HOMEPAGE



Bremen

AUS DEN FUGEN

„Out of Joint“ von steptext dance project & Vuyani Dance Theatre in Bremen



Angelehnt an Shakespeares „Die Zeit ist aus den Fugen(...)“ setzten sich Helge Letonja aus Bremen und Gregory Maqoma aus Johannesburg ein Thema, das in Bezug auf die politischen Umbrüche in der Welt immer aktueller zu werden scheint.


  • „Out of Joint“ von steptext dance project & Vuyani Dance Theatre in Bremen Foto © Marianne Menke
  • „Out of Joint“ von steptext dance project & Vuyani Dance Theatre in Bremen Foto © Marianne Menke

Angelehnt an Shakespeares „Die Zeit ist aus den Fugen(...)“ setzten sich Helge Letonja aus Bremen und Gregory Maqoma aus Johannesburg ein Thema, das in Bezug auf die politischen Umbrüche in der Welt immer aktueller zu werden scheint. Das Resultat der gemeinsamen Arbeit der beiden Tänzer und Choreografen ist eine getanzte transkulturelle Konfrontation, die provoziert, anregt und Spaß macht.

Seit Gregory Maqomas Gastspiel “Blind“ bei dem 2014 stattgefundenen Festival „Africations“ sind Helge Letonja (steptext dance project / Bremen) und Gregory Maqoma (Vuyani Dance Theatre / Johannesburg) im künstlerischen Austausch. „Out of Joint“ ist ihre erste Zusammenarbeit, bei der sie auch ihre Ensembles zusammenführen. Ihr gemeinsames Thema - die derzeitige gesellschaftliche Stimmungslage zwischen aufstrebendem Populismus, Extremismus und einem immer haltloserem Kapitalismus, begleitet von wachsenden Ängsten – gibt den gedanklichen Hintergrund für einen abwechslungsreichen Tanzabend.

Letonja und Maqoma interessiert, wie die aufgewühlten Machtverhältnisse und die damit einhergehenden Ausgrenzungen die Gesellschaft aufsplittet und wohin dadurch das einzelne Individuum treiben kann. Um diesen Fragen nachzugehen, arbeiteten sie zunächst getrennt. Helge Letonja probte mit drei TänzerInnen vom Vuyani Dance Theatre im südafrikanischen Johannesburg während Gregory Maqoma in Bremen mit drei TänzerInnen der steptext dance Kompanie arbeitete. Erst in der letzten Probenphase kamen alle Beteiligten in Bremen zusammen, um die unterschiedlichen Arbeitsergebnisse miteinander zu verzahnen.

Das große helle Netz an der dunklen Bühnenrückwand ist ein passendes Bild für diesen Prozess sowie für das Thema. Wie ein riesiges Spinnengewebe wirkt das Bühnenbild, vor dem die vier Tänzer und zwei Tänzerinnen sich auf unterschiedliche Weise zurufen: „If you poison me, I will die! If I kiss you... If you touch me...“ Was wäre wenn? In vielen unterschiedlichen Bewegungsmustern tanzen sie wie kleine Einzeluniversen über die Bühne und sind schon bald wieder verschwunden.

Ein einzelner Tänzer erscheint. Überdreht kokettiert er mit dem Publikum und seiner Geschlechtszugehörigkeit, während er sich im schnellen Wechsel eine Perücke aufsetzt und abnimmt und wieder aufsetzt, bevor er wie ein Nummerngirl verschwindet. Musik und Geräusche setzen ein. Serge Weber schuf eine Klangwelt aus Musikfetzen, Kinderstimmen, Kriegslärm, Nachrichten und Werbung, zu der nun das Ensemble wie ein großes lavaartiges Gebilde durch den Raum pulsiert. Ein Mann und eine Frau zeigen auf phantastische Weise wie aus einem Zittern ein Duett entsteht, das einem verrückten Marionettentanz gleicht. Zwei Tänzer reißen sich beinahe artistisch-skurril um eine endlos quasselnde Braut.

In all diesen und weiteren wunderbaren Bildern wechselt die Dynamik wie auch die Stimmung in den Solos, Duos und Gruppenchoreografien von kraftvoll-expressiv und rhythmisch über nachdenklich, traumhaft, verzweifelt oder komisch bis hin zu unheimlich, fremd, surreal oder erotisch. Dabei werden innerhalb der tänzerischen Formen und Ausdrucksweisen Grenzen ausgelotet und so wird der Tanz in Facetten, Räumen und Formen außerhalb üblicher Sehgewohnheiten erlebbar; und das alles auf hohem Niveau.

„Out of Joint“ zeigt auf erfrischend abwechslungsreiche Weise die Freude am Tanz sowie die Risikobereitschaft, sich auf neue Menschen und Situationen einzulassen. Dieses Stück beschwingt und provoziert!

Veröffentlicht am 06.03.2017, von Martina Burandt in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 1070 mal angesehen.



Kommentare zu "Aus den Fugen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    AM ANFANG WAR DAS RENNEN

    Solo für Günther Grollitsch

    Veröffentlicht am 09.03.2010, von Gastautor


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    BEWEGUNGS-FREIHEITEN

    Boris Charmatz: „A dancer's day“ auf Tempelhofer Flughafen im Hangar 5
    Veröffentlicht am 18.09.2017, von Miriam Althammer


    BESCHWINGT UND HEITER – VOM FEINSTEN

    Eine glanzvolle Wiederaufnahme von „Chopin Dances“ mit zwei Choreografien von Jerome Robbins anlässlich dessen 100. Geburtstags beim Hamburg Ballett
    Veröffentlicht am 20.09.2017, von Annette Bopp


    GANZ OHNE GEWINNER UND VERLIERER

    „Infinite Games“ von Jonas Frey und Joseph Simon in der Hebelhalle in Heidelberg
    Veröffentlicht am 18.09.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    THEATER DER KLÄNGE - BAUHAUS BALLETTE

    Das mechanische Ballett & TRIAS – Das triadische Ballett

    Erstaufführung als Doppelprogramm im Capitol Theater Düsseldorfer 12. bis 15. Oktober 2017 in Düsseldorf

    Veröffentlicht am 31.08.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DEUTSCHLAND BLEIBT TANZLAND

    Das Spielzeitheft Nr. 4 ist da!

    Veröffentlicht am 30.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


    BEWEGUNGS-FREIHEITEN

    Boris Charmatz: „A dancer's day“ auf Tempelhofer Flughafen im Hangar 5

    Veröffentlicht am 18.09.2017, von Miriam Althammer


    MIKHAIL BARYSHNIKOV ERHÄLT DEN PREMIUM IMPERIALE INTERNATIONAL ARTS AWARD

    Am 18. Oktober wird der amerikanische Tänzer und Choreograf für sein Lebenswerk ausgezeichnet

    Veröffentlicht am 16.09.2017, von tanznetz.de Redaktion


    BESCHWINGT UND HEITER – VOM FEINSTEN

    Eine glanzvolle Wiederaufnahme von „Chopin Dances“ mit zwei Choreografien von Jerome Robbins anlässlich dessen 100. Geburtstags beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 20.09.2017, von Annette Bopp


    DAS LEISE AUSATMEN DER HÄNDE

    In Dresden geht die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tanzerbe Mary Wigmans weiter

    Veröffentlicht am 14.09.2017, von Rico Stehfest



    BEI UNS IM SHOP