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Gießen

„TITUS ANDRONICUS – EIN MACHTSPIEL“

Tarek Assams neue Choreografie erlebt ihre Uraufführung am Stadttheater Gießen



Inspiriert von William Shakespeares früher Tragödie schafft Tarek Assam ein Gesamtkunstwerk über alles zerstörende Gewalt.


  • "Titus Andronicus - Ein Machtspiel" von Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst
  • "Titus Andronicus - Ein Machtspiel" von Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst
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  • "Titus Andronicus - Ein Machtspiel" von Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst
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  • "Titus Andronicus - Ein Machtspiel" von Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst

„Titus Andronicus“ ist die früheste Tragödie von Shakespeare. Von den Zeitgenossen geliebt, bald in Vergessenheit geraten und von der Literaturwissenschaft geächtet. Alles aus demselben Grund: zu viel Grausamkeiten. Und dennoch hat der Gießener Ballettdirektor Tarek Assam diese Tragödie als Inspiration für sein neues Tanzstück genommen. „Es ist leider sehr heutig,“ erklärte er vorab, „wenn man nur mal drei Abende lang die Nachrichten und Filme daraufhin ansieht. Wir sind an sehr viel Gewalt gewöhnt. Zumindest beim Schauen.“ Die Umsetzung kommt einem Gesamtkunstwerk gleich und feierte am Samstagabend im Stadttheater Gießen umjubelte Premiere.

Die fiktive Geschichte: Titus ist ein römischer Feldherr, der siegreich mit gefangenen Goten heimkehrt, von denen einer als Opfer für die Götter getötet wird. Die ihm angetragene Kaiserwürde gibt er an einen Jüngeren, an Saturnius, der sich jedoch als unfähig erweist. Die gefangene Gotenkönigin Tamora ist schön und verführerisch, sie schafft es, den jungen Kaiser zu ehelichen. Zusammen mit ihrem heimlichen Geliebten Aaron, ebenfalls gotischer Gefangener, intrigiert sie weiter. Sie beauftragen Tamoras Söhne, Lavinia, die Tochter von Titus, aus Rache zu vergewaltigen. Die Täter schneiden ihr danach Zunge und Hände ab, in der irrigen Annahme so nicht verraten werden zu können. Als Titus davon erfährt, brennen bei ihm alle Sicherungen durch, er wendet Kriegsrecht im Zivilleben an und startet eine Tötungsorgie. Am Ende bleibt keiner der Beteiligten am Leben, auch Titus nicht. Eine Lichtgestalt taucht auf und soll den Staat neu ordnen. Die immerwährende Hoffnung auf einen Retter. Auch das erscheint sehr heutig.

Alle Zutaten von Shakespeares blutrünstigen Tragödien sind schon dabei, nur eine fehlt: die Selbstreflexion der Akteure. Daher wird in diesem Stück eigentlich nur eine Figur zum Individuum und emotional spürbar, das Opfer der Schändung. Lavinia wird in Assams Choreografie dargestellt von der zierlichen Caitlin-Rae Crook. Sie ist die einzige Tänzerin im Kleidchen, ihre blonden Zöpfe heben sich von den Frisuren der anderen deutlich ab. Vor allem die Szene nach ihrer Verstümmelung geht ans Gefühl, wenn der Sound ein stimmliches Gurgeln vorgibt und sie vor dem Mikrofon stehend versucht zu reden. Mit den angedeuteten Armstümpfen ist sie die Verletzlichkeit in Person.

Assam hat wieder ein besonderes Künstlerteam dazu gebeten. Für Bühnenbildner Fred Pommerehn und Kostümbildnerin Gabriele Kortmann, beide aus Berlin, ist es die neunte Zusammenarbeit mit der Tanzcompagnie Gießen (TCG). Erstmals dabei ist das musikalische Kollektiv 48nord aus München, das für das Philharmonischen Orchester Gießen eine Komposition geschrieben hat. Darin wird ihr typischer Noise-Avantgarde-Sound gewahrt, obwohl es zu Einspielungen elektronischer Aufnahmen von 48nord von einem Orchester live gespielt wird. Das hochkomplexe Arrangement erarbeitete Martin Spahr, zweiter Dirigent am Stadttheater Gießen.

Bühnenbildner Pommerehn legt seiner Kreation die Idee einer Überflussgesellschaft zugrunde: ein Riesenmobile hängt silbrig glänzend aus dem Bühnenhimmel. Er hat dafür Schrottplätze abgesucht und von Konservendosen bis Waschmaschinentrommeln alles Mögliche zusammengetragen und aneinandergefügt. Eine variable Schrägebene wird zum Riesenspiegel oder zur Zwischenebene, alles wunderbar für den Verlauf des Tanztheaters genutzt. Kostümbildnerin Kortmann hat sich für heutige Kleidung entschieden, das reicht von coolen Urban Style bis zum sexy Leder-Outfit mit Strapsen (Tamora). Schwarz ist die Hauptfarbe, mit kleinen violetten Accessoires, die eine historische Anmutung transportieren. Wenn es rot leuchtet, dann ist Blut gemeint. Ebenso beim Slip der vergewaltigten Lavinia wie bei den zu Fleischpastete verarbeiteten Vergewaltigern, die von der dekadenten Tischgesellschaft genüsslich verspeist wird. Auch hier bewegt sich das Ganze in Andeutungen und symbolischen Elementen.

Die Atmosphäre dieses Tanzstücks wird geprägt von der Musik, die Elektronik-Sound, E-Gitarre, Alltagsgeräusche und Orchesterinstrumente zusammenbringt, die rockige Einlagen mit elisabethanischen Melodien verbindet, Unheil in bester Kinofilmtradition durch Dissonanzen ankündigt und dann noch einen lyrischen Countertenor einbezieht. Wenn diese engelsgleiche Stimme anhebt, dann kann man sicher sein, dass gerade wieder Schreckliches passiert. Die Gegenläufigkeit von Musik und Text ist gewollt, es soll Reibungsfläche entstehen, so die Macher. Aber es ermöglicht den Zuschauenden vor allem die innere Distanz aufrecht zu halten und nicht im Entsetzen unterzugehen.
Der junge Countertenor Zvi Emanuel-Marial aus Berlin ist auf verblüffende Weise in die Tanzcompagnie integriert. Als Aaron zählt er zu den gotischen Gefangenen und ist Geliebter der Tamora. Er wird bei Shakespeare zum großen Intriganten. In der Gießener Version hebt er sich tanztheatralisch nicht nur mit seiner großen Gestalt, sondern auch durch seinen Bewegungsstil ab. Er umfährt die Gruppe auf einem hover-board, er tanzt bei der arrangierten Hochzeit vor Freude im ganz eigenen free style.

Sven Krautwurst als Titus Andronicus ist über das ganze Stück präsent, seine tänzerisch anspruchsvolle Rolle beginnt als General in Uniform, der den neuen Staat zu ordnen versucht, er macht bei der Hochzeit im Anzug noch gute Miene zum bösen Spiel, flippt als Vater einer geschändeten Tochter aus, wird zum Schlächter und Massenmörder. Magdalena Stoyanova kann als Tamora einmal wieder die dunkle Heldin mit Sex-Appeal geben, kontrastiert von Caitlin-Rae Crook als blonde Unschuld Lavinia. Glaubwürdig in ihren Rollen sind Iacopo Loliva als sich selbst überschätzender Macho Saturnius und Douglas Evangelista als Lavinias geliebter Bassanius, der sie nicht beschützen kann. Yusuke Inoue und Lorenzo Rispolano müssen sich als Tamoras Söhne dem Auftrag der Vergewaltigung stellen. Das Heer der Römer und Goten agiert in coolen Posen und tanzt in Street Gang ähnelnden Einlagen: Maria Adriana Dornio, Agnieszka Jachym, Lara Kleinrensink, Mamiko Sakurai, Clara Thierry, Skip Willcox, Marcel Casablanca Martínez. Eine großartige Gesamtleistung.

Weitere Vorstellungen: 24. Februar, 30. März, 13. April, 14. Mai, 4. Juni 2017, jeweils 19.30 Uhr, am 28. Mai 2017 um 15.00 Uhr.

www.stadttheater-giessen.de
www.tanzcompagnie.de

Veröffentlicht am 19.02.2017, von Dagmar Klein in Homepage, Kritiken 2016/17

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Kommentare zu "„Titus Andronicus – Ein Machtspiel“ "



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