HOMEPAGE



Bonn

HERVORRAGEND KROSSES

Pick bloggt über „Jáchymov. Die Macht aus der Tiefe“ von Tanzwerke Vanek – Preuss



Aus der Brotfabrik Bonn nach eigenem Rezept: Was den Abend so lebhaft und farbig werden lässt, sind vor allem die drei hervorragenden TänzerInnen, ist unser Autor überzeugt.


  • "Jáchymov. Die Macht aus der Tiefe" von Tanzwerke Vanek - Preuss Foto © Meike Lindek
  • "Jáchymov. Die Macht aus der Tiefe" von Tanzwerke Vanek - Preuss Foto © Meike Lindek
  • "Jáchymov. Die Macht aus der Tiefe" von Tanzwerke Vanek - Preuss Foto © Meike Lindek

Es ist schon beachtenswert, wenn ein Choreograf sich ein Thema aussucht, das in etwa eine Freundlichkeit ausstrahlt wie Tschernobyl. Mir war der Ort „Jachymov“ in der Tschechischen Republik kein Begriff und auch Sankt Joachimsthal, wie es auf Deutsch hieß, hätte da nicht geholfen. Das Programmzettelchen verrät auch wenig vom Schrecken der Atomwaffen zur Zeit der UdSSR, die dort die Vergangenheit der Gegend wenig attraktiv machte. Aber sowieso leiten mich solche ‚Gebrauchsanweisungen’ eher dazu an, erst gar nicht hinzugehen, denn die Versprechungen philologisch verbrämt entsprechen fast nie dem, was sich auf der Bühne abspielt.

Die Vorstellung beginnt mit der Begrüßung dreier TänzerInnen am Einlass, von Melanie Riester kostümiert wie Zimmerpersonal im Hotel Sacher. Später sitzen sie am Flügel mit anheimelnder Musik von Franz Liszt, gespielt von Guido Preuß. Plötzlich sitzen wir im kompletten Dunkel - ziemlich lange - und sehen dann wie vier Akteure am Boden mit glänzend-schuppiger Fischhaut schwimmen und tauchen, soweit es der Bühnenboden, der ja kein Wasser ist, zulässt. Es ist eigentlich nichts Bedeutendes, was den Choreografen Karel Vanek dazu veranlasst, das Arbeitslicht anzuschalten und eine Diskussion mit dem Pianisten/Dramaturgen/Tänzer Guido Preuß zu beginnen, in welche Richtung die Szene weitergehen sollte. Im Laufe dieses Textes kommt die Rede auf Marie Curie, die Nobelpreisträgerin, ein Kind des Ortes Jachymov. Auch ihre Bedeutung für die Wissenschaft hat aber, was die Stadt betrifft, nicht wirklich Gutes gebracht. Das alles ist eher weniger aufregend als die ‚Wasserkünste’. Aber die Dialoge erklären dies und das und lassen dann und wann auch schmunzeln. Im Laufe des Abends werden sie sogar noch unerwartet richtig komisch. In meiner Beschreibung werde ich dem sicher nicht ganz gerecht, war es doch hauptsächlich Situationskomik. Ich werde jetzt auch nicht versuchen, das oft Absurde aus den einzelnen Szenen nachzuerzählen, dafür ist es zu collagenartig und ohne einen zweiten Besuch würde ich der Vielfalt wohl auch nicht gerecht werden, soviel bringen die Interpreten da auf die Bühne.

Die beiden Erfinder des ‚Absurdicals’ Vanek und Preuß habe ich schon genannt, aber was den Abend so lebhaft und farbig werden lässt, sind vor allem die drei hervorragenden TänzerInnen. Ich nenne mit Vergnügen zuerst die Kanadierin Michelle Cheung, die ein Solo von solch übertriebener Farbigkeit hinlegt, wie man es von einer so sanftmütig aussehenden Tänzerin mit asiatischem Hintergrund nie und nimmer erwartet hätte. Ich dachte sofort an Kabuki oder Nô-Theater in Japan. Prädikat wertvoll! Eine ebenfalls scheinbar sanfte, französisch sprechende Tänzerin mit brasilianischen Wurzeln, Lorhann da Cunha, wird auf einem Würfel, der leuchtet und normalerweise als Sitz oder Trommel dient, kopfstehend einen ganzen Dialog gegen niemanden durchstehen und die Veranstalter wären dumm, hätten sie nicht ihre Fähigkeit genutzt, diesen Abend mit den schmeichelnd, hinreißend schönen Tönen ihrer Violine fast unerreichbar zu machen. Ein großer Tänzer, wenn auch nicht von ganz so hohem Wuchs, ist Tobias Weikamp, der mir schon in der Choreografie von und mit Erik Trottier und Karel Vanek „Endless Refill“ in Mannheim aufgefallen war. Er passte ebenfalls gut zur Inszenierung. Er kann seine Füße so ausdrucksvoll bewegen und ist ein Energiebündel, dem man gerne zuschaut. Karel lässt ihn gegen Ende dieses lose zusammenhängenden Stücks einmal mehr zeigen, wo der Hammer hängt und wenn der Abend nicht auch mal trotz aller Unterhaltungskraft zu einem Ende kommen müsste, Tobi hätte noch eine halbe Stunde weiter gemacht, auf den Knien, in der Luft und, wenn es sein muss, auch dazwischen. Jedenfalls kommt es so rüber.

Es gibt eine sehr sparsame Dekoration, die vor allem aus eindrucksvollem Lichtdekor von Markus Becker besteht und das Produktionsteam, das nun mit dem neuen Namen Vanek Preuß agiert, hat einmal mehr gezeigt, was sie intellektuell so drauf haben: sich selbst und ihre Arbeit öffentlich immer wieder zu hinterfragen und was noch wichtiger ist, sich nicht allzu ernst zu nehmen.

Die Produktion geht am 30.1. nach Prag, dann wieder in die Brotfabrik/Bonn am 2., 3., 4,.Februar
dann nach Mannheim am 10.,11. und 17., 18. im Theater Felina Areal und ist in Köln am 10., 11. März in der Tanzfaktur zu erleben.

Veröffentlicht am 23.01.2017, von Günter Pick in Homepage, Blogs

Dieser Artikel wurde 911 mal angesehen.



Kommentare zu "Hervorragend Krosses"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    EINE WOCHE VOLLER ÜBERRASCHUNGEN

    Pick bloggt über einen historischen Ball in Bad Ems, "Hidden Tracks - Trammpelpfade des Glücks" in der Brotfabrik Bonn und den Ballettabend "Duato | Kylián | Naharin" beim Staatsballett Berlin.

    Eine vielfältige Woche einschließlich Zeitreise bescherte Günter Pick unterschiedlichste Erfahrungen.

    Veröffentlicht am 28.10.2015, von Günter Pick


     

    LEUTE AKTUELL


    AUF NEUEN WEGEN

    Bettina Wagner-Bergelt verlässt das Bayerische Staatsballett
    Veröffentlicht am 29.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


    "EINE GROßE EHRE"

    Tarek Assam zum Sprecher der Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren Konferenz gewählt
    Veröffentlicht am 05.05.2017, von Dagmar Klein


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien
    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    BEYTNA

    Ein Stück von Omar Rajeh / Maqamat Dance Theatre am 06.10.2017 in der Tafelhalle Nürnberg

    Beytna feiert die Vielstimmigkeit und lädt Sie zum Mahl auf die Bühne ein.

    Veröffentlicht am 14.09.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DEUTSCHLAND BLEIBT TANZLAND

    Das Spielzeitheft Nr. 4 ist da!

    Veröffentlicht am 30.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


    AUF NEUEN WEGEN

    Bettina Wagner-Bergelt verlässt das Bayerische Staatsballett

    Veröffentlicht am 29.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


    HELL YES!

    Richard Siegals „El Dorado“ auf der Ruhrtriennale im PACT Zollverein in Essen

    Veröffentlicht am 27.08.2017, von Carmen Kovacs


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    NANINE LINNING GEHT NEUE WEGE

    Im Sommer 2018 verlässt die Leiterin der Tanzsparte Heidelberg

    Veröffentlicht am 07.09.2017, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP