara Zinna, Paul Calderone und Louiz Rodrigues Foto © Costin Radu

„Es gibt eine Vitalität, eine Lebenskraft, eine Energie, eine Beschleunigung, die von dir in Aktion umgesetzt wird“, zitiert Bridget Breiner die Modern Dance-Legende Martha Graham im Programmheft. Es sei „deine Aufgabe, deinen Ausdruck klar und direkt zu finden“, fordert Graham den Tanzenden auf. Breiner hat mit ihrer Truppe hart gearbeitet, um diesen individuellen, dynamischen Ausdruck umzusetzen zu zwei Sinfonien, die von der Neuen Philharmonie Westfalen mit Annette Reifig an der Orgel ebenso feinfühlig wie kraftvoll unter der Leitung vom 1. Kapellmeister Valtteri Rauhalammi gespielt werden.

Den jubelnden Applaus des Premierenpublikums nahmen die Künstler strahlend und mit offensichtlicher Erleichterung entgegen - wohl wissend, dass, so Graham, „Kein Künstler je zufrieden“ sei. Denn „es gibt keine Erfüllung oder Zufriedenheit... Es gibt nur eine verrückte göttliche Unzufriedenheit, eine selige Unruhe, die uns weiter voranschreiten und intensiver leben lässt als andere“. Diese Sätze könnten das Credo der Arbeit der Choreografin, Ballettdirektorin und begnadeten Tänzerin Breiner sein, betrachtet man ihre erstaunliche Entwicklung am Musiktheater im Revier.

Der erste Teil ist mit „There is a Vitality“ (Es gibt eine Lebenskraft) überschrieben, getanzt auf das fünf-sätzige sinfonische Auftragswerk „Response“ des zeitgenössischen Komponisten Georgs Pelēcis, der eine heutige Antwort auf Camille Saint-Saëns' mächtige „Orgel-Sinfonie“ Nr. 3 in zwei Sätzen von 1886 versucht. Formal lehnt sich der Lette deutlich an Saint-Saëns an, indem er zum Beispiel ebenfalls Klavier und Orgel einsetzt und sakrale, choralähnliche Melodien einflicht und Rhythmen zitiert. Aber insgesamt orientiert er sich fast kammermusikalisch an dem zarten Beginn für wenige Streicher und Oboe des spätromantischen Meisterwerks.

Den ersten Satz bestreitet Breiner auf der Bühne mit einem großen Solo, choreografiert von den vier Ensemblemitgliedern Hitomi Kuhara, Paul Calderone (noch Gast, demnächst regulärer Revier-Tänzer), Valentin Juteau und Louiz Rodrigues. Eckig und kantig ist die Tanzsprache, voller technischer Raffinesse und Tücken, die für die Ballerina keinerlei Hürden zu bieten scheinen. Mühelos, präzise und elegant füllt sie den Raum um eine sonnenbeschienene, golden schimmernde Säule, über die unablässig Wasser perlt. Die hochästhetische Ausstattung - im zweiten Teil mit immensen abstrakten Gemälden auf den Wänden - entwarf der französische Ex-Tänzer Jean-Marc Puissant, der auch Breiners „Schwanensee“ ausstattete.

War der Blick anfangs auf allerlei aufgetürmtes Gerümpel in den Seitengängen frei, fährt später eine schlichte blaue Wand herab und grenzt die Tanzfläche ab. Auf dem Rückprospekt ziehen weiße Wolkenfelder am blauen Himmel auf. Paare, Gruppen, Solisten wechseln, formen sich zu Diagonalen. Ein Tambourmajor (Ledian Soto), mit kühnem Schwung weiße Farbe über Wange und Brustkorb gemalt, schwingt seinen Stab, bis alle mit Husarenkappen hinter ihm her marschieren. Immer wieder deuten sich kleine Episoden an. Aber eine durchgehende Geschichte lässt sich nicht enträtseln. Ein schwieriger, zeitweise aber auch unterhaltsamer Auftakt.

Ganz anders der zweite Teil, betitelt „Blessed Unrest“ (Selige Unruhe). Rein neoklassisch choreografiert Breiner hier, knüpft zu Beginn an das Ende des ersten Teils an, indem wieder Tessa Vanheusden im neoklassischen Trikot in apart ineinander laufenden Farbtönen von dunkel bis hell in lang gehaltener Pose steht, bevor die anderen mit weiter Gestik und Sprüngen von großer Eleganz und Harmonie über die Bühne tanzen. Immer ist der Bezug zur Musik spür- und sichtbar, nie reine Illustration - sehr lebendig, leidenschaftlich geradezu bei aller Disziplin und bewundernswerter Homogenität.

Veröffentlicht am 26.03.2017, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2016/17

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