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Hamburg

WEITERTANZEN – JA, BITTE!

Das Projekt DANCE ON für TänzerInnen über 40 mit „Triple Bill“ auf Kampnagel



Auf das zwei Quadratmeter-Stück Forsythes und drei Soli aus „7 Dialogues“ zu Klaviermusik von Matteo Fargion folgt als dritter Teil des Abends eine Uraufführung: „Man Made“ in der Choreografie von Jan Martens mit dem gesamten Ensemble.


  • "Man Made": Das Projekt DANCE ON für TänzerInnen über 40 mit „Triple Bill“ auf Kampnagel Foto © Dorothea Tuch
  • "Man Made": Das Projekt DANCE ON für TänzerInnen über 40 mit „Triple Bill“ auf Kampnagel Foto © Dorothea Tuch
  • "Catalogue": Das Projekt DANCE ON für TänzerInnen über 40 mit „Triple Bill“ auf Kampnagel Foto © Dorothea Tuch
  • "Catalogue": Das Projekt DANCE ON für TänzerInnen über 40 mit „Triple Bill“ auf Kampnagel Foto © Dorothea Tuch
  • "Dialogues": Das Projekt DANCE ON für TänzerInnen über 40 mit „Triple Bill“ auf Kampnagel Foto © Dorothea Tuch
  • "Dialogues": Das Projekt DANCE ON für TänzerInnen über 40 mit „Triple Bill“ auf Kampnagel Foto © Dorothea Tuch

Spätestens seit das Nederlands Dans Theater III 2006 aus finanziellen Gründen aufgelöst wurde, wünscht man sich ein Ensemble für Tänzerinnen und Tänzer über 40. Wie schön also, dass sich inzwischen auf Initiative von Madeline Ritter von Diehl+Ritter und gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, „Dance On“ gegründet hat, in Berlin ansässig, aber weltweit tourend.

Künstlerischer Leiter ist der langjährige Forsythe-Tänzer Christopher Roman. Neben ihm sind weitere Mitglieder des Ensembles Brit Rodemund (früher Deutsche Staatsoper Berlin, Aalto Ballett Essen, Ballett Nürnberg, Tänzerin des Jahres der Zeitschrift „tanz“ 2011), Ty Boomershine (früher Lucinda Childs Dance Company, Merce Cunningham Repertory Ensemble, Dance Works Rotterdam u.a.), Joner San Martin (früher u.a. Compania Nacional de Danza Madrid, Ulmer Theater, Ballett Frankfurt und Forsythe Company), Amancio Gonzalez (früher u.a. Jeune Ballet International de Cannes, Scottish Ballet Glasgow, NAPAC Dance Company Durban, Rotterdamse Dansgroep, Ballett Frankfurt und Forsythe Company).

Am 11. Und 12. März gastierte „Dance On“ jetzt mit einem dreiteiligen Abend „Triple Bill“ auf Kampnagel. „Catalogue (First Edition)“ ist ein wunderbar auf die Personen abgestimmtes halbstündiges Kammerstück von William Forsythe für eine Tänzerin und einen Tänzer, das ganz ohne Musik auskommt und nur von der Präsenz und Gestik vor allem der Arme lebt. Nach einer Viertelstunde am Platz gibt es erst den ersten Richtungswechsel, nach 20 Minuten bewegen die beiden sich zum ersten Mal vom Platz, aber auch das nur äußerst sparsam. „Catalogue (First Edition)“ ist ein Stück, dass auf kleinstem Raum gezeigt werden kann – mehr als zwei Quadratmeter braucht es dafür nicht. Brit Rodemund und Christopher Roman füllen von diesem kleinen Stück Bühne den ganzen Raum. Was so einfach und wie aus dem Moment heraus entstanden aussieht, ist bis in die Fingerspitzen durchkomponiert und erfordert rund 30 Minuten lang höchste Konzentration und Spannung. Grandios!

Nicht minder begeisternd dann drei Soli aus „7 Dialogues“ zu Klaviermusik von Matteo Fargion (der selbst am Flügel saß). Amancio Gonzales im schwarzen Ganzkörper-Body liefert eine hinreißend komisch-gekonnte Nummer mit einem Mikrophon samt Ständer mit Einlagen auf Englisch, Deutsch, Italienisch und Japanisch, Brit Rodemund ein höchst dynamisches, kräftezehrendes androgynes Solo in Weste und Anzughose. Der Clou aber ist hier Christopher Roman und seine atemberaubend gekonnte Parodie auf eine weinerliche Schwuchtel mit blonder Perücke, knallroten Lippen und rot gepunktetem Slip, die er vorwiegend auf halber Spitze absolviert.

Teil drei dann eine Uraufführung: „Man Made“ in der Choreografie von Jan Martens mit dem gesamten DANCE ON-Ensemble. Auch hier kommt der Tanz anfangs ganz ohne Musik aus, zu hören sind nur die rhythmischen Fußbewegungen der TänzerInnen. Jede/r gestaltet hier seinen eigenen Part, immer wieder entstehen neue, individuelle Muster, bis diese sich unmerklich in Synchronität auflösen und alle gemeinsam das gleiche machen, um schon unmittelbar danach wieder in der Vereinzelung zu landen. Irgendwann setzt von Ferne ein Pochen ein, schwillt immer mehr an, vermischt sich mit anderen Sounds (Sound: Mattef Kuhlmey). Parallel mit der auf- und abschwellenden Lichtintensität (Lichtdesign: Dominique Pollet) und der Dynamik der Bewegungen der in schlichte schwarze Trikots gekleideten TänzerInnen (Kostüme: Sophia Piepenbrock-Saltz) entsteht ein soghaftes Ganzes, das sich immer mehr vermischt und verwebt. Bis das Crescendo schließlich im Fortissimo mündet und die Musik jäh abbricht, während die Tänzer noch weiter unisono agieren, bis auch ihre Bewegung erstarrt und erstirbt.

Einmal mehr zeigt sich hier: Gerade TänzerInnen über 40 bringen genau das Maß an Intensität und Souveränität auf die Bühne, das man sich für jede Vorstellung wünscht. Auch an Technik und Beweglichkeit straften allesamt ihr Alter Lügen. Bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass es dieses Ensemble noch lange gibt und dass es womöglich auch noch größer wird.

Veröffentlicht am 13.03.2017, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

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