HOMEPAGE



München

IM INTERGALAKTISCHEN RAUM

Interaktive Tanz-Video-Trilogie: Angelika Meindl im Münchner Muffatwerk



Die Hyperraumsimulation „Gedankenwelt“ lässt einen so schnell nicht mehr los. Der erste Teil der Trilogie packt das Verhältnis von Mensch und Raum mit irdischen Mitteln an und nimmt dabei den größtmöglichen Blickwinkel ein.


  • Die Hyperraumsimulation „Gedankenwelt“ von Angelika Meindl im Münchner Muffatwerk Foto © Angelika Meindl
  • Die Hyperraumsimulation „Gedankenwelt“ von Angelika Meindl im Münchner Muffatwerk Foto © Angelika Meindl
  • Die Hyperraumsimulation „Gedankenwelt“ von Angelika Meindl im Münchner Muffatwerk Foto © Angelika Meindl
  • Die Hyperraumsimulation „Gedankenwelt“ von Angelika Meindl im Münchner Muffatwerk Foto © Angelika Meindl
  • Die Hyperraumsimulation „Gedankenwelt“ von Angelika Meindl im Münchner Muffatwerk Foto © Angelika Meindl

Der Mensch im Hyperraum – so wissenschaftliche Themen greift das Tanztheater selten auf. Dabei bedeuten universelle Ansätze noch lange nicht, dass die Details des menschlichen Daseins dabei ausgeblendet sein müssen. Im Gegenteil, vor einem übergroßen Hintergrund finden alltägliche Überlegungen ihr natürliches Format und Gewicht wieder. Dieser schöne Effekt zeigt sich in Angelika Meindls Hyperraumsimulation „Gedankenwelt“, die den ersten Teil einer Auseinandersetzung mit Tanz und Videokunst bildet. Wohlgemerkt der virtuellen Videokunst 4.0 mit ihren fortgeschrittenen technischen Möglichkeiten.

Die Zuschauer, auf Würfeln sitzend, sind der Mittelpunkt der konzentrisch aufgebauten Inszenierung. Um sie herum spielt sich auf vier transparenten Leinwänden der atemlose Lauf der Galaxien ab. Gitternetze fliegen auf sie zu, Wortmatritzen flimmern vorüber, aber auch Ansichten von neugeborenen Babys oder arbeitenden Menschen – Bilder wie aus einer Voyager-Sonde, die die Außerirdischen gerade entschlüsselt haben und jetzt ansehen.

Die von Thomas Mahnecke hierfür ausgesprochen sauber und kunstvoll gestalteten Videos sind eine Attraktion für sich. Sie entführen in ferne Welten, machen manchmal schwindlig und umkreisen das Publikum wie eine eigene Atmosphäre auf der Reise durchs Wurmloch. Doch die extraterrestrische Sicht auf das Wesen Mensch zahlt sich vollkommen aus, als Makoto Sakurai und Elodie Lavoignat auftreten, um der Sache Leben einzuhauchen. Die zwei Tänzerinnen in Weiß zelebrieren den Lauf auf alle Arten, schlagen mit den Beinen nach hinten und vorne aus, wirbeln in irren Vorwärtsbewegungen herum. Sie zeigen die Terraner als sich ständig selbst überfordernde Spezies, die doch gleichzeitig auch Anmut und Idealismus besitzt.

Mal sind die Tänzerinnen vor, mal hinter der Leinwand positioniert, mal mit Mustern bedeckt, mal befinden sie sich zwischen zwei Leinwänden, denn außerhalb der zentralen Quadratwand gibt es weitere Projektionsflächen. Es sind berührende Bilder, wenn Sakurai im Netz des Holodecks marschiert und sich plötzlich selbst davonläuft, immer im Viereck herum, so dass sie sich selbst überrundet und dabei jedes Mal vervielfältigt. Für einen kurzen Moment scheint einem hier einzuleuchten, wie Zeit funktioniert, eine geniale Illusion. Auch wie die Protagonistinnen sich gegenüberstellen und sich über die Wände gegenseitig eine blumenförmige Galaxie zuschieben ist berückend.

Das Spiel zwischen Tanz und Bildern wirkt über Strecken ziellos. Doch es sieht so fließend und kraftvoll aus, dass man grübelt, warum eigentlich so wenige Choreografen ihre Projektionen dreidimensional konzipieren. Die Technik ist da, und sie kostet heute viel weniger als vor zehn Jahren. Womöglich fehlt einerseits das choreografische Vertrauen in die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit CAD-Künstlern, andererseits aber auch der Mut von öffentlicher Stelle, so komplexe Aufführungsmethoden finanziell zu fördern. Bedauerlich, denn der Tanz hätte durch virtuelle Techniken eine Menge neue Möglichkeiten.

Bei Angelika Meindls „Gedankenwelt“ fehlt ein wenig der stringente Handlungsfaden. Das Stück endet nach 40 Minuten abrupt gerade dann, als die Zuschauer sich an eine Art schwebenden Zustand gewöhnt haben. Doch dafür lässt es einen auch nicht mehr los. Es packt das Verhältnis von Mensch und Raum mit irdischen Mitteln an und nimmt dabei den größtmöglichen Blickwinkel ein. Das ist erlaubt und wünschenswert im aktuellen Tanztheater, das viel zu oft ins Innere und Kleine führt. Warum sollte Tanz nicht in kosmischen Kategorien denken? Auf den zweiten Teil von Meindls Hyperraumsimulation darf man gespannt sein.

Veröffentlicht am 13.03.2017, von Isabel Winklbauer in Homepage, Gallery, Tanz im Text, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 321 mal angesehen.



Kommentare zu "Im intergalaktischen Raum"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    IN MEMORIAM 'OE'

    Pick erinnert sich zum 90. Geburtstag des Tanzkritikers Horst Koegler
    Veröffentlicht am 21.03.2017, von Günter Pick


    TREFFEN AUF MUNDHÖHE

    Zur Uraufführung „Bacon“ von Nanine Linning im Heidelberger Zwinger
    Veröffentlicht am 21.03.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WIRBELNDER FRÜHLING

    Die Compagnie Marie Chouinard eröffnet das diesjährige „Tanz Bremen“
    Veröffentlicht am 21.03.2017, von Martina Burandt



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ 23: KINDER DES OLYMP

    Tanzstück von Fernando Melo nach dem Filmklassiker "Les Enfants du Paradis", Uraufführung

    Basierend auf dem französischen Film "Les Enfants du Paradis" (1945) von Marcel Carné, kreiert der brasilianische Choreograph Fernando Melo eine neue tänzerische Sichtweise auf den französischen Filmklassiker "Kinder des Olymp".

    Veröffentlicht am 17.11.2016, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    IM HIER UND JETZT

    Die Staatliche Ballettschule Berlin begeistert mit „The Contemporaries, Volume 2“

    Veröffentlicht am 17.03.2017, von Volkmar Draeger


    JOHANNES ÖHMAN ÜBERNIMMT VORZEITIG INTENDANZ DES STAATSBALLETTS BERLIN

    Nacho Duato beendet sein Engagement am Staatsballett schon im Sommer diesen Jahres

    Veröffentlicht am 18.03.2017, von Pressetext


    RICARDO FERNANDO: VON HAGEN NACH AUGSBURG

    Marieluise Jeitschko sprach mit Ricardo Fernando über seine neue Wirkungsstätte

    Veröffentlicht am 19.03.2017, von Marieluise Jeitschko


    JONAH COOK ERHÄLT KONSTANZE VERNON PREIS

    Pick bloggt: Die Bosl Stiftung feiert die Grande Dame Konstanze Vernon mit dem Tanzpreis an Jonah Cook

    Veröffentlicht am 17.03.2017, von Günter Pick


    TRISHA BROWN GESTORBEN

    Trauer um Ikone des Postmodern Dance

    Veröffentlicht am 20.03.2017, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP