HOMEPAGE



Wien

WILLKOMMEN IN DER WELT DES POP!

Wiener "Imagetanz"-Festival: Mårten Spångberg mit "The Internet" im brut-Theater



Symbolisch erscheint das Internet durch das Verlinkungssymbol in einer überdimensionalen langen Kette am Bühnenrand. Alle möglichen Requisiten sammeln sich im Raum, so wie sich alles Mögliche im Internet anhäuft.


  • Wiener "Imagetanz"-Festival: Mårten Spångberg mit "The Internet" im brut-Theater Foto © Tani Simberg

Von Theresa Pointner

Das Publikum betritt den Raum, drei Tänzerinnen (Sandra Lolax, Rebecka Stillman und Hanna Strandberg) bewegen sich auf der Bühne, die sich auf dem selben Niveau wie der mit Decken und Sitzkissen ausgelegte Zuschauerraum befindet. An der Rückwand ist ein buntes, psychedelisch gemustertes Bühnenbild gespannt, von der Decke hängen Mobile – mit Weingläsern, aus Pizzaschachteln – und eine kleine Leinwand mit einer Projektion. Desperados-Bierflaschen liegen absichtlich unordentlich drapiert am Bühnenrand, Berge aus Kleidern, Schachteln, Einkaufstüten („Buy Goods, Not Bad“), Cola-Dosen und Chips stapeln sich. Der Raum ist in buntes, aber sanftes Licht getränkt. Der Moment wird begleitet von Rihannas Song "Stay", wovon eine instrumentale Sequenz im Dauerloop läuft, und womit Mårten Spångberg mit den stummen Lyrics die ZuschauerInnen auffordert: „I want you to stay“! Schnell wird klar: Willkommen in der Welt des Pop! Willkommen im Internet!

Der Choreograf und Theoretiker nimmt als Ausgangspunkt für seinen Performanceabend das Internet. Symbolisch erscheint es durch das Verlinkungssymbol in einer überdimensionalen langen Kette am Bühnenrand. Alle möglichen Requisiten sammeln sich im Raum, so wie sich alles Mögliche im Internet anhäuft – ungeordnet, unsortiert. Ebenso wie Musik auf YouTube und anderen Kanälen. Über Songs von Miley Cyrus, Jennifer Lopez oder Milky Chance wird von Spångberg selbst einfach gesungen, als eine Anspielung auf unzählige Coverversionen, die sich im Netz finden lassen. Gut muss das nicht unbedingt sein. Denn jede/r kann sie online stellen. Jede/r kann im Internet (fast) alles machen, wie das Publikum in der Performance. Rein- und rausgehen, schlafen, arbeiten, telefonieren oder plaudern. Letzteres machen schließlich auch die Performerinnen auf der Bühne. Dabei gibt es nicht den Anspruch, sie zu verstehen und ihnen zu folgen. Sie befinden sich im Private Chat, wobei man jedoch auch nie genau weiß, wer da aller mithört.

Der stärkste Bezug zum Internet stellt sich jedoch durch die Zeitlichkeit her. Alle Informationen sind endlos und ohne zeitliche Einschränkung rund um die Uhr zugänglich und verfügbar. Ebenso wie alles in Spångbergs vierstündigem "The Internet". In seinem Pop-Universum gibt es keinen Anfang und kein Ende, kein Gefühl von Zeit. Wie im Web produzieren die hervorragenden Performerinnen unablässig Content, an dem man sich zwischendurch auch satt sieht. Aber schließlich ist die Ice Bucket Challenge Nummer 300 auch nicht mehr spannend. In Loops und Wiederholungen, sowohl in der Musik als auch in den (langsamen) Bewegungssequenzen, gibt es keine Höhepunkte, keine dramatischen Gesten, keine großen Emotionen. Die braucht aber auch keiner – das haben wir doch alle schon gesehen. Keine Phrase gleicht der anderen, weil sie es auch nicht können. Mit Tanz und Performance wird kein fertiges Produkt geschaffen, nichts ist je abgeschlossen. Was der Choreograf auch sehr deutlich macht. In einem Moment finden sich die Tänzerinnen am Boden ein und beginnen zu schnitzen. Womit die immaterielle Arbeit, die immaterielle Kunst der materiellen, dem Kunsthandwerk gegenüber gestellt wird. Das Stück nähert sich dem postfordistischen Arbeitsmodell: Teamwork, De-Hierarchisierung, Flexibilität und die verschobene Grenze hin zum Privaten.

Im Kontext von "Imagetanz" fügt sich der Abend gelungen ins Programm ein. Das Festival verschreibt sich dem „Neuen aus Choreografie“ und wirft gleichzeitig einen Blick in die Vergangenheit, wie etwa am Eröffnungsabend mit "The Inheritance". Mit der Einladung von "The Internet" macht der Kurator Jacopo Lanteri das Im Moment- oder In der Gegenwart-Sein dem Publikum erlebbar. Alles auf der Bühne geschieht im Hier und Jetzt – einfach so, cool, unaufgeregt und unspektakulär. Es gibt keine fulminante Storyline, keine offensive Kritik an Systemen, keine sentimentale Rückschau, keine utopische Zukunftsvision.

Mårten Spångberg zeigt mit "The Internet" eine außergewöhnliche Performance mit, wenn man will, einem hoch komplexen theoretischen Konzept gehüllt in jede Menge Popmusik, –requisiten und –referenzen. Und zugleich einen Abend, den man genießen und lieben kann. Dennoch hallt im Hinterkopf die Frage nach, ob man vieles davon, vor allem in Betracht auf die Ästhetik und das Bewegungsvokabular, nicht schon 2016 in seinem Stück "La Substance, but in English" bei "ImPulsTanz" gesehen hat?

Dieser Artikel erscheint auch auf tanzschrift.at.

Veröffentlicht am 13.03.2017, von Gastautor in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 922 mal angesehen.



Kommentare zu "Willkommen in der Welt des Pop!"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    EIN BLICK ÜBER DEN OZEAN

    Die New Yorker Tanzszene

    Postmodern Dance, Broadway und New York City Ballet – kaum ein Tänzer, kaum eine Tänzerin träumt nicht von New York – der Wiege verschiedenster Tanzsparten seit der Mitte des 20. Jahrhunderts.

    Veröffentlicht am 30.04.2013, von Miriam Althammer


     

    LEUTE AKTUELL


    "TANZ DER MENSCHLICHKEIT"

    Nestroy Spezialpreis für Doris Uhlich und Michael Turinsky mit "Ravemachine"
    Veröffentlicht am 17.11.2017, von Pressetext


    JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

    Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern
    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext


    ED WUBBE BEKOMMT DEN "GOLDEN SWAN"

    Der künstlerische Leiter des Scapino Ballet wurde mit dem niederländischen Tanzpreis ausgezeichnet
    Veröffentlicht am 17.10.2017, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    YOU WILL BE REMOVED

    Ein Tanztheater von Johannes Wieland - Wiederaufnahme am 10. Oktober 2017 am Staatstheater Kassel

    In „you will be removed“ beschäftigt sich Tanzdirektor des Staatstheaters Kassel Johannes Wieland mit dem Thema der Flucht – in all seinen Facetten und Erscheinungen und den Folgen...

    Veröffentlicht am 05.09.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    TOD – DER LIEBE BRUDER

    Zum neuen Tanzstück „Der Tod und das Mädchen“ von Stephan Thoss in Mannheim

    Veröffentlicht am 18.11.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    TANZTHEATERERLEBNIS FÜR DIE KLEINSTEN

    „Der Elefant aus dem Ei“ von Ceren Oran

    Veröffentlicht am 18.11.2017, von tanznetz.de Redaktion


    NUR AM RANDE KAFKAESK

    Mauro de Candias „Home, Sweet Home” am Theater Osnabrück

    Veröffentlicht am 20.11.2017, von Marieluise Jeitschko


    "TANZ DER MENSCHLICHKEIT"

    Nestroy Spezialpreis für Doris Uhlich und Michael Turinsky mit "Ravemachine"

    Veröffentlicht am 17.11.2017, von Pressetext


    OLDENBURG LÄSST DIE PUPPEN TANZEN

    „Drei Generationen“ bei der BallettCompagnie Oldenburg

    Veröffentlicht am 16.11.2017, von Martina Burandt



    BEI UNS IM SHOP