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Cottbus

WEDER GETANZTE BIOGRAFIE NOCH BEWEGTE BILDERSCHAU

„Picasso!“ von Lode Devos beeindruckt am Staatstheater Cottbus



Die TänzerInnen beeindrucken in den von Lode Devos geschaffenen Bildern, die allein durch die Kraft ihrer tänzerischen und körperlichen Präsenz den Aufstand wagen.


  • "Picasso!" von Lode Devos Foto © Marlies Kross
  • "Picasso!" von Lode Devos Foto © Marlies Kross
  • "Picasso!" von Lode Devos Foto © Marlies Kross
  • "Picasso!" von Lode Devos Foto © Marlies Kross
  • "Picasso!" von Lode Devos Foto © Marlies Kross
  • "Picasso!" von Lode Devos Foto © Marlies Kross

Es hätte ja nahegelegen, Stationen aus dem bewegten Leben des Malers Pablo Picasso in Bildern des Tanztheaters auf die Bühne zu bringen. Nicht zuletzt das Liebesleben gäbe etliche Anlässe für die Vielfältigkeit der Formen des Tanzes. Ebenso nahe hätte es gelegen, die ohnehin mitunter schon sehr dynamisch gestalteten Menschen und Figuren seiner Bilder in tänzerische Bewegungen zu bringen. Beides bewegte den Belgischen Choreografen Lode Devos bei seiner zweiten Arbeit für das Ballett des Staatstheaters Cottbus nicht. Er kreierte einen Abend in zwei Teilen, die zunächst erscheinen als könnten sie unterschiedlicher kaum sein, um sich am Ende doch in sensiblen Korrespondenzen aufeinander zu beziehen.

Zunächst, im ersten Teil, zu Musik von John Tavener, Philip Glass, Ralph Vaughan Williams, Gerhard Stäbler, John Cage und Pierre Boulez, spürt der Choreograf mit der Vielfalt tänzerischer Möglichkeiten den Versuchen des Künstlers nach, seinen Weg in die Freiheit des Ausdrucks zu finden. Mit den Kostümen von Anne-Frédérique Hoingne werden von Farben grundierte Schaffensphasen angedeutet. So bilden die blaue und die grüne Phase, sowie der Kubismus als Wendepunkt in der Entwicklung des Künstlers, der von 1881 bis 1973 lebte, Anregungen für den Choreografen mit den Formen des Tanzes und der Musik etwas davon zu vermitteln, was sich für ihn zu Formen der Bewegung fügt, die aus unterschiedlichen Richtungen kommen, sich miteinander verbindenden und gleich darauf sich wieder trennen, um sich neu zu finden.

So sieht man die acht Tänzerinnen und Tänzer einmal im Ringen mit Materialien und Einflüssen, dann in solistischen Variationen, zu zweit, in der Gruppe, aber alles bleibt abstrakt, jeglicher Naturalismus wird gemieden, auch vermischen sich sowohl in den Kostümen als in den Bewegungen die Einflüsse der ausgewählten Stilrichtungen des Malers. Mal sind die Muster streng geometrisch, dann wieder in fließender Auflösung, auch wenn dann so bekannte Figuren wie ein Artist und ein Pierrot auftreten, es gibt weder Abbildungen noch Handlungen im strengen Sinne. Der Tanz mit seinen vielfältigen Bewegungsmöglichkeiten vermittelt die Suche nach Freiheit. Die Stationen auf diesem Weg können sowohl sanft und weich grundiert sein, von grotesker Absurdität oder von harter Strenge mit geometrischer Genauigkeit, wenn die Körper der Tänzerinnen und Tänzer sich wie Materialien zusammenfügen müssen.

Mit der ausgewählten Musik werden zunächst durchaus sanfte, melancholische Stimmungen vermittelt, der Klang verändert sich aber und spätestens bei den schärferen Klängen des präparierten Klaviers aus „Sonaten and Interludes“ von John Cage deutet sich an, in welche Gefahren sich dieser Freiheitstraum des Künstlers begibt. Mit dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges 1936 beginnt auch Picassos politisches Engagement. Als er zu Beginn des Jahres 1937 den Auftrag erhielt ein Bild für die Pariser Weltausstellung zu malen, konnte er nicht wissen, dass am 26. April dieses Jahres die deutsche Legion Condor die baskische Stadt Guernica zerstören, den Ort so gut wie auslöschen und mehrere Hunderte Menschen ermorden würde. Picasso schuf sein Bild „Guernica“, so gut wie keine Farben, nur abgestufte Grautöne verwendete er für diesen bis heute einzigartigen Aufschrei der Klage und der Anklage.

Zu Beginn des zweiten Teiles werden Motive dieses Bildes auf den geschlossenen eisernen Vorhang projiziert. Wenn sich dieser hebt, beginnt mit Klängen, die wie peitschende Schüsse durch den Raum pfeifen, die erste Sinfonie von Krzysztof Penderecki aus den Jahren 1972 und 1973, ein komplexes Werk von beunruhigender Wirkung. Auf der Bühne von Lode Devos und Hans Holger Schmidt drängen sich fünf Tänzer und vier Tänzerinnen in einem dunklen, bunkerartigen Raum mit einigen schlitzartigen Öffnungen. Ob sich die Menschen in einem Fluchtort befinden, ob sie eingeschlossen und interniert sind, ob sie Verbindungen zur Welt haben, die sie umgibt, bleibt Geheimnis. Der Boden dieses beängstigenden Raumes ist mit Sand bedeckt, die TänzerInnen werden ihn durch ihre Hände rieseln lassen, sie werden darauf Zuflucht suchen, sie werden ihn anhäufen und doch nicht über die sie umschließenden Mauern sehen können. Manchmal hat es den Anschein, als formten sie die Erde zu Grabhügeln, um sie gleich darauf einzuebnen.

Die vom Choreografen geschaffenen Menschgruppen, von Lichtstimmungen immer wieder zerteilt, vermitteln in ihren komplexen oder individuellen Bildern dennoch immer wieder Anflüge von Hoffnung oder Zuversicht inmitten dieser ausweglosen Situation. Dazu die Musik von Penderecki, Klangbilder aus grellen Dissonanzen im Gegensatz zu Momenten vorsichtig anklingender Hoffnungen, die aber sofort im Feuer des Schlagwerkes zunichtegemacht werden. So beeindrucken die TänzerInnen in diesem Tanztheater in den von Lode Devos geschaffenen Bildern, die allein durch die Kraft ihrer tänzerischen und körperlichen Präsenz den Aufstand wagen. Nach kurzem Innehalten brandet der Beifall im Cottbusser Theater los, viel Jubel, viel Zustimmung des Premierenpublikums für die großartigen Tänzerinnen, für den Choreografen, für das ganze Team und natürlich für „Picasso!“.

Veröffentlicht am 15.02.2017, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2016/17

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Kommentare zu "Weder getanzte Biografie noch bewegte Bilderschau"



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