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Erfurt

OPER ALS TANZTHEATER

"Hercules" ist die zweite Koproduktion des Theaters Erfurt mit dem Tanztheater Erfurt



Das kommt gut an: Es sind immer wieder die zarten, die leisen, die zerbrechlichen Töne der Oper Georg Friedrich Händels im Dialog mit der Körpersprache der Tänzer und dem Klang des Orchesters, die das Besondere dieses Musiktheaters ausmachen.


  • "Hercules" von Georg Friedrich Händel; Choreografie: Ester Ambrosini Foto © Lutz Edelhoff
  • "Hercules" von Georg Friedrich Händel; Choreografie: Ester Ambrosini Foto © Lutz Edelhoff
  • "Hercules" von Georg Friedrich Händel; Choreografie: Ester Ambrosini Foto © Lutz Edelhoff
  • "Hercules" von Georg Friedrich Händel; Choreografie: Ester Ambrosini Foto © Lutz Edelhoff
  • "Hercules" von Georg Friedrich Händel; Choreografie: Ester Ambrosini Foto © Lutz Edelhoff
  • "Hercules" von Georg Friedrich Händel; Choreografie: Ester Ambrosini Foto © Lutz Edelhoff
  • "Hercules" von Georg Friedrich Händel; Choreografie: Ester Ambrosini Foto © Lutz Edelhoff

Nach der erfolgreichen Koproduktion des Theaters Erfurt mit dem Tanztheater Erfurt mit Glucks „Orpheus und Eurydike“ in der letzten Saison, jetzt eine erneute Kooperation des Stadttheaters mit der freien Szene: „Hercules“ von Georg Friedrich Händel. Er selbst nannte sein Werk zur Uraufführung „A Musical Drama“, änderte aber die Bezeichnung wieder in „Oratorio“, weil das Publikum in London eben das erwartete. Ein Kritiker schrieb aber schon damals, dass Händel mit „Hercules“ eigentlich eine englische Oper geschrieben habe, deren Erfolg zunächst ausblieb, weil es keine Inszenierung gab. In der Inszenierung und Choreografie von Ester Ambrosino feierte „Hercules“ nun eine begeistert aufgenommene Premiere am Theater Erfurt.

Man denkt ja beim Namen des Halbgottes aus der griechischen Mythologie zunächst an die Heldentaten des Hercules, darum geht es aber nicht in Händels Werk. Es geht um die tragische Eifersucht der Gattin des Hercules, Dejanira, die zunächst darauf wartet, dass er aus dem Krieg zurückkehrt. Ihre Ängste werden bestärkt, als der Sohn heimkehrt, dem die Götter den Tod des Vaters prophezeit haben. Aber dann kehrt Hercules doch heim und bringt gewissermaßen als Kriegsbeute die Prinzessin Iole mit. Für seine Frau beginnt ein Drama der Eifersucht. Für den Sohn der Schmerz unerwiderter Liebe zu dieser Prinzessin. Das Unheil nimmt seinen Lauf.

Um die Liebe des Hercules wieder zu erlangen, vertraut Dejanira auf einen vermeintlichen Zauber: Sie lässt ihm das blutige Hemd des getöteten Zentaur bringen. Dieser Versuch ist für Hercules tödlich, er hatte den Zentaur ja besiegt, das Hemd auf seiner Haut lässt ihn am lebendigen Leibe verbrennen, er stirbt in den Armen seines Sohnes. Dejanira erkennt in einer verzweifelten Wahnsinnsszene ihre Schuld - kleines Zeichen von Hoffnung, zwischen dem Sohn Hyllos und der Prinzessin Iole kommt es zu einer zarten Annäherung.

Samuel Bächli, Dirigent der Aufführung, hat eine eigene Fassung erstellt, und diese ist grandios gelungen. In gut 100 Minuten ohne Pause gibt es Rezitative, Arien, Chöre, Zwischenspiele, z. T. auch aus anderen Werken Händels und am Ende sogar ein Duett, übernommen aus „Solomon“, hat es eben jene Momente zart aufkeimender Hoffnung. Das ist musikalisch spannend im dramaturgisch klug konzipierten Wechsel aus Aktion und Reflexion und kommt vor allem auch den tänzerischen Ansprüchen sehr entgegen. Nach der Art des antiken Dramas vollzieht sich so musikalisch eine unaufhaltsame Tragödie von Menschen, die schuldlos schuldig werden, und anderen, die dies machtlos miterleben müssen.

Obwohl es sich beim Philharmonischen Orchester Erfurt nicht um ein Spezialensemble für barocke Musik handelt, gelingt es Samuel Bächli hervorragend mit diesen Musikern dem über weite Strecken sehr verinnerlichten Geschehen so etwas wie eine Grundierung zu geben, einen musikalischen Schutz oder den Nachklang jener Facetten des Wahns und der Verzweiflung auf der diese Menschen einschließenden Bühne von Jeannine Clemen und Moritz Weißkopf.

Die Gründerin und Leiterin des Erfurter Tanztheaters, Ester Ambrosino, führt Regie und ist zugleich Choreografin. Zu den Sängerinnen und Sängern, zum Chor des Theaters Erfurt kommen 12 Tänzerinnen und Tänzer, der Sängerin Katja Bild als Dejanira ordnet sie die Tänzerin Maria Giovanna Delle Donne zu, dies ist aber auch die einzige durchgehende solistische Rolle, ansonsten wechseln die Tänzerinnen und Tänzer ihre Zuordnungen und eigenen Spiegelungen der Dramatik. In assoziativer Konsequenz bringt Ester Ambrosino Musik, Gesang und Tanz bestens zusammen, ohne die Tänzer zu Dubletten der Sänger werden zu lassen. So wie der Chor in dieser Fassung nicht vornehmlich kommentierende Aufgaben hat, so auch nicht die Tänzerinnen und Tänzer.

Im Tanz von Maria Giovanna Delle Donne wird in expressiver und sensibler Weise zum Ausdruck gebracht, bricht sich gewissermaßen auch optisch Bahn, was die Sängerin der Dejanira durchleidet. Höhepunkt ist da natürlich ihre große Szene des Wahns, mehr vielleicht noch der Schluss, wenn sie ohne Orchesterbegleitung mit berührenden Pianotönen verlischt und die Tänzerin dazu noch einmal den sich aufbäumenden Lebenswillen zum Ausdruck bringt.

Und das zeichnet die Arbeit von Ester Ambrosino mit diesen Tänzern aus, deren Kraft aus der Sensibilität kommt, sich selbstständig Bahn bricht, mal direkter, dann wieder indirekter. Ein bewegter Dialog mit den Sängern und dem Chor. Bewundernswert, wenn es gelingt, auf die Persönlichkeiten der Sänger konzentriert, diese in Bewegungen mit den Tänzern und Chorsängern zu führen. Für die Tänzer hat die Choreografin ein Repertoire gewählt, das mit Mitteln des Street- und Breakdance in die Gegenwart weist, es gibt Abstraktionen aus dem Bereich des modernen Tanzes, auch Momente aus den Traditionen des Ausdruckstanzes sind eingebunden, aber immer im Einklang mit den individuellen Persönlichkeiten der Tänzer. Und es ist die Individualität, es sind die persönlichen Töne der Sängerinnen und Sänger im Zusammenspiel mit den Tänzerinnen und Tänzern, die dieser Produktion so nachhaltige Kraft geben.

Keine Koloraturfeuerwerke, keine gesangstechnischen Demonstrationen, es ist choreografisch bewegtes und vom Gesang her bewegendes Musiktheater. Da ist der südafrikanische Sänger Siyabulela Ntlale als Hercules, ein kräftiger Mann mit den Tönen einer zerbrochenen Seele. Julia Neumann als Prinzessin Iole, mit den Tönen der Einsamkeit in dieser schuldlosen Situation und mit der Zartheit der Hoffnung am Schluss im Duett mit Won Whi Choi als Sohn des Hercules und Annie Kruger als Diener Lichas, vermittelnd, aber scheiternd. Das sind mit den choreografisch agierenden Sängern des Chores wunderbare Leistungen. Das Ensemble kann sich der Musikalität der Choreografin als Regisseurin anvertrauen und dem feinen Gespür für die individuellen Möglichkeiten durch den Dirigenten. So sind es immer wieder die zarten, die leisen, die zerbrechlichen Töne im Dialog mit der Körpersprache der Tänzer und dem Klang des Orchesters, die das Besondere dieses Musiktheaters ausmachen.

Am Ende großer Jubel, stürmischer Beifall, es sind vor allem die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer, die es, nach kurzer Stille der Bewegtheit, dann regelrecht von den Sitzen reißt

Veröffentlicht am 17.01.2017, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2016/17

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Kommentare zu "Oper als Tanztheater"



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