HOMEPAGE



Bremen

AUF DER KIPPE

Deutschland-Premiere: „Kipppunkt – ein Tanzstück in Schieflage“ in Bremen



Mit dem Tanzstück „Kipppunkt" versucht Choreograf Günther Grollitsch mit dem internationalen Kooperationsprojekt von tanzbar_bremen und der Cie. BewegGrund das Thema Grenze und Grenzüberschreitung auf die Spitze zu treiben.


  • „Kipppunkt – ein Tanzstück in Schieflage“ in der Schwankhalle Bremen Foto © Daniela Buchholz

Von Martina Burandt

„Die Tränen der Welt sind unvergänglich. Für jeden der anfängt zu weinen hört ein anderer irgendwo auf. Genauso ist das mit dem Lachen.“ Mit diesem Zitat von Samuel Beckett beschreibt das Team von „KIPPPUNKT“ poetisch seine Arbeit. Zwei Tänzerinnen, drei Tänzer sowie ein Musiker stehen in einer Reihe und schauen ins Publikum. Ein jeder hält ein Brett in den Händen, was schon bald, wie eine Wippe aufgestellt, den ersten Kipppunkt demonstriert.

Kaum beendet die erste Tänzerin ihre lautstarke „Kippelei“, da wird sie von dem nächsten „Kippler“ abgelöst. Der Kipppunkt ist in diesem Tanzstück der spannende Moment, in dem die Festigkeit zwischenmenschlicher Beziehungen auf dem Prüfstand steht: Wann wechseln Machtverhältnisse, was braucht es um Beziehungen zum Kippen zu bringen? Wann schlägt Liebe in Hass oder Vertrauen in Misstrauen um? Und ist Gleichgewicht immer auch das Synonym für Harmonie?

In assoziativen Bildern erkennen wir mal ein Liebespaar, mal ein Geschwister-Duo, mal ein Freunde-Trio, dann eine Familie oder gar eine in Not geratene Reisegesellschaft. Der Tanz ist geprägt von der Contact-Improvisation, aber wir sehen auch mal eine starke Afrodance-Einlage bis hin zu kleinen pantomimischen Figuren, die in Gruppenbildern manchmal wie ein menschliches Mikado wirken, oder, zusammen mit der Musik, an Stummfilm-Szenen erinnern. Auch ganz kleine Alltagsbewegungen, wie beispielsweise ein Schluckauf, werden erfrischend eingesetzt.

„Kipppunkt“ ist zugleich ein Tanzstück und ein modellhaftes inklusives Kooperationskulturprojekt. Und da fragt man sich beim Zuschauen manchmal schon, wer in dieser unterschiedlichen Truppe (Jenny Ecke, Kilian Haselbeck, Esther Kunz, Alessandro Schiattarella, Oskar Spatz) mehr auf der Kippe steht: Die übermotivierte Tänzerin, die nur mit ganzem Speed tanzen kann oder die, die jede Möglichkeit nutzt, getragen zu werden? Und da schließt sich gleich die Frage an, wer hier eigentlich ein Handicap hat, wenn ja, welches und was das letztendlich für eine Bedeutung hat.

Genau diese Momente gehören zu den schönsten in „Kipppunkt“. Denn dann geraten alle Bewertungsmassstäbe über „Normal“ und „verrückt“ und „schön“ und „hässlich“ durcheinander und entpuppen sich letztendlich als nicht eindeutig oder einfach unwichtig. Und so wird es poetisch. Wir erkennen, dass hier einfach Menschen auf der Bühne sind, die sich tanzend - ein jeder in seiner Unterschiedlichkeit, als Einzelne(r) wie in der Gruppe, als faszinierend und wertvoll zeigen - ein immer wieder neues wunderbares Bild.

Das Modellprojekt möchte die inklusive Kulturarbeit des Bremer Vereins tanzbar_bremen e.V. (Zeitgenössischer Tanz für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung) und damit die Bedeutung von inklusiven künstlerischen Arbeiten auf eine internationale Ebene heben. So richtet sich „Kipppunkt“ an ein breites internationales Publikum mit und ohne Beeinträchtigung.

Doch fehlt es der Choreografie noch an professioneller Größe, an mutigem Heraustreten aus pädagogisierten Gedanken und an weiteren überraschenden Regieeinfällen. Dass das Haupt-Requisit für den unsicheren Boden ausgerechnet die kleine Brett-Wippe sein muss, ist weniger subtil als klischeehaft. Und auch etwas mehr Humor würde dieser „choreografischen Forschungsarbeit“ mehr Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit verleihen. Wirklich großartig ist die Musik im Stück. Florian Favre gelingt am Piano ein gleichermaßen einfühlsamer wie Akzente setzender Beitrag.

Veröffentlicht am 14.02.2017, von Gastautor in Homepage, Gallery, Tanz im Text, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 507 mal angesehen.



Kommentare zu "Auf der Kippe"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    AM ANFANG WAR DAS RENNEN

    Solo für Günther Grollitsch

    Veröffentlicht am 09.03.2010, von Gastautor


    TANZEN MIT HANDICAP?!

    Bremen „eigenARTig“ - ein Festival für inklusive Tanzkunst

    Pick bloggt zum Festival für inklusive Tanzkunst und wird mit Richard Srauß, einem langen Warten und Hunden konfrontiert.

    Veröffentlicht am 11.11.2015, von Günter Pick


    WIRD BREMEN DOCH WIEDER EINE TANZSTADT?

    Pick bloggt über ein tanzreiches Wochenende in Bremen

    Samir Akika, Neco Çelik und Simon Mayer mit drei außergewöhnlichen Vorstellungen, wie sie unterschiedlicher kaum sein können.

    Veröffentlicht am 24.11.2016, von Günter Pick


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    TREFFEN AUF MUNDHÖHE

    Zur Uraufführung „Bacon“ von Nanine Linning im Heidelberger Zwinger
    Veröffentlicht am 21.03.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WIRBELNDER FRÜHLING

    Die Compagnie Marie Chouinard eröffnet das diesjährige „Tanz Bremen“
    Veröffentlicht am 21.03.2017, von Martina Burandt


    WIR ORDNENS WIEDER UND ZERFALLEN SELBST

    „ORDR“ von Jonas Woltemate auf Kampnagel
    Veröffentlicht am 21.03.2017, von Gastautor



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    OSTERFESTIVAL TIROL 2017

    31. März bis 16. April in Hall und Innsbruck

    Das OSTERFESTIVAL lädt unter dem Motto auf.bruch zum 29. Mal zum internationalen Austausch. Der Fokus liegt auf zahlreichen österreichischen Erstaufführungen, Eigenproduktionen sowie Musik, die selten zu hören ist.

    Veröffentlicht am 14.02.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    IM HIER UND JETZT

    Die Staatliche Ballettschule Berlin begeistert mit „The Contemporaries, Volume 2“

    Veröffentlicht am 17.03.2017, von Volkmar Draeger


    „DIE BRAUTSCHMINKERIN“

    Mei Hong Lins neues Tanztheater frei nach Motiven von Li Ang am Landestheater Linz

    Veröffentlicht am 01.03.2017, von Marieluise Jeitschko


    DER TOD IST EIN MEISTER DES TANZES

    „Orfeus“ von Les Ballets Bubeníček in Hellerau

    Veröffentlicht am 05.03.2017, von Boris Michael Gruhl


    JOHANNES ÖHMAN ÜBERNIMMT VORZEITIG INTENDANZ DES STAATSBALLETTS BERLIN

    Nacho Duato beendet sein Engagement am Staatsballett schon im Sommer diesen Jahres

    Veröffentlicht am 18.03.2017, von Pressetext


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP